Manchmal öffnet sich eine Stadt wie ein geheimer Garten, und wer eintritt, vergisst die Zeit.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker
Reisen – Colmar, im Herzen des Elsass gelegen, ist solch ein magischer Ort: wo mittelalterliche Fachwerkhäuser wie aus einem Märchenbuch die engen Gassen säumen, wo der Duft von Wein durch die Luft zieht und Geschichte in jedem Pflasterstein mitschwingt. Hier fließt die Lauch träge durch die Altstadt, umspült die Brücken der Krutenau, das „Klein-Venedig“ von Colmar, und spiegelt die Fassaden der Maison Pfister und der Maison des Têtes wider, deren Renaissance-Fassaden mit Hunderten von Gesichtern und Ornamenten prunken.
Mit 67.360 Einwohnern innerhalb der Stadtgrenzen und rund 113.600 im Großraum ist Colmar nach Straßburg und Mülhausen die drittgrößte Stadt des Elsass. Als Hauptstadt der elsässischen Weine reihen sich an der berühmten Weinstraße Weinberge, deren Reben sich im Sonnenlicht wie grüne Wellen kräuseln, und die zu jeder Jahreszeit ein Farbenspiel bieten. Colmar ist aber nicht nur ein Ort der Genüsse: Es ist auch die Geburtsstadt bedeutender Künstler wie Martin Schongauer, Auguste Bartholdi, Jean-Jacques Waltz (alias Hansi) und Ernst Stadler, deren Werke heute in Museen und auf Plätzen der Stadt lebendig bleiben.

Die Geschichte Colmars ist ein Kaleidoskop aus Kaiserurkunden, Belagerungen, Pestpogromen, Reformation, Kriegen und politischen Umbrüchen. Erstmals 823 urkundlich erwähnt, wurde Colmar 1226 zur freien Reichsstadt erhoben. Kaiser Friedrich II. sah in dem Ort eine strategische Perle am Übergang zur Oberrheinischen Tiefebene, wo die Lauch in die Ill mündet. Die Stadt trotzt Jahrhunderten von Besetzungen, von schwedischen Truppen im Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen Garnison unter Ludwig XIV. 1679 fiel Colmar endgültig an Frankreich – ein Wendepunkt in der Geschichte des Elsass.
Im Mittelalter florierte die Stadt als Zentrum der Meistersingerschulen, und die Kolmarer Liederhandschrift, ein Schatz aus rund 950 Liedtexten, zeugt von der musikalischen und kulturellen Blüte. Trotz Pogromen und Vertreibungen der jüdischen Gemeinde blieb die Stadt ein Schmelztiegel aus Religionen und Kulturen, die bis heute in Kirchen, Synagogen und Museen nachklingen. Die protestantische Reformation hielt 1575 Einzug, während das Martinsmünster, die Dominikanerkirche und die Franziskanerkirche Saint-Matthieu die Architektur des Glaubens vom Mittelalter bis zur Gegenwart bewahren.
Wer durch Colmar wandert, erlebt eine Zeitreise. Das Koïfhus, einst Zolleinrichtung, beherbergte später Versammlungen des Zehnstädtebundes. Nebenan erinnern das Pfisterhaus und das Kopfhaus an den Reichtum der Kaufleute, während die Ackerleute im Poêle des Laboureurs ihre ersten barocken Spuren hinterließen. Der Bahnhof, erbaut zwischen 1902 und 1907, vereint Neorenaissance, Neobarock und Jugendstil und erzählt von einer Stadt, die sich stetig modernisierte, ohne ihre Traditionen zu verleugnen.
Colmar im 20. Jahrhundert erlebte dramatische Einschnitte. Zwischen den Weltkriegen, während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg und den Pogromen von 1918, formte sich eine Stadt aus Widerstand, Anpassung und kulturellem Erbe. Die Befreiung 1945 markierte den Anfang einer neuen Ära: Colmar öffnete seine Museen, gründete Weinmessen, Musikfestivals und feierte seine Identität als elsässisches Zentrum von Kunst, Kultur und Handel.
Museen prägen heute das Bild der Stadt: Das Unterlinden-Museum mit dem weltberühmten Isenheimer Altar, das Bartholdi-Museum mit den Werken des Freiheitsstatue-Schöpfers, das Spielzeugmuseum, das Museum der städtischen Fabriken und zahlreiche Sammlungen von Wiegendrucken in der Bibliothèque municipale. Colmar ist ein lebendiges Geschichtsbuch, dessen Seiten von Renaissance, Barock, Klassizismus und zeitgenössischer Architektur erzählen.
Die Krutenau verzaubert Besucher mit ihren Kanälen, Brücken und Fachwerkhäusern. Das Fischerufer, die Petite Venise und die Markthalle bieten unzählige Fotomotive und kulinarische Entdeckungen. Tourismus und Weinproduktion sichern der Stadt heute eine stabile wirtschaftliche Basis, ergänzt durch internationale Unternehmen wie Liebherr, Timken und Leitz. Die Weinberge im Norden der Stadt, das Festival international de musique classique de Colmar und der europäische Radwanderweg nach Freiburg unterstreichen die Verbindung zwischen Natur, Kultur und Lebensqualität. Colmar zeigt sich nicht nur als historisches und kulturelles Zentrum, sondern auch als lebendige Stadt des Lebens, der Musik, der Kunst und des Genusses. (nb)





