Zwischen Weihrauch und Narrenkappe – Wie in St. Clemens der Frohsinn das Kirchenschiff eroberte

Als am Sonntagmorgen die schweren Türen von St. Clemens aufschwangen, wehte kein Hauch von winterlicher Nüchternheit ins Kirchenschiff, sondern ein leises Rascheln von Pailletten und Uniformjacken. Süchteln hatte zur „Messe der Freude“ geladen – jenem Gottesdienst, der alljährlich die närrische Saison mit liturgischem Ernst und heiterer Gelassenheit umrahmt.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Rita Stertz

Soetele – Wo sonst gedämpfte Farben dominieren, leuchteten nun Schwarz, Gold und Grün zwischen den Bankreihen. Neben Pfarrer Dr. Michael Schlößer blitzten Gardenorden und Narrenkappen. Das Gotteshaus wurde zum Resonanzraum einer Tradition, die im Rheinland seit Generationen gepflegt wird: der Versuch, Karneval und Kirche nicht als Gegensatz, sondern als zwei Ausdrucksformen derselben Lebensbejahung zu begreifen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Predigt griff eine zuvor gelesene Geschichte auf – von kleinen Waldtieren, die im Schnee geheimnisvolle Pünktchen entdecken und schließlich erkennen, dass sie Spuren eines „Lachermachers“ vor sich haben. Auch die Karnevalisten seien solche bunten Punkte im oft grauen Schnee des Alltags. Sie tauchten auf, nicht um sich selbst zu feiern, sondern um anderen Leichtigkeit zu schenken.

Es war eine Predigt, die nicht im Pathos verharrte. Zwischen nachdenklichen Passagen blitzte Humor auf, ohne ins Belanglose zu kippen. Sie erzählte von Gemeinschaft, die mehr sei als Applaus im vollbesetzten Saal, mehr als Musik und Tanz. Gemeinschaft zeige sich gerade dann, wenn jemand leise werde, wenn Hilfe nötig sei, wenn ein Platz freigemacht werde für den, der am Rand stehe. Karneval erinnere daran, dass jeder willkommen sei – unabhängig von Rang, Rolle oder Kostüm. Die Liturgie selbst trug an diesem Morgen eine beschwingte Note. Zwischen den Gebeten huschte immer wieder ein Lächeln durch die Reihen, und doch blieb der Kern des Gottesdienstes unverrückbar: das Wort der Schrift, das Bekenntnis, der Segen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Seit Jahrhunderten markiert der Karneval im kirchlichen Kalender die Schwelle zur Fastenzeit. Die Tage vor Aschermittwoch waren einst die letzte Gelegenheit, Vorräte aufzubrauchen, zu feiern, ehe vierzig Tage der Enthaltsamkeit begannen. Was als pragmatische Notwendigkeit entstand, entwickelte sich zu einem kulturellen Ereignis von enormer Strahlkraft – gerade im Rheinland. Dass diese Tradition ihren Ursprung in der christlichen Jahresordnung hat, gerät bisweilen in Vergessenheit. In Süchteln wurde sie am Sonntag bewusst in Erinnerung gerufen.

Schlößer sprach von einem Gott, der das Leben wolle, nicht das Geduckte und Freudlose. Die Fähigkeit zu lachen sei kein Zufall, sondern Gabe. Manchmal, so formulierte er es, sei ein ehrliches Lachen beinahe ein Gebet. In diesem Gedanken schwang jene theologische Tiefe mit, die den Vormittag von bloßer Folklore abhob. Der Karneval erschien hier nicht als Ausbruch aus der Ordnung, sondern als deren komplementärer Teil – als bewusst gesetzter Kontrast zur kommenden Zeit der Besinnung.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Gläubigen nahmen diese Worte mit sichtbarer Aufmerksamkeit auf. Man kannte einander, nickte sich zu, tauschte leise Bemerkungen aus. Die „Messe der Freude“ war nicht nur liturgisches Ereignis, sondern auch soziales Forum eines Stadtteils, der sich seiner Traditionen bewusst ist. Hier verschmolzen Weihrauch und Narrenkappe, Orgelklang und Schunkelrhythmus zu einer eigenen, unverwechselbaren Atmosphäre. Die Heiterkeit war keine Verflachung, sondern eine Spielart des Glaubens, die das Leben in seiner Farbigkeit ernst nimmt. (cs)

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz