Plitsch, Triller, Trommel: Gestern begann der Nachmittag nicht mit einem Satz, sondern mit einem Akkord aus Regen auf Kapuzen, Gelächter und Viersche helau. Kaum hatten die Jecken ihre Schirme entfaltet, schon verwandelte sich das Nass in Glitzer — oder zumindest in Hoffnung auf Glitzer.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersche – Statt des geplanten Zugs der Karnevalisten durch die Straßen sammelten sich auf dem nassen Pflaster vor dem Stadthaus Hunderte kostümierter Herzen, die keineswegs leise bleiben wollten. Altweiber in Viersche war nicht abgesagt — es hatte nur ein kleines Location-Problem. Die Jecken verlegten ihren Sturm deshalb ins Innere, und das Stadthaus wurde zum Theatersaal.

Kein langsamer Einmarsch: Die Tollitäten näherten sich wie eine gut geprobte Kompanie aus Federn, Samt und Trillerpfeifen. „Verliebt en oser Viersche!“ tönte es, doch die Liebe sollte erst verdient werden — vom Bürgermeister höchstpersönlich. Christoph Hopp, mit dem Blick eines Mannes, der schon manches Sitzungsende erlebt hat, stellte sich in die Riege der Verteidiger. Er lächelte, er gestikulierte, er verteidigte — und die Narren jubelten, weil dies die Dramaturgie war, auf die sie gewartet hatten. Es war sein erster Sturm auf das Rathaus … und er hielt sich dafür grandios.
Zwischen den Programmpunkten flogen O-Töne direkt aus dem Herzen der Szene: Senatspräsident Frank Schiffers schmetterte: „Heute gehört das Stadthaus den Jecken — und wir geben es erst zurück, wenn das letzte Lied verklungen ist!“ Bürgermeister Hopp konterte mit einem Augenzwinkern und ernster Stimme zugleich.

Das Schauspiel begann mit einem frechen Auftritt der kleinsten Kriegerinnen und Krieger: Das Viersener Kinderprinzenpaar stürmte vor. Sie wirbelten, sangen und ließen ihre bunten Umhänge im Wind des Applauses flattern. Gina Jolie, deren Stimme wie Zuckerwatte klang und doch überraschend fest durch das Licht schnitt, stimmte ein Lied an, das sofort zum Echo wurde. Die Roahser Jugend folgte ihr wie ein Wirbelwind aus Konfetti.

Dann die Möhnen: in Reih’ und Glied, mit Trillerpfeifen bewaffnet, riefen sie ihren Alarm. Jeder Pfiff war wie ein Kommando, jede Bewegung wild vor Freude. Die erste Welle war nur ein Vorbote; die zweite, als das Vierscher Prinzenpaar die Bühne enterte, ließ das Stadthaus erzittern: Schunkellieder verbanden die Reihen, und die Prinzengarde legte einen Tanz aufs Parkett, der Beine, Hüften und Herzen gleichermaßen in Beschlag nahm. Die Alt-Vierscher Möhnen hatten ein neues Lied im Gepäck, ein spitzbübisches Stück, das die Stadthausmauern zum Wippen brachte.

Irgendwann wurde aus lautem Klopfen ein kollektives Singen — jene einfachen Reime, die jeder mitsummen kann, wurden zur Waffe der Jecken: „Hopp, Hopp, Hopp, wir kommen im Galopp!“ hallte es, und der Refrain hielt den Takt, bis selbst die Aktenordner im Bürgerbüro zu wippen schienen. Die Zeilen waren frech, fordernd, liebevoll-provokant. Die Narren forderten den symbolischen Stadtschlüssel — und der Kampf war mehr Ritual als Krieg, mehr Theater als Politik.

Hopp, Hopp, Hopp, wir kommen im Galopp; machen dem Bürgermeister Beine, auf dass er schnell das Stadthaus räume; Hopp, Hopp, Hopp, Hopp, Hopp, mach dir mal keinen Kopp!
Hopp, hopp, hopp, mit Akten ist jetzt Stopp! Schluss mit Akten, Schluss mit Ruh‘, jetzt hör mal gut den Narren zu: Hopp, hopp, hopp, hopp, hopp, wir Jecken sind jetzt top!
Hopp, hopp, hopp, hörst du den jecken Mob?
Karneval regiert die Zeit, dafür stehen wir bereit. Hopp, hopp, hopp, hopp, hopp, du kriegst nen Nebenjob.

Schließlich wartete die schimmernde Attraktion: der goldene Schlüssel, mehr Symbol denn Schlossöffner. Als er in närrische Hände fiel, brach ein Jubel los, der fast die Regenmelodie übertönte, die draußen glücklicherweise immer wieder eine Pause einlegte.
Tanzgruppen folgten wie Kapitel eines bunten Buchs: die Blau Wette-Jonges brachten präzise Schritte mit, Gina Jolie kehrte noch einmal ins Scheinwerferlicht zurück, die Roahser Funken wirbelten über die Bretter, die an diesem Tag nur den Jecken gehörten und auch die Tanzgarde Alt Viersen 2020 sorgte für mitreißenden Jubel. Das Stadthaus wurde an diesem Nachmittag zur Bühne — und das Publikum zu den Hauptdarstellern. Das Stadthaus hatte sich als würdiger Gastgeber erwiesen. Die Jecken zogen weiter — nicht alle auf den Straßen, manche in Gruppen durch die verbliebenen Pfützen —, aber das Lachen blieb. (nb)





