Viersen hat am Sonntag ein deutliches, zugleich ungewöhnlich lebendiges Signal für kindgerechte Mobilität erlebt. Auf dem Rathausmarkt trafen sich trotz eines eher unfreundlichen Wetterberichts zahlreiche Familien, um an der ersten Kidical Mass in der Stadt teilzunehmen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersen – Die Aktion, zu der Parents for Future Kreis Viersen gemeinsam mit dem ADFC im Rahmen der Nachhaltigkeitswoche eingeladen hatten, verband den Charakter einer Fahrraddemonstration mit einer bewusst niedrigschwelligen, familienfreundlichen Ausfahrt durch die Innenstadt. Im Mittelpunkt stand eine einfache Forderung, die für viele Eltern und Kinder den Alltag betrifft: Wer mit dem Fahrrad zur Schule, zum Sport oder zu Freunden unterwegs ist, braucht sichere Wege.

Schon vor dem Start war auf dem Rathausmarkt zu sehen, dass es den Teilnehmenden nicht um eine symbolische Einzelaktion ging, sondern um ein kollektives Anliegen. Kinder standen mit geschmückten Rädern bereit, bunte Fähnchen flatterten an Lenkern und Felgen, und immer wieder war das helle Klingeln zu hören, das solchen Demonstrationen ihren unverwechselbaren Klang gibt. Die Stimmung blieb trotz des wechselhaften Wetters bemerkenswert gelassen. Viele der Mitradelnden hatten Regenjacken, Helm und kleine Proviantbeutel dabei; vor allem aber brachten sie die Bereitschaft mit, sich auf eine rund fünf Kilometer lange Tour einzulassen, bei der nicht Tempo, sondern Sichtbarkeit zählte. Die Kinder gaben das Tempo vor, und genau darin lag auch die Botschaft der Veranstaltung: Mobilität müsse sich an den Jüngsten orientieren, nicht umgekehrt.
Die Strecke führte zunächst durch die Innenstadt und zog dann weiter in Richtung Stadtwaldallee, ehe sich der Kreis wieder schloss und die Gruppe zum Rathausmarkt zurückkehrte. Nach Angaben der Polizei war der Einsatz aus Sicherheitsgründen bewusst großzügig angelegt. Weil die Route mehrfach die Freiheitsstraße kreuzte, begleiteten drei Streifenwagen und ein Motorrad die Fahrt. Dadurch blieb der Verkehrsfluss kontrolliert, zugleich konnten die Teilnehmenden die Innenstadt in einer geschlossenen und abgesicherten Gruppe durchqueren. Für die Kinder war das mehr als nur eine organisatorische Randnotiz; es machte sichtbar, wie viel Schutz im Alltag ansonsten fehlt, wenn sie auf denselben Straßen allein unterwegs sind.

Der Gedanke der Kidical Mass ist in vielen Städten längst zu einem festen Bestandteil der verkehrspolitischen Debatte geworden. Auch in Viersen wurde er gestern in eine lokale Form übersetzt: nicht als abstrakte Diskussion über Infrastruktur, sondern als konkrete Fahrradrunde mit kleinen und großen Teilnehmenden, die sich ihren Platz auf der Straße sichtbar nahmen. Viele der Wünsche, die während der Fahrt auf Stofffähnchen notiert wurden, drehten sich um dieselben Punkte: sichere Querungen, verlässliche Radwege, weniger Konflikte mit dem Autoverkehr und mehr selbstständige Wege für Kinder. Die Fähnchen wurden anschließend an einer Felge gesammelt, die als Symbolträger gedacht war. Bürgermeister Christoph Hopp konnte die Sammlung leider wegen eines Terminkonflikts nicht persönlich entgegennehmen; sie wurde deshalb vor seinem Büro abgestellt.
Dass Kinder und Jugendliche sich selbstständig und ohne Angst bewegen können sollen, ist der Kern der Kidical-Mass-Bewegung, die über lokale Initiativen, Vereine und engagierte Ehrenamtliche organisiert ist. In Viersen verband sich dieser Anspruch gestern mit einer sehr praktischen Frage: Wie lässt sich eine Stadt so gestalten, dass ein Schulweg nicht zum Risiko wird und ein kurzer Weg zum Sportplatz oder zum Freund keine Begleitung durch Erwachsene voraussetzt? Die Antwort darauf ist aus Sicht der Initiatoren bekannt, aber politisch noch immer nicht überall umgesetzt. Sie reicht von geschützten Radfahrstreifen über sichere Kreuzungen bis hin zu temporären Schulstraßen und wirksamen Einschränkungen des Autoverkehrs vor Schulen und Kitas.

Genau darauf zielte die Veranstaltung auch in ihrer außenwirksamen Form. Die Radtour war nicht als Protest mit erhobenem Zeigefinger angelegt, sondern als öffentliche Erinnerung daran, dass Straßen nicht nur Durchgangsraum für Autos sind. Das Motto, das die internationale Kidical-Mass-Bewegung prägt, wurde in Viersen praktisch übersetzt: Straßen gehören allen, auch den Kindern. Die Forderung dahinter ist politisch anspruchsvoll, in der Alltagssprache aber schlicht. Wer Kindern das Radfahren erleichtern will, muss Kreuzungen entschärfen, Wege trennen, Tempo senken und den Vorrang des motorisierten Verkehrs an den Stellen zurücknehmen, an denen besonders Schutzbedürftige unterwegs sind. Für viele Familien war die Runde damit nicht nur ein politisches Statement, sondern auch ein gemeinsames Erlebnis. Die Stofffähnchen an der Felge, die bunten Räder und das wiederkehrende Klingeln dürften in Viersen jedenfalls noch nachgewirkt haben, als die Gruppe sich längst wieder auflöste. (nb)





