Weltgartenbau unter Glas und Stahl: Die IPM ESSEN 2026 elektrisierte vier Tage lang die Branche

Schon am frühen Dienstagmorgen lag ein besonderer Klangteppich über dem Messegelände in Essen: Das Rollen der Koffer über den Asphalt, das gedämpfte Stimmengewirr vieler Sprachen, der Duft frischer Pflanzen, der aus den geöffneten Hallentoren strömte. Die IPM ESSEN 2026 hatte begonnen – und mit ihr vier Tage, in denen sich die internationale Gartenbauwelt in Essen nicht nur traf, sondern spürbar zusammenrückte.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler, M. und D. Dillikrath

Magazin – Zur Eröffnung begrüßten Nordrhein-Westfalens Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Silke Gorißen und ZVG-Präsidentin Eva Kähler-Theuerkauf Aussteller und Fachbesucher aus allen Kontinenten. Der offizielle Akt war eingebettet in ein Meer aus Grün, flankiert von neugierigen Blicken, gezückten Kameras und leisen Gesprächen zwischen Produzenten, Einkäufern, Züchtern und Technikern.

Rund 1.476 Aussteller aus 41 Ländern hatten ihre Stände auf etwa 100.000 Quadratmetern in zehn Hallen aufgebaut. Von der ersten Stunde an füllten sich die Gänge. Gespräche begannen auf Englisch und endeten auf Italienisch, dazwischen Niederländisch, Spanisch, Polnisch oder Deutsch. Die IPM ESSEN zeigte sich einmal mehr als Weltleitmesse, als Ort, an dem die gesamte Wertschöpfungskette des Gartenbaus sichtbar wurde.

Foto: Rheinischer Spiegel/Dillikrath

Silke Gorißen fand in ihrem Grußwort klare Worte, die im Publikum aufmerksam aufgenommen wurden. Wer in diesen Tagen über die Messe gehe, sehe vor allem Tatkraft, Innovationsfreude und Kreativität. Gartenbau, so machte sie deutlich, sei nicht nur ein bedeutender Wirtschaftszweig, sondern etwas, das Lebensqualität schaffe, Städte grüner mache und einen Beitrag zur Ernährung leiste. Nordrhein-Westfalen präsentierte sich selbstbewusst als Gartenbauland Nummer eins, als Bundesland mit einer Vielzahl kommender Gartenschauen und mit dem erklärten politischen Willen, den Betrieben Planungssicherheit zu geben, Bürokratie abzubauen und Forschung sowie Innovation gezielt zu fördern. Zwischen den Reihen wurde genickt, leise kommentiert, später am Kaffeeautomaten weiterdiskutiert.

Auch Eva Kähler-Theuerkauf unterstrich die Rolle der IPM ESSEN als Impulsgeber. Hier komme alles zusammen, was die Branche ausmache – von der Züchtung bis zum Verkauf. Viele Betriebe, so war zu hören, lebten von den Kontakten und Ideen dieser Tage ein ganzes Jahr lang. Gleichzeitig mahnte sie verlässliche politische Rahmenbedingungen an, warnte vor nationalen Sonderwegen und zusätzlichen Belastungen, die im europäischen Wettbewerb Nachteile bringen könnten. Ihre Worte hallten nach, als sich der offizielle Teil auflöste und die Messe endgültig Fahrt aufnahm.

Foto: Rheinischer Spiegel/Dillikrath

In den Pflanzenhallen offenbarte sich die ganze Vielfalt des Gartenbaus. In den Hallen 1, 1A, 2, 5, 6, 7, 8 und der Galeria reihte sich Stand an Stand: Baumschulpflanzen mit makellosen Kronen, Stauden in allen Grüntönen, aromatische Kräuter, leuchtende Beet- und Balkonpflanzen, Schnittblumen und Jungpflanzen. Auffällig war der Fokus auf klimafitte Sortimente. Hitzetoleranz, Trockenheitsresistenz und Robustheit waren keine Schlagworte mehr, sondern greifbare Eigenschaften, die an den Pflanzen erklärt, ertastet und diskutiert wurden. Züchter erklärten ihre Arbeit, Besucher stellten kritische Fragen, machten Fotos, notierten sich Namen und Sorten.

In Halle 2 zog das Gärtnerforum viele Fachbesucher an. Die Sitzreihen waren dicht besetzt, als über Produktionsmethoden, Vermarktungsstrategien und technische Entwicklungen bei der Jungpflanzenzucht gesprochen wurde. Diskussionen setzten sich in den Gängen fort, Visitenkarten wechselten die Hände, Termine für spätere Treffen wurden vereinbart.

Eine Premiere feierte die Gehölz-Arena in der Baumschulhalle 7. Zwischen imposanten Solitären und jungen Bäumen ging es um zukunftsfähige Sortimente für Städte, Wälder und private Gärten. Themen wie fachgerechte Pflege, Heckenpflanzungen und Biodiversität wurden praxisnah behandelt. Das Interesse war groß, denn urbane Begrünung und klimaangepasste Gehölze gehörten zu den meistdiskutierten Themen dieser Messe.

Foto: Rheinischer Spiegel/Dillikrath

Internationale Aufmerksamkeit zog erneut der Green Cities Europe Award auf sich, der zum zweiten Mal in Essen vergeben wurde. Hier ging es um gelungene Begrünungsprojekte, um Konzepte, die Städte lebenswerter machen – ein Thema, das den Nerv vieler Besucher traf. Ebenso gut besucht waren die Landgard-Ordertage in Halle 1A, die sich nahtlos an ihre erfolgreiche Premiere angeschlossen hatten und eine kompakte Order- und Inspirationsplattform boten.

In den Technik-Hallen 3, 4 und der Galeria wurde es hörbar futuristischer. Automatisierte Systeme surrten leise, Bildschirme zeigten Datenströme, Roboterarme demonstrierten präzise Abläufe. Ressourcenschonung, Energieeffizienz, Wassermanagement und Logistik standen im Mittelpunkt. Das Innovationscenter Gartenbautechnik in Halle 4 entwickelte sich schnell zu einem Treffpunkt für Produzenten und Entwickler. Daneben präsentierte die Sonderfläche Cannabis.NET der Universität Hohenheim aktuelle Forschungsprojekte – sachlich, wissenschaftlich fundiert, intensiv diskutiert.

Foto: Rheinischer Spiegel/Dillikrath

Ebenfalls in Halle 4 zog das Infocenter Gartenbau viele Besucher an. Eine Lehrschau zeigte praxisnahe Strategien zur Stärkung von Pflanzen, von torffreien Substraten über Nährstoffversorgung bis hin zu Biostimulanzien. Hier wurde gefachsimpelt, verglichen, kritisch nachgefragt. Das IPM-Neuheitenschaufenster ergänzte die Fläche und rückte die besten Pflanzennovitäten ins Rampenlicht.

Ein völlig anderes Tempo herrschte in Halle 5. Dort war die Welt der Floristik und des Lifestyles zu Hause. Farben, Formen und Emotionen dominierten. Auf der IPM Flower Stage verfolgten Besucher gebannt floristische Live-Demonstrationen internationaler Größen. Besonders die „Aloha-Show“ von Björn Kroner sorgte für volle Reihen, Applaus und gezückte Smartphones. Im Straußwettbewerb traten junge Floristen gegeneinander an, konzentriert, ehrgeizig, sichtbar stolz auf ihr Handwerk.

Gleich nebenan setzte das IPM Discovery Center Akzente für den Einzelhandel. Kuratiert von Romeo Sommers, zeigte es moderne POS-Konzepte, emotionale Inszenierungen und neue Wege der Kundenansprache. Auch der Show Your Colours Award rückte Marketingideen in den Fokus und machte deutlich, wie sehr Storytelling im Pflanzenverkauf an Bedeutung gewonnen hatte.

Ausstattungsthemen zogen sich wie ein roter Faden durch alle Hallen. Ladenbau, IT-Lösungen, Etiketten, Verpackungen, Dekoration und Marketing waren überall präsent, stets eingebettet in den jeweiligen Kontext. Kaum ein Stand kam ohne Hinweise auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Effizienzsteigerung aus.

Die Internationalität der IPM ESSEN war allgegenwärtig. Länderpavillons von Belgien bis China, von Costa Rica bis in die USA waren nicht nur Schaufenster nationaler Stärken, sondern lebendige Treffpunkte. Hier wurde verhandelt, gelacht, diskutiert, manchmal bis in den Abend hinein. Gemeinschaftsstände aus der Türkei, Frankreich, Dänemark, Italien, Großbritannien, Polen, Portugal und Israel unterstrichen den globalen Charakter der Messe.

Foto: Rheinischer Spiegel/Dillikrath

Ein starkes Augenmerk lag auf dem Nachwuchs. Das Forum Beruf + Zukunft und das Angebot „We love GREEN – Grüne Berufe live erleben!“ sprachen gezielt Schülerinnen und Schüler an. Neugierige Gruppen bewegten sich durch die Hallen, probierten aus, stellten Fragen, sammelten Eindrücke. Der neu eingeführte Jungunternehmertag brachte junge Führungskräfte zusammen. Als Keynote-Speaker zog Joey Kelly mit seiner Geschichte zwischen Musik, Extremsport und Unternehmertum ein großes Publikum an.

Im Congress Center Essen sorgten Side-Events für zusätzliche Tiefe. Das BdB-Seminar zu urbanen Gehölzen und der Kongress „GaLaBau-Ausblicke“ waren gut besucht und setzten inhaltliche Akzente über die Messe hinaus.

Noch bis in den heutigen Freitag hinein pulsiert die IPM ESSEN. Vier Tage lang hat sich die Messe als dichtes Geflecht aus Eindrücken, Gesprächen und Begegnungen entfaltet – in den Gängen, an den Ständen, auf den Bühnen und in den Foren. Auch am letzten Messetag werden noch Sortimente gesichtet, Kontakte vertieft, Aufträge angebahnt und Zukunftspläne geschmiedet. Zwischen vollen Kaffeebechern, Notizblöcken und rollenden Transportkisten zeigt sich, wie sehr diese Tage tragen: als Arbeitsplattform, als Ideengeber, als internationaler Treffpunkt einer Branche, die in Bewegung ist und ihren Weg entschlossen weitergeht. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Dillikrath