Willich: „T4“-Opfern Namen und Gesicht geben

„Es ist schon unglaublich schockierend und bewegend, zu erfahren, dass Menschen, die heute gut integriert Teil der Gesellschaft sind, damals als ,nicht lebenswert‘ aussortiert und ermordet worden sind.“

Willich – Diese Äußerung von Justus, einem der Schüler der Projektgruppe Stolpersteine an der Robert-Schuman-Europaschule, bringt es ziemlich klar auf den Punkt: Die Projektgruppe, Ausfluss einer Bildungskooperation zwischen Robert-Schumann-Europa-Schule (RSE), Stadtarchiv sowie Heimat- und Geschichtsfreunden, stellte ihr Projekt „Gegen das Vergessen – Stolpersteine für Euthansieopfer in Willich jetzt Bürgermeister Christian Pakusch, der Presse und damit der Öffentlichkeit vor. Konkret geht es darum, Geschichte lokal erlebbar zu machen. Und die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich eben mit den lokalen, in der Stadt Willich belegbaren Geschehnissen rund um die „Aktion T4“ wie jetzt Bernd-Dieter Röhrscheid und Andrea Wanko (RSE) gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern erläuterten.

„Aktion T4“: Hinter dieser nicht zufällig technokratisch klingenden Abkürzung verbirgt sich die nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für den „systematischen Massenmord mittels Giftgases an mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen innerhalb des Deutschen Reiches. Die Mordaktion dauerte von 1940 bis 1941 und stand unter Leitung der Zentraldienststelle T4, sie war Teil der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus, denen bis 1945 über 200.000 Menschen zum Opfer fielen“, erläuterten Röhrscheid und Wanko – „T4″ war und ist die Abkürzung für die Adresse der damalig zuständigen Zentraldienststelle in Berlin an der Tiergartenstraße 4.

Die Schüler – alle arbeiten freiwillig in der Gruppe mit – recherchieren „Willicher Fälle“. Unterstützt von bereits bestehenden Unterlagen und Quellen im Stadtarchiv (Archivar Udo Holzenthal und Bernd-Dieter Röhrscheid leisten auf diesem Gebiet seit Jahrzehnten Herausragendes), aber auch aufgrund eigener Quellenauswertung arbeiten sie die Schicksale Willicher Bürger auf, die Opfer der systematisch vorgehenden Mörder wurden: Beim Pressegespräch stellten die Jugendlichen in komprimierter Form die Schicksale der Willicher Ernst Ackers (Peterstraße), Katharina Bommes (Hoxhöfe, Schiefbahner Straße), Maria Fischer Krefelder Straße), Theodor Rosen (Neusser Straße) Peter Schumacher (Krefelder Straße) und Johann Rabbels vor, die aufgrund von der Norm abweichenden psychischen Verhaltens, körperlichen oder geistigen Behinderungen von den braunen Machthabern als unheilbar, „geisteskrank“, vor allem aber als „unwert“ eingeteilt worden – und nach einer „Führerermächtigung auf dem September 1939 systematisch und auch mit Unterstützung von Ärzten in den Tod geschickt wurden – den man zynisch als „Gewährung des Gnadentods“ etikettierte. Sie starben zwischen 1941 und 1944 in Tötungsanstalten wie in Meseritz-Obrawalde, Hadamar, Kosmanos, Klingenmünster oder Süchteln.

Der „Aktion T4“ fielen insgesamt bis zu 100.000 Menschen zum Opfer, so der Experte Röhrscheid, die Zahl der „Euthanasie“-Morde ist indes viel höher: Im August 1941 wurden die sechs deutschen „Euthanasie“-Mordanstalten geschlossen und die Gaskammern, in denen die Nazis Menschen systematisch und organisiert ermordeten, wurden daraufhin viel weiter im Osten eingerichtet.

Dieser zentral geleiteten Euthanasie durch die „Aktion T 4″ schloss sich in der Folge die so genannte „wilde“ respektive „weiche“ Euthanasie an. Röhrscheid: Von nun an wurde bis zum Ende der NS-Zeit weiterhin gemordet, aber in den betreffenden Anstalten und Kliniken selbst. In ihnen wurden unzählige Menschen durch Totspritzen, Verhungern-Lassen und ähnliche Maßnahmen umgebracht – dies war unauffälliger als der Transport mit Bussen in Tötungsanstalten.“

Die Schüler forschen und recherchieren weiter, planen auch in Einzelfällen die Kontaktaufnahme zu betroffenen Familien in der Stadt Willich. Weitere Fälle (in Willich fünf, in Schiefbahn sieben bestätigte weitere Euthanasie-Opfer, in Neersen mehrere Fälle von Zwangsterilisationen, in Anrath mögliche Euthanasie-Opfer) sollen im Rahmen dieser Arbeiten einen Namen, ein Gesicht bekommen und konkret erinnert werden – wozu auch weitere Stolpersteine in der Stadt (79 sind, so Röhrscheid, bisher verlegt worden) beitragen sollen. Was Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gibt, sich mit Spenden oder als „Stolperstein-Paten“ einzubringen: Die Stolperstein-Verlegungen sind für Ende 2026/Anfang 2027 geplant, die Verlegung eines Steins kostet 120 Euro. Wie Peter Borger von den Heimat- und Geschichtsfreunden erläuterte, unterstützen diese das Projekt mit vier Patenschaften, weitere Spenden und Hilfe sind sehr willkommen.

Bürgermeister Christian Pakusch (er signalisierte in der konkreten Umsetzung der Aktion, konkret beim Einbringen der Steine vor Ort, die Hilfe der entsprechenden Abteilungen der Verwaltung) dankte der Schule, vor allem aber den Schülerinnen und Schülern „von Herzen für ihren Einsatz, für die wichtige Aufarbeitung dieser unvorstellbaren Schicksale in unserer Stadt“; eine Arbeit, die das Grauen eben wegen des lokalen Bezugs ein Stück greifbarer für alle heute lebenden Menschen und die Forderung des Tages noch eindringlicher mache: „Nie wieder – ist jetzt.“ (opm)

Foto: Stadt Willich