Wer in diesen Tagen durch die Hallen der ProWein 2026 ging, konnte die Verschiebungen einer gesamten Branche beinahe physisch wahrnehmen. Zwischen dicht besetzten Verkostungsständen, digitalen Terminplattformen und strategisch inszenierten Präsentationsflächen zeigte sich eine Industrie, die ihre Routinen überprüft und ihre Zukunft neu vermisst.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler
Düsseldorf/Lifestyle – Es waren jedoch nicht allein die großen Exportnationen, die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ein Land, dessen weinbauliche Tradition bis in die Frühzeit europäischer Zivilisation zurückreicht, nutzte die Messe mit bemerkenswerter Konsequenz: Griechenland.
Insgesamt 67 Aussteller aus Griechenland waren vertreten und machten deutlich, dass es sich längst nicht mehr um einen Randakteur handelt. Vielmehr trat das Land mit einem Selbstverständnis auf, das sich aus Geschichte speist, zugleich aber auf die Anforderungen eines globalisierten Marktes reagiert. Neben Weinen präsentierten Produzenten auch Spirituosen wie Ouzo, eingebettet in ein Gesamtbild, das stärker denn je auf Differenzierung und Herkunft setzte.

Dabei beginnt die Geschichte des griechischen Weins lange vor den heute etablierten europäischen Weinregionen. Archäologische Funde belegen, dass bereits die minoische Kultur auf Kreta vor rund 6000 Jahren Wein erzeugte und über Handelsrouten im Mittelmeer verbreitete. Die Amphore, deren Form bis heute ikonisch ist, wurde damals zu einem logistischen Instrument des Fernhandels. Ihre Innenbeschichtung mit Harz schützte den Inhalt, verlieh ihm jedoch zugleich ein markantes Aroma – ein sensorisches Detail, das sich im modernen Retsina bis heute erhalten hat und international oft als Synonym für griechischen Wein gilt.
Gerade dieses Erbe wird von vielen Produzenten inzwischen neu eingeordnet. Auf der ProWein war deutlich zu erkennen, dass der Fokus nicht länger auf einem einzelnen Stil liegt, sondern auf einer beeindruckenden Vielfalt. Griechenland verfügt über rund 120 geschützte Herkunftsbezeichnungen, die sich über sehr unterschiedliche Landschaften erstrecken: von den kargen Höhenlagen Makedoniens bis zu den vulkanischen Böden Santorinis, vom Peloponnes bis nach Kreta.
Diese Vielfalt spiegelt sich in den präsentierten Weinen wider. Weiße Rebsorten wie Assyrtiko oder Moschofilero zeigen je nach Region eine Spannbreite von mineralischer Strenge bis zu aromatischer Leichtigkeit. Rote Sorten wie Agiorgitiko aus Nemea oder Xinomavro aus Naoussa stehen für Struktur, Lagerfähigkeit und eigenständige Stilistik. Hinzu kommen traditionsreiche Süßweine etwa aus Samos oder Patras, die bereits seit Jahrhunderten gehandelt werden. In ihrer Gesamtheit vermitteln sie ein Bild, das sich bewusst von international standardisierten Geschmacksprofilen absetzt.
Dass diese Eigenständigkeit zugleich Herausforderung und Chance ist, wurde in vielen Gesprächen deutlich. Während andere Weinländer ihre Markenbilder über Jahrzehnte konsolidiert haben, steht Griechenland noch vor der Aufgabe, seine Identität global klar zu kommunizieren. Die historische Tiefe bietet dafür reichlich Stoff. Schon in der Antike war Wein integraler Bestandteil gesellschaftlicher Praxis. In den Symposien verband sich Konsum mit philosophischer Reflexion, Feste zu Ehren des Dionysos prägten das kulturelle Leben, und literarische Überlieferungen – von Homer bis zur Tragödie – sind ohne Wein kaum denkbar.
Auf der Messe wurde diese kulturelle Dimension nicht museal präsentiert, sondern als narratives Element einer modernen Vermarktungsstrategie genutzt. Viele Produzenten betonten die Verbindung von Tradition und Innovation, von handwerklicher Produktion und zeitgemäßer Kellertechnik. Gerade die oft klein strukturierte Weinwirtschaft erweist sich dabei als Vorteil, da sie eine präzise Ausrichtung auf Qualität und Individualität ermöglicht.

Die Rahmenbedingungen der ProWein unterstützten diesen Auftritt. In sieben Hallen wurde das Angebot klar gegliedert, die Besucherführung optimiert und der Zugang zu relevanten Kontakten erleichtert. Digitale Matchmaking-Systeme ermöglichten es Einkäufern und Produzenten, gezielt miteinander ins Gespräch zu kommen. Für Länder mit vielen kleineren Betrieben erwies sich dies als entscheidender Faktor, um Sichtbarkeit zu erzeugen und Geschäftsbeziehungen anzubahnen.
Parallel dazu gewann der Wissenstransfer an Gewicht. Formate wie die Agora bündelten in kompakten Vorträgen zentrale Fragen der Branche. Diskutiert wurden veränderte Konsumgewohnheiten ebenso wie neue Vertriebswege und die Rolle technologischer Innovationen. Die Analyse zeigte, dass sich die Nachfrage zunehmend ausdifferenziert: Jüngere Zielgruppen legen Wert auf Authentizität und Nachhaltigkeit, während zugleich eine wachsende Nachfrage nach hochwertigen, klar profilierten Produkten besteht.
In diesem Spannungsfeld entstehen neue Chancen. Die fortschreitende Premiumisierung des Marktes begünstigt Weine, die sich durch Herkunft und Charakter abheben. Gleichzeitig gewinnen nachhaltige Produktionsmethoden an Bedeutung, ebenso wie transparente Lieferketten. Griechenland kann hier mit vergleichsweise naturnahen Anbauformen und einer Vielzahl autochthoner Rebsorten punkten.
Ein weiterer Trend, der auf der Messe sichtbar wurde, ist das Wachstum alkoholfreier und alkoholreduzierter Produkte. Diese Entwicklung betrifft sowohl den Wein- als auch den Spirituosensektor und wurde auf der ProWein durch eigene Präsentationsflächen hervorgehoben. Im Bereich der Spirituosen zeigte sich dies besonders deutlich in den Hallen der ProSpirits, wo rund 500 Aussteller aus etwa 50 Ländern eine enorme Bandbreite präsentierten – von klassischen Kategorien bis hin zu neuen, experimentellen Ansätzen.
Dennoch blieb der Kern der Veranstaltung der persönliche Austausch. Verkostungen, Gespräche und direkte Begegnungen bestimmten das Geschehen. Fachbesucher aus Handel und Gastronomie nutzten die Gelegenheit, sich einen Überblick über neue Jahrgänge, Stilistiken und Marktsegmente zu verschaffen. Gerade für ein Land wie Griechenland, dessen Weine häufig erklärungsbedürftig sind, erwies sich dieser unmittelbare Kontakt als besonders wertvoll.
Die ProWein bestätigte damit erneut ihre Funktion als zentraler Knotenpunkt der internationalen Weinwirtschaft. Sie macht Entwicklungen sichtbar, bündelt Wissen und schafft Räume für geschäftliche Entscheidungen. Innerhalb dieses Gefüges nahm Griechenland eine Rolle ein, die über bloße Präsenz hinausging. Die Messe wurde zur Bühne für ein Weinland, das seine lange Geschichte nicht als Last, sondern als Ressource begreift und sie gezielt in eine moderne Marktstrategie übersetzt. (sk)
Der Rheinische Spiegel möchte sich in diesem Zusammenhang beim Griechischen Generalkonsulat Düsseldorf, inbesondere bei Nonika Papadopoulou, Konsulin der Wirtschafts- und Handelsabteilung, für die ausführliche und informative Führung bedanken.





