Vom Eck her – Ein Bahnhof ohne Zukunft oder … Wenn Bröckeln ein Konzept wäre

Liebe Deutsche Bahn, ihr wart ja ganz stolz: „Frühjahrsputz an hunderten Bahnhöfen! Mehr als 100 Millionen Euro für Sauberkeit und Sicherheit! Zukunftsbahnhöfe profitieren besonders!“ – so stand es vor einigen Monaten in eurer großen Pressemitteilung. Da sah man sie förmlich schon, die strahlenden Glasfassaden, frisch gewienerten Aufzugsschächte und blitzblanken Vitrinen. Ganz Deutschland einmal durchgewischt.
Das Vierscher Versehen – Glosse von Jupp van’t Eck

Viersen – Tja, nur Viersen hat davon bisher leider nichts abbekommen. Viersen ist kein „Zukunftsbahnhof“, nicht mal „Gegenwartsbahnhof“. Eher ein „Gestern-besser-nicht-hingucken-Bahnhof“. Seit Jahrzehnten reißen hier die Wände auf, Risse werden lieblos überspachtelt wie Schminke vor’m Schützenfest. Spätestens nach dem nächsten Regen platzt das Make-up wieder auf.

2019 hat man uns immerhin ein bisschen Kunst in den Tunnel gehängt – „Weltkunst in Viersen“, feierlich von der Bahn präsentiert. War nicht eure Idee, aber ihr hab sie wenigstens mit bezahlt. Heute sieht es eher nach „Kunst im Schandfleck“ aus: Die Farbe blättert ringsherum ab, der Boden glänzt höchstens noch vor abgestandenem Wasser und die Kunstwerke selbst wirken inzwischen so, als wollten sie am liebsten abhauen.

Foto: Rheinischer Spiegel

Dabei erzählt ihr doch, liebe Bahn, Sauberkeit erhöhe das Sicherheitsempfinden. Klingt gut – nur in Viersen ist das Sicherheitsempfinden eher deswegen hoch, weil keiner länger bleibt, als er unbedingt muss. Wer durch den Tunnel huscht, huscht schneller als jeder RE nach Köln.

Also, wie wär’s mal mit einer echten Investition hier? Ein bisschen Farbe, ein bisschen Liebe, ein bisschen Frühjahrsputz auch abseits der „Zukunftsbahnhöfe“. Denn sonst bleibt Viersen halt genau das: ein Bahnhof, an dem man die Zukunft höchstens darin sieht, wie schnell er noch weiter verfallen kann.

Also, liebe Bahn: Wir warten jetzt seit Jahrzehnten darauf, dass ihr hier mal nicht nur Risse zuschmiert, sondern wirklich etwas macht. Stattdessen verkauft ihr uns Pressemitteilungen voller Glanz und „Zukunft“ – und in Viersen bröckelt weiter die Vergangenheit von den Wänden. Unser Bahnhof ist längst kein Verkehrsknoten mehr, er ist ein lebendiges Museum des Verfalls. Eintritt frei, Geruch inklusive.

Und während ihr Millionen in „Zukunftsbahnhöfe“ steckt, bleibt Viersen der „Bahnhof ohne Zukunft“. Herzlichen Glückwunsch – damit seid ihr hier wenigstens konsequent. Vielleicht kriegt unser Bahnhof ja irgendwann den UNESCO-Welterbestatus. Nicht als Schmuckstück der Architektur, sondern als Mahnmal dafür, wie man es jahrzehntelang schafft, nichts zu machen.

Euer
Jupp van’t Eck

Foto: Rheinischer Spiegel