Zwischen Genuss und Gefahr: Warum die Pilzjagd im Herbst voller Tücken steckt

Wenn sich im Herbst die Wälder in leuchtendes Rot und sattes Gold hüllen, zieht es unzählige Menschen hinaus ins Freie. Neben Spaziergängern und Wanderern sind es vor allem Pilzsammlerinnen und Pilzsammler, die mit Körben und Messern bewaffnet durch das Unterholz streifen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Leo Dillikrath

Magazin – Der Reiz ist groß: frische, selbst gefundene Steinpilze, Pfifferlinge oder Maronen-Pilze auf dem Teller – ein Stück Natur, das direkt in der eigenen Küche landet. Doch so idyllisch die Vorstellung auch ist, sie birgt ein Risiko, das oft unterschätzt wird.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

In deutschen Wäldern wachsen mehr als 6.000 Großpilzarten, und nicht jeder lässt sich leicht auseinanderhalten. Vor allem Anfänger geraten in Versuchung, einen Fund vorschnell für essbar zu halten. Manche der gefährlichsten Arten ähneln dabei beliebten Speisepilzen täuschend echt. Besonders heimtückisch ist der Grüne Knollenblätterpilz, der trotz seines unscheinbaren Aussehens immer wieder zu schweren Vergiftungen führt. Er trägt einen grünlich bis gelblich schimmernden Hut, weiße Lamellen und einen charakteristischen knolligen Fuß mit Ring. Auf den ersten Blick kann er mit Wiesenchampignons oder Täublingen verwechselt werden – ein Irrtum, der tödlich enden kann.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist darauf hin, dass allein der Grüne Knollenblätterpilz für rund fünf Prozent aller registrierten Pilzvergiftungen verantwortlich ist, jedoch für mindestens 80 Prozent aller Todesfälle. Die darin enthaltenen Gifte schädigen vor allem die Leber und können ein Organversagen auslösen. Besonders Kinder und ältere Menschen sind gefährdet. Erste Symptome zeigen sich oft erst Stunden nach dem Verzehr: Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen. Diese Beschwerden lassen sich zunächst leicht mit einer harmlosen Magenverstimmung verwechseln – ein gefährlicher Trugschluss, da wertvolle Zeit verstreicht.

Wer nach einer Mahlzeit mit selbst gesammelten Pilzen Unwohlsein verspürt, sollte sofort ärztliche Hilfe suchen oder sich an ein Giftinformationszentrum wenden. Für die Diagnose können Pilzreste oder sogar Erbrochenes entscheidende Hinweise liefern. Medizinische Laien sollten keinesfalls versuchen, die Situation selbst in den Griff zu bekommen. Auch das absichtliche Auslösen von Erbrechen kann gesundheitliche Risiken bergen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Trotz der Gefahren boomt das Pilzesammeln. Unterstützt durch die allgegenwärtigen Smartphones greifen immer mehr Sammler zu Apps, die anhand von Fotos eine Bestimmung versprechen. Doch Experten der Deutschen Gesellschaft für Mykologie warnen vor einer trügerischen Sicherheit. Kein digitales Programm sei in der Lage, die Vielfalt der Pilzwelt vollständig zu erfassen. Bilder allein reichen nicht aus, um einen Pilz sicher einzuordnen. Selbst erfahrene Sammler können Fehler machen – umso größer ist die Gefahr für Anfänger.

Wer Pilze sammeln möchte, sollte deshalb Grundwissen erwerben, sei es durch Lehrwanderungen, Kurse oder Bestimmungsabende in Pilzvereinen. Auch Pilzausstellungen bieten eine gute Gelegenheit, die Artenkenntnis zu vertiefen. Noch sicherer ist der Gang zur Pilzberatung: Viele Städte und Gemeinden bieten die Möglichkeit, das Sammelgut von geschulten Pilzsachverständigen prüfen zu lassen. Das schützt nicht nur die eigene Gesundheit, sondern gibt auch Sicherheit für die Zubereitung.

Apps können dennoch eine Rolle spielen – als ergänzender Bildatlas, um Funde unterwegs grob einzuordnen. Vor allem für Naturinteressierte, die Pilze lediglich bewundern, aber nicht essen wollen, sind sie ein spannendes Werkzeug. Doch sie ersetzen kein Wissen und keine Erfahrung. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath