Es war später Abend, als in der Festhalle von Viersen kein Halten mehr war. Minutenlang erhoben sich die Zuschauer von ihren Plätzen, applaudierten, riefen, feierten ein deutsches Team, das soeben eines der dramatischsten Viertelfinals dieser Dreiband-Team-Weltmeisterschaft überstanden hatte.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersen – Mit 3:2 bezwang die deutsche Auswahl Spanien – ein Resultat, das die nackten Zahlen kaum erahnen lassen, welche Wendungen und Nervenproben sich an den Tischen abgespielt hatten. Den entscheidenden Punkt setzte nämlich ausgerechnet der Jüngste im Aufgebot. Beim Stand von 14:11 im Scotch Double, jener anspruchsvollen Doppelvariante auf 15 Punkte, trat Amir Ibraimov an den Tisch. Ein sauberer Stoß, die dritte Bande exakt getroffen – der 15. Punkt. Augenblicklich fielen sich Ibraimov und Martin Horn in die Arme. Die spanischen Kontrahenten Ruben Legazpi und Sergio Jimenez verharrten einen Moment reglos, ehe sie sportlich gratulierten. Es war das Ende eines Abends, der zuvor mehrfach die Richtung gewechselt hatte.

Dabei hatte alles nach einem Fehlstart aus deutscher Sicht ausgesehen. Im Doppel dominierten zunächst Legazpi und Jimenez das Geschehen beinahe nach Belieben. Mit einer frühen 9:1-Führung setzten sie ein deutliches Zeichen. Das spanische Duo spielte flüssig, variantenreich, nutzte jede sich bietende Position. Horn und Ibraimov hingegen wirkten in dieser Phase gehemmt, fanden kaum in ihr Rhythmusspiel. Doch gerade in der scheinbar aussichtslosen Lage begann die Wende. Mit einer Serie von neun Punkten am Stück drehten die Deutschen das Spiel vollständig. Aus dem 1:9 wurde ein 10:9 – eine Energieleistung, die die Halle erstmals zum Beben brachte.

Dass es überhaupt zum alles entscheidenden Doppel kam, lag an zwei Einzeln, die unterschiedlicher kaum hätten verlaufen können und doch beide bis zum Schluss offen waren. Martin Horn lieferte sich mit Ruben Legazpi ein Duell auf Augenhöhe. Über weite Strecken lagen beide Kontrahenten gleichauf, keiner vermochte sich entscheidend abzusetzen. In der Schlussphase schien das Pendel zugunsten des Spaniers auszuschlagen. Legazpi erspielte sich Vorteile, während Horn um Präzision rang. Doch mit bemerkenswerter Ruhe kämpfte sich der Deutsche zurück, verkürzte Punkt um Punkt und sicherte sich schließlich mit 40:38 den ersten Zähler für sein Team.
Parallel dazu schien Amir Ibraimov gegen Sergio Jimenez lange Zeit chancenlos. Mehr als fünfzehn Punkte betrug zwischenzeitlich sein Rückstand. Jimenez kontrollierte das Geschehen, spielte abgeklärt und zwang Ibraimov zu schwierigen Lagen. Erst im letzten Drittel der Partie verlor der Spanier spürbar seinen Rhythmus. Bei 31 Punkten verharrte er ungewöhnlich lange. Ibraimov nutzte die Phase, arbeitete sich Ball für Ball heran und war beim 29:31 plötzlich wieder in Schlagdistanz. Eine Viererserie verschaffte Jimenez noch einmal Luft, letztlich brachte er die Partie mit 40:37 ins Ziel. Der 1:1-Ausgleich bedeutete: Entscheidung im Scotch Double.

Schon am Nachmittag hatte sich angedeutet, dass dieser dritte Turniertag in Viersen eine besondere Dramaturgie bereithalten würde. Zunächst war die Gruppenphase zu Ende gegangen. Deutschland hatte sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten souverän mit 4:0 gegen Mexiko durchgesetzt. Auch Kolumbien ließ beim 4:0 gegen Jordanien nichts anbrennen, während die Türkei Japan ebenfalls klar mit 4:0 bezwang. Zwischen Vietnam und Frankreich stand am Ende ein 2:2-Unentschieden.
Im ersten Viertelfinale traf die Türkei auf Vietnam – ein Duell, das über weite Strecken ausgeglichen verlief, ehe die Vietnamesen ihre Chancen konsequent nutzten und beide Einzel für sich entschieden. Das 4:0 bedeutete den Einzug ins Halbfinale. Deutlich enger gestaltete sich die Begegnung zwischen Schweden und den Vereinigten Staaten. Torbjörn Blomdahl brachte die Skandinavier in Führung, Pedro Piedrabuena glich für die USA aus. Im Scotch Double sorgte eine schwedische Acht-Punkte-Serie beim Stand von 5:5 für eine Vorentscheidung. Zwar verkürzten die Amerikaner noch auf 12:14, doch Blomdahl setzte schließlich den entscheidenden Punkt zum 3:2-Endstand. Gemeinsam mit David Pennor feierte er ausgelassen den Halbfinaleinzug.

Nicht minder dramatisch verlief das vierte Viertelfinale zwischen den Niederlanden und Kolumbien. Titelverteidiger Niederlande sah sich mit einem hochkonzentrierten südamerikanischen Team konfrontiert. Huberney Catano blieb gegen Glenn Hofman stets in Schlagweite und überholte ihn in der Schlussphase noch. Damit glich er die Niederlage seines Teamkollegen Pedro Gonzalez gegen Dick Jaspers aus. Auch hier musste das Scotch Double entscheiden. Beim Stand von 14:13 für die Niederlande lag der Matchball gleich zweimal auf dem Queue von Hofman, doch er verfehlte jeweils um Millimeter. Kolumbien nutzte im Gegenzug seine Gelegenheit und erzielte die zwei fehlenden Punkte zum 3:2-Erfolg.
So stehen sich im Halbfinale Deutschland und Kolumbien gegenüber. Die Partie ist für heute, 13 Uhr, angesetzt. Beide Mannschaften haben am Vorabend bewiesen, dass sie selbst größte Rückstände und Drucksituationen nicht scheuen.
Ergebnisse des dritten Tages
Gruppenphase:
Deutschland – Mexiko 4:0
Vietnam – Frankreich 2:2
Türkei – Japan 4:0
Kolumbien – Jordanien 4:0
Viertelfinale:
Türkei – Vietnam 0:4
Schweden – USA 3:2
Deutschland – Spanien 3:2
Niederlande – Kolumbien 2:3 (nb)





