Wenn der Frohsinn explodiert – Breyell im Rausch der 5. Boisheimer Herrensitzung

Das Publikum tobte von der ersten Sekunde an: In Breyell hat die Karnevalsgesellschaft Ki Ka Kai a 1902 e.V. gestern ihre 5. Herrensitzung gefeiert – ein wilder Ritt durch Musik, Tanz und Comedy, bei dem kein Bein stillstand, sich kein Lachen verkroch und jeder Moment nach mehr süchtig machte. Von den glitzernden Kostümen über mitreißende Choreografien bis zu schallendem Humor erlebten die Gäste einen Nachmittag, der die Halle zum Beben brachte.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Leo Dillikrath

Nettetal-Breyell/Bossem – Stimmengewirr, Gläserklang, das Rascheln von Jacken, erste Lacher, die wie Funken übersprangen. Am gestrigen Sonntag verwandelte sich das „Kreuels“ in Breyell in ein brodelndes Epizentrum des Frohsinns: Die Karnevalsgesellschaft Ki Ka Kai a 1902 e.V. Boisheim hatte zur 5. Herrensitzung geladen – und gefühlt die halbe Region folgte diesem Ruf mit leuchtenden Augen und offenen Herzen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Der Duft von frischer Hopfenkaltschale und guter Laune hing schwer und verheißungsvoll im Raum. Als Sitzungspräsident Marco Dillikrath schließlich die Bühne betrat, hatte er das Publikum sofort im Griff. Mit feinem Gespür, treffsicherem Witz und dieser unverwechselbaren Mischung aus Souveränität und Augenzwinkern führte er durch den Nachmittag – humorvoll, präsent, immer mitten im Geschehen. Kein Wort zu viel, kein Moment verschenkt.

Der erste große Auftritt setzte direkt ein Ausrufezeichen: Der Einzug des Prinzenpaares – oder besser gesagt: der Prinzessin. Wo war der Prinz? (Anmerkung der Redaktion: Wir wünschen Prinz Franz-Herbert I. von Herzen gute Besserung!) Prinzessin Elke I. ließ sich davon nicht beirren, im Gegenteil: Sie bekam kurzerhand königliche Unterstützung durch das 1. Nettetaler Dreigestirn – Prinz Peter III., Jungfrau Martina und Bauer Christian.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Musikalisch ließ die Herrensitzung keine Verschnaufpause zu. Mit SO!LALA stand eine Band auf der Bühne, die den Saal binnen Sekunden in Bewegung versetzte. Die Wegberger Karnevals-Coverband brachte den Sound des Kölner Karnevals in modernen, druckvollen Arrangements nach Breyell – und das kompromisslos live. Seit 1991 karnevalistisch eingemeindet, seit 2017 mit frischem Wind unterwegs, fegte SO!LALA wie ein Orkan durch den Saal. Stimmen wurden heiser, Füße tanzten, Stühle wurden zur Nebensache. Nach ihnen blieb der Saal ein brodelndes Chaos – zu viele ausgelassene Gäste, zu viel Vorfreude, zu viel Energie.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Hier kämpfte Djavid gegen die Unruhe an, der junge Comedy-Rookie aus Köln mit afghanischem Background, der seit einigen Jahren deutschlandweit auftritt und mit seinen einzigartigen Sets für Lacher sorgt. Trotz der schwer zähmbaren Saalmassen ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit scharfer Beobachtungsgabe, charmantem Witz und der Fähigkeit, selbst banale Alltagssituationen zu einem skurrilen Spektakel zu verwandeln, brachte er die Gäste zum Staunen.

Seine Geschichten über den Büroalltag, die oft übersehenen kleinen Momente des Lebens und seine unverwechselbare Art, Pointen mitten ins Herz zu setzen, ließen den Saal aufhorchen – und immer wieder aufbrausen. Mit grenzenlosem Einsatz, spontanen Geistesblitzen und einer Energie, die ansteckt, kämpfte Djavid sich durch die ersten chaotischen Reihen, brachte Lacher und Staunen gleichzeitig und zeigte, warum er bereits Finalist und Gewinner diverser Comedyformate ist.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Dann ein kompletter Stimmungswechsel – und doch blieb die Energie auf Anschlag: Das Tanzkorps Blaue Jungs der KG Lövenicher Neustädter 1903 e.V. betrat die Bühne. Seit über 70 Jahren stehen sie für Tanzkunst im kölschen Karneval, und auch in Breyell bewiesen sie eindrucksvoll, warum sie erst kürzlich vom Festkomitee Kölner Karneval zur „Echt Kölschen Tanzgruppe“ ernannt worden waren. Tänzerinnen und Tänzer füllten die Bühne mit Präzision, Kraft und Eleganz.

Akrobatische Hebefiguren – mitsamt einem Freiwilligen aus dem Pulk der männlichen Feierbiester -, fließende Übergänge, perfekt gesetzte Bilder – alles wirkte leicht und spielerisch, war aber bis ins Detail durchchoreografiert. Begleitet von klassischer und aktueller kölscher Musik entstand diese besondere Magie von „handgemachtem“ Fasteleer. Man konnte spüren, wie der ganze Saal den Atem anhielt – und ihn dann in tosendem Applaus wieder freigab.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Für Lacher, die Tränen in die Augen trieben, sorgte anschließend „Die süße Helga“. Mit Berliner Schnauze, frechem Charme und einem Herz aus Gold stürmte sie die Bühne unter dem Motto „Lachen hält gesund“. Direkt, ehrlich, herrlich respektlos erzählte sie aus dem Eheleben: „Vorher ledig, jetzt erledigt.“ Das Publikum lag ihr sofort zu Füßen. Zwischen pointierten Beobachtungen über die Liebe von früher und heute und Schlagern, die nahtlos in Comedy übergingen, entstand ein rasanter Mix aus Wortwitz und Musik. Hinter der Kunstfigur steckt Martin März, ein Künstler mit zwei – eigentlich vielen – Persönlichkeiten. Als Schlagersänger, Entertainer und Comedian vereint er Gegensätze, die sich perfekt ergänzen.

Dass dieser Auftritt kein Zufall war, zeigte ein Blick auf seine Karriere: Seit 2009 auf der Bühne, einst Teilnehmer bei „Das Supertalent“, ausgebildeter Heilpädagoge, der den Humor zum Beruf machte. Seit 2019 auch als Schlagersänger erfolgreich, mit Plattenvertrag bei Fiesta Records, eigenen Songs, TV-Auftritten und einem Debütalbum „Mit voller Kraft“. In Breyell verschmolz all das zu einer Show, die gleichzeitig laut, herzlich und nahbar war.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Visuell überwältigend wurde es mit der Tanzgarde des Festausschusses Süchtelner Karneval. Ihr diesjähriges Motto führte das Publikum auf eine Reise nach New York – genauer gesagt in den Central Park Zoo. Mit der Freiheitsstatue, einer imaginären MS C Süchteln als Transportschiff und einer Choreografie, die zwischen Broadway-Glamour und karnevalistischer Exaktheit pendelte, entstand ein wahres Bilderfeuerwerk. Silberne Kostüme funkelten im Licht, Formationen wechselten blitzschnell, die gesamte Halle schien mitzuschwingen. Für einen Moment war der Niederrhein ganz weit weg – und doch so präsent wie nie.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Den Schlusspunkt setzte eine Band aus der Nachbarschaft, die genau wusste, wie man einen solchen Nachmittag vollendet: die Oedingsche Jonges aus Krefeld. Seit 1993 unterwegs, weit über den Karneval hinaus bekannt, brachten sie mit kölschen Liedern noch einmal alles auf den Siedepunkt. „Leev Marie“ oder „Kölsche Jung“ ließen den Saal erbeben. Es wurde gesungen, geschunkelt, gelacht – Schulter an Schulter, Stimme an Stimme.

Und während draußen der Sonntag langsam verging, blieb drinnen das Gefühl, Teil von etwas ganz Besonderem gewesen zu sein: einem karnevalistischen Nachmittag, der nicht einfach stattfand, sondern sich tief ins Gedächtnis einbrannte. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath