Wie in Viersen die Leidenschaft zur Modelleisenbahn Fahrt aufnimmt

Es riecht nach Kartons, die sich in langen Regalen stapeln. In ihnen Schätze, viele von ihnen über viele Jahre hinweg hinter Glas ausbewahrt, auf dem Dachboden wiedergefunden oder in Hobbyräumen liebevoll bespielt. In der unscheinbaren Halle an der Hosterfeldstraße in Viersen schlägt das Herz einer ganz eigenen Welt – klein, präzise, detailverliebt. Hier, wo Miniaturzüge auf großen Visionen rollen, erfüllt sich ein Kindheitstraum, der längst zu einem florierenden Unternehmen geworden ist.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Viersen – David Viehmann steht zwischen Regalen, in denen sich Lokomotiven, Waggons und Schienen stapeln – rund 20.000 Artikel, fein säuberlich katalogisiert. „Jede Lok hat ihre eigene Geschichte“, sagt er mit einem Lächeln, das verrät, dass hier mehr als nur Handel betrieben wird. Es ist Leidenschaft, Nostalgie und Unternehmergeist zugleich. Begonnen hat alles im Stillstand. Während der Corona-Pandemie, als das öffentliche Leben auf Sparflamme lief, griff Viehmann zu einer Idee, die in seinem Wohnzimmer geboren wurde: Er verkaufte aus der Not heraus seine eigene kleine Modelleisenbahnsammlung. „Der erste Verkauf war keine Sensation“, erinnert er sich, „aber ich wusste plötzlich: Das kann etwas werden.“

Was damals als privater Onlinehandel begann, ist heute ein Betrieb mit 30 Mitarbeitenden auf 1.800 Quadratmetern Fläche. Monat für Monat verlassen 3.000 Lieferungen das Viersener Lager, in welchem die Firma Modelleisenbahngebraucht.de seit Sommer dieses Jahres beheimatet ist. Das Unternehmen ist mittlerweile bundesweit – und über die Grenzen hinaus – bekannt, kauft alte Modellbahnschätze aus Wohnzimmern, Kellern und Dachböden und schenkt ihnen ein zweites Leben – ob es sich um den großen Rekordankauf in Hamburg für 90.000 Euro handelt oder um ein kleines Erbstück, das nach Jahrzehnten wieder Fahrt aufnehmen darf. „Wir kaufen alles – vom kleinen Karton mit Einzelteilen bis zur kompletten Anlage“, erzählt Viehmann. „Jede Sammlung ist ein Stück Geschichte.“ Die Loks werden auf Herz und Motor geprüft, jede Weiche getestet. Was nicht mehr fahrtüchtig ist, wird als Ersatzteil über eBay weitergegeben. Nichts geht verloren – auch nicht die Erinnerung an Kindheitstage, als das Rattern der Züge noch ein Weihnachtsgeräusch war.

David Viehmann steht zwischen Regalen, in denen sich Lokomotiven, Waggons und Schienen stapeln – rund 20.000 Artikel, fein säuberlich katalogisiert. Foto: Rheinischer Spiegel

Wer durch die Hallen geht, spürt den Pulsschlag einer Szene, die viele längst totgeglaubt haben. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Es gibt in Deutschlang eine große Fangemeinde“, sagt Viehmann. Mit seinem Online-Shop modelleisenbahngebraucht.de und seiner Webseite modellbahn-ankauf.de hat er eine Brücke geschlagen zwischen Tradition und Technik. Heute finden Sammler ihre Lieblingsmodelle online, können sie aber auch vor Ort in Viersen an der Hosterfeldstraße 31 immer Montag bis Mittwoch von 9 – 15 Uhr abholen – eine Möglichkeit, die bereits viele Modellbahner aus der Region begeistert nutzen. Ein Lagerverkauf ist bereits in Planung, das Genehmigungsverfahren bei der Stadt läuft. Künftig sollen Besucher in den Regalen stöbern dürfen, in denen winzige Dampfloks, Güterzüge und ICEs Seite an Seite auf neue Besitzer warten.

Dass Viehmann die Leidenschaft zur Eisenbahn im Blut hat, merkt man schnell. Geboren in Heinsberg, aufgewachsen direkt gegenüber dem Bahnhof Schierwaldenrath – dem Heimatbahnhof der Selfkantbahn, der letzten schmalspurigen Eisenbahn Nordrhein-Westfalens – war die Faszination für Schienen und Dampf quasi vorprogrammiert. „Als Kind stand ich oft an den Gleisen und habe den Lokführern zugewinkt. Diese Begeisterung hat mich nie verlassen.“ Heute wohnt er in Mönchengladbach und mit einer gut geölten Firmenstruktur in Viersen bringt Viehmann Modellbahnträume in Bewegung – nicht nur für Sammler, sondern für alle, die sich ein Stück Kindheit zurückholen möchten. Und so rollt in der Lagerhalle an der Hosterfeldstraße nicht nur Technik auf Schienen, sondern auch ein Gefühl, das Generationen verbindet: die Freude an Präzision, Geduld und dem Zauber im Kleinen.

Am 2. Dezember, dem bundesweiten „Tag der Modelleisenbahn“, öffnet sich dieser Mikrokosmos ganz besonders. Deutschlandweit feiern Hersteller, Händler und Vereine das traditionsreiche Hobby mit Ausstellungen, offenen Türen und leuchtenden Augen. Und während draußen der Advent Einzug hält, zischt in der Nähe vielleicht gerade eine kleine Dampflok um eine Kurve – und erinnert daran, dass es manchmal die kleinen Dinge sind, die die größten Geschichten erzählen. (sk)

Die Loks werden auf Herz und Motor geprüft, jede Weiche getestet. Foto: Rheinischer Spiegel