Blitze über St. Clemens – Erinnerung an den 16. Februar 1817

Es gibt Daten, die sich dem Gedächtnis einer Stadt einbrennen wie Brandmale ins Holz. Der 16. Februar 1817 gehört dazu. In der Nacht, zwischen drei und vier Uhr an einem Fastnachssonntag wie gestern, riss ein Gewitter die Menschen aus dem Schlaf – nicht irgendeines, sondern eines jener Unwetter, die mehr hinterlassen als Angst: Bilder, Geschichten, Deutungen.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Soetele – Ein Blitz fuhr in den spätgotischen Turm der Pfarrkirche St. Clemens, drang in das Innere des Gotteshauses ein und entzündete, wie zeitgenössische Chronisten staunend festhielten, wunderlicherweise eine Kerze am Bilde des heiligen Johannes Nepomuk neben dem Hochaltar.

Es ist eine jener Begebenheiten, die sich der nüchternen Erklärung entziehen – und gerade deshalb über Generationen weitergetragen wurden. Der Blitz als Zerstörer, als göttliche Warnung, als rätselhaftes Zeichen. St. Clemens hat ihn nicht nur einmal erfahren. Fünfmal berichten die Annalen ausdrücklich von Einschlägen in den Turm. Jeder von ihnen erzählt etwas über seine Zeit – über Glauben und Angst, Technik und Mut, Ohnmacht und Tatkraft.

Warum immer wieder der Turm? Hoch aufragend über Dächer und Felder, weithin sichtbar, war er nicht nur architektonischer Mittelpunkt, sondern auch Projektionsfläche. Der Turm verband Himmel und Erde – im geistlichen wie im ganz realen Sinn. Wenn der Blitz ihn traf, traf er das Herz der Stadt.

Schon 1756, in den ersten Augusttagen, schlug der Blitz in den Turm ein. Die Chronik vermerkt nicht nur das Ereignis, sondern auch die Reaktion der Menschen: abergläubische Gemüter sahen darin ein Zeichen des Himmels, den Vorboten einer schweren Zeit. Und tatsächlich – noch im selben Monat marschierte Friedrich II. von Preußen in Sachsen ein. Der Siebenjährige Krieg begann. Rückblickend verschränkten sich Naturereignis und Weltgeschichte zu einer Deutung, die für damalige Zeitgenossen zwingend erschien: Der Himmel hatte gesprochen.

Der Einschlag von 1817 unterscheidet sich von allen anderen. Nicht wegen der Zerstörung – die war vergleichsweise gering –, sondern wegen seines inneren Bildes. Während draußen Donner und Sturm tobten, fuhr der Blitzstrahl in den Turm, suchte sich seinen Weg durch das Bauwerk und entlud sich nicht mit Feuer und Rauch, sondern mit Licht.

Dass eine Kerze am Altar entzündet wurde, galt vielen als Wunder. Johannes Nepomuk, der Brückenheilige, der Bewahrer vor Wassergefahren, stand sinnbildlich zwischen den Elementen. Für manche war es ein Trost in einer Zeit, die ohnehin schwer war: Europa litt noch unter den Folgen der napoleonischen Kriege, Hungerjahre lagen hinter den Menschen. Der Blitz zerstörte nicht – er erhellte. Vielleicht ist es das, was diese Nacht bis heute so besonders macht.

Ganz anders der 5. Juni 1836. Es ist Sonntag, Hochamt. Die Kirche ist gefüllt, der Kaplan Heinrich Gerhard Schmitz steht am Altar und verrichtet das Stillgebet für die Verstorbenen. In diesem Moment trifft der Blitz den Turm, dringt durch ein Chorfenster in die Kirche ein, gleitet den Altar hinab und entlädt sich mit gewaltigem Knall.

Metall schmilzt. Die Patene auf dem Altartisch trägt fortan zwei deutlich angeschmolzene Stellen am Rand – ein stummes Zeugnis der Gewalt. Rauch, Schwefeldampf, Panik. Und doch: Niemand kommt zu Schaden. Die Patene wird jahrzehntelang in der Sakristei aufbewahrt, nicht als Kuriosum, sondern als Mahnmal. Der Blitz hatte den heiligsten Ort berührt – und war vor Menschenhand stehen geblieben.

Der 18. August 1852 bringt Süchteln an den Rand einer Katastrophe. Am frühen Abend schlägt der Blitz unter dem Pinienapfel in den Turm ein. Das Mauerwerk wird zerklüftet, das Feuer frisst sich nach unten, sucht sich hinter dem Hochaltar einen Ausweg. Die Löschgeräte sind machtlos gegen die Höhe.

Was folgt, gehört zu den großen Rettungsgeschichten der Stadt. Wilhelm und Tillmann Birker, Dachdecker, steigen außen am Turm empor. Mit einem Beil schlagen sie die brennende Stelle ab. Funken regnen auf die Straße. Es ist ein Kampf gegen Feuer, Wind und Angst – und ein Sieg. Die Ehrungen, die folgen, erzählen davon, wie außergewöhnlich diese Tat war: Geldgeschenke der Gemeinde und der Versicherung, die Rettungsmedaille des preußischen Königs.

Ein Gemälde des Süchtelner Malers Conrad Schmitz hält den Moment fest. Wer genau hinsieht, erkennt die Brüder hoch oben an der Spitze – Menschen gegen die Elemente.

Der 20. Dezember 1862 schließlich vereint alles: das Unwahrscheinliche eines Wintergewitters, die zerstörerische Kraft des Feuers, aber auch die organisierte, solidarische Gegenwehr der Bürgerschaft. Dunkle Wolken ziehen vom Bruch heran, Blitze schlagen ein, Flammen lodern aus der Spitze des Turmes.

Der Platz vor der Kirche füllt sich mit Hunderten. Die Kirche war erst vier Jahre zuvor neu erbaut worden – ein Verlust schien unerträglich. Wieder sind es die Birker, dazu Brünen, Bastians, Gast, Busch, Blosfeld und Dickmanns, die mit Eimern, Beilen und Picken die Turmtreppen hinaufstürmen. Sie entfernen das Kreuz, riskieren ihr Leben, ertragen Hitze, Rauch, flüssiges Blei. Schließlich gelingt es, das Feuer zu bezwingen.

Als wenige Tage später die Glocken zum Weihnachtshochamt rufen, ragen nur noch verkohlte Balken in den Winterhimmel. Die Kirche steht.

Dass dieses Ereignis nicht nur in Akten und Chroniken weiterlebte, zeigt das Sötelsche Platt-Gedicht von Richard Freudenberg aus dem Jahr 1862. Es ist keine nüchterne Beschreibung, sondern ein kollektiver Ruf: rau, bildhaft, voller Bewunderung für die Mutigen. Dialekt wird hier zum Gedächtnisspeicher. Der Turm von St. Clemens trägt diese Geschichte bis heute. Unsichtbar für das Auge, aber fest eingeschrieben in das Gedächtnis Süchtelns. Wer ihn betrachtet, sieht Stein und Schiefer. Wer sich erinnert, sieht Licht, Flammen – und Menschen, die nicht weichen. (sk)

De Thurenbronk

Morges frög öm halver Siefen,
An ’nen koae Wenkterdag,
Koem et päekschwoart angedriefen
Uever’t Brook on’t ödsche Haag;
Oem de Kirkthur heng sich schwoar
En gewaldge Hummelschoor,
Wolk an Wolk, on Jeder deit
Dat se g’weß niks Goes breit.

Et died ooch net lang mier fackeln –
Krak – doa goav et ene Schlag,
Dat de Kirkemuren wakeln,
Als wie an de jöngsten Dag.
Medsen en den Thur et troof,
Ene mächtgen Barscht et goav,
On dann koam’t en tweide Kier,
Boaven drob, on denn niks mier.

Storm on Wolken send verfloagen,
Van de Schoor niks mier te siehn;
On de Sonn stieht kloar doa boven,
Mar et Onglöck woar geschien.
Ut den Oappel, ut de Spetz
Spöt et Für, wie puren Bletz,
On doatöschen, Gottserbärm,
Schreit de goanze Doale-schwärm.

On et Volk sprengt ut de Dühren
Op de Stroat, on lut on süht,
Wie et wie van Märtesfüren
Glöig üver de Friedhof flüht,
Alles löpt on hoalt Beschied,
Fritzen ooch de örschte Spüht,
On verstängig eiterhär
Arriviert de Feuerwehr.

Birken Telmen on sie Broer,
Brunen Hendrek, Bastians,
Johann Gast, huech wie en Moer,
Däcker Blosfeld on Dickmanns.
Möt de Spetzhock en de Boank,
Wateremmer en de Hoank,
On de Broankkapp op de Kopp,
Geng et marsch de Tropp erop.

On den oaen Busch sät: „Jongen,
Ongemäklich steht et Krüz,
On dat Krüz, dat mot eronger,
Af et fällt os op den Diz.
Mar dat ich et net vergät,
Dat ich öt möt den Zollstaf mät,
Et mot fallen kreck on grad
Op den Tömp van’t Dühregaht.“

„Drut de Bolten und de Nägel!
Nou den isern Boank dervan!
Nou gepängt möt Biel on Schlägel!
On – nou set de Schauern dran!“
Krak – doa hov et sich em Ort,
Krak – doa schoat et üver Bord,
Krak – doa loag et akurat
Op den Tömp van’t Dühregat!

Als dat Werk se nu vollführten,
Rechtig, wie et sich gebürt,
Grad, als hei de Kwalifizirten
Selver et eraf spedirt,
Geng et en Hurra on Galopp
Wier de höchste Lädder op,
On nou för en tweide Kier,
Attakerten sö et Für.

Et göft mänche „knäbgen Thuren“
Töschen Maas on töschen Rhin,
Mar esu ’ne wärmen Thuren
Hatten se nömmer noch gesiehn.
Ruet wie Für woar Huht on Hoar,
Wo men fölt, doa göft’t en Bloar,
Glöig Blei fällt rom on tom
Op, wä op den Thuren klomm.

On wie ooch de Fonken stoaven,
Busch stong ihrlich medsen dren
Leien on Bolken kraken boaven.
Dat woar reit noa sine Senn:
„Jongen“, reep hä, „dat giet goet,
Dran on drop möt fresche Moht,
On wenn ooch den Dum verschröt,
Van et Löschen loate wer net!“

En sin Kamer, half gebroaken,
Soat enen oae Veteran,
Gerhard Birker, stief von Knoken
Voll van Gecht on Püetschen dran.
Mar so’nen oae Moan wet mier
Als ’ne jongen Hanselir;
On hä schecket ’nen Expreß –
Wat dä brengt, dat bat geweß.

„Kenger haut“, so let hä wieten,
„Net en’t Für, mar onger et,
Wörd dat Dak so opgesplieten
Drift de Wenk noa boaven et!“
Kloam geseit, doa geng et dran,
Leien flegen, Spien on Span,
On de Flamm brennt dur de Tut
Wie ä Strickspiendösken ut.

Onge stiepen mänche Hongert
Nas on Oag noat Firmament,
On se soagen hiel verwongert,
Wie de Dakstohl net mier brennt.
Ongebroken, däftig stong
Noch dä hemmelhueche Jong,
On se soagen durch de Rük
Oem fält gar nichts als sin Hüek.

De Gesellschap, die den Thuren
All sönk Joaren assekurert,
Koamen, als sö et erfuhren,
Möt de Schnellzug ankutschert.
Den Inspektor gloet, hä mös
Schäbig toasten en sin Böhs,
Stong on kiek, on schloog am Aeng
Gruet verwongert en sin Häng:

„Donner!“ sät hä, „manch Gemüer
Soeg ich en de Gronk verbrennt,
Mar teen Meter on net wier
Hab ich nömmer noch gekennt.
Wä sue Wongerwerk vollführt,
Dem än ihrlich Loav gebürt,
Aaf den Hoet vör so’n Maneer
On vör de söitelsche Feuerwehr!“

Nou ör fresche söitelsche Jongen,
Hürt mi Leedchen wacker an;
Wat den Oan ös gelungen,
Dat brängt ör ooch op de Bahn.
De Parol ös: „Net verzaag!
Pockt et Für grad möt de Krag,
On wenn ooch den Dumm verschröt,
Van et Löschen loate wör net!“

(Richard Freudenberg 1862)

Foto: Rheinischer Spiegel/KI