Dülken im Rausch der Narretei

Ein Trommelwirbel, ein Atemzug — und plötzlich stand die Stadt  mit dem Stripke für einen Augenblick still, nur damit das Lachen lauter werden konnte.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler, Leo Dillikrath und Martin Häming

Dölke – Am gestrigen Altweiber-Donnerstag verwandelte sich Dülken in ein Kaleidoskop aus Farbe, Takt und Ausgelassenheit: Punkt 11:11 Uhr, als scheinbar die Zeit selbst den Taktstock an die Narrenschar übergab, schoss ein Sonnenstrahl durch graue Wolken und der Regen, der zuvor auf die Pflasterfugen gedrückt hatte, ward still.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Was folgte, glich einem theatralischen Sturm auf das Rathaus: die Dölker Möhnen, die Dreistadtmöhnen, die Dölker Tollitäten und eine Schar von Jecken, die mit Pfeifen, Trommeln und der lauten Entschlossenheit, heute die Macht zu übernehmen, angereist waren.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Die Szene war episch und doch herzlich: in prachtvollen Kostümen — bunte Umhänge, glitzernde Ordensbänder, schillernde Kopfbedeckungen und mit viel Sachverstand drapierte Schals — strömten die Möhnen durch die Straßen. Simone Gartz, bekanntermaßen eigentlich Ortsbürgermeisterin, war gestern mit Herz und Seele Dreistadtmöhne. Ihr Lächeln war eine Aufforderung, ihr Schritt ein Marschbefehl an die gute Laune. „Heute regiert die Freude“, rief sie den Umstehenden zu, und ihre Stimme wurde sofort in Sprechchören zurückgegeben: „Gloria tibi Dülken!“

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Rathausmauern, sonst Bastion des Alltags, waren an diesem Morgen Spielplatz der Narretei. Bürgermeister Christoph Hopp stellte sich, flankiert von dem charmanten Double der Ortsbürgermeisterin, Stephan Seidel, dem närrischen Ansturm. Seidel, der mit spitzbübischem Blick und perfekter Mimese erneut als weibliches Ebenbild von Simone Gartz auftrat, sorgte für zahlreiche Lacher und verwirrte die Ordnungshüter so sehr, dass sie für einen Moment selbst Teil der Szenerie wurden. Widerstand? Ja, symbolisch — aber so liebevoll inszeniert, dass er mehr nach Tänzchen als nach Aufruhr aussah.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Angriff auf die städtische Autorität war choreographiert wie ein Komödienstück: Tänze, einstudierte Choreographien und kleine szenische Einlagen. Dann, der große Moment: der symbolische Schlüssel zur Stadt wechselte die Hände. „Das ist unser Brauchtum, das ist unsere Stimme — wir geben sie weiter mit Lachen und Verantwortung“, rief ein Jeck.

Die Jux-Parade der Möhnen, die sofort im Anschluss einsetzte, war ein wilder, bunter Wettkampf. Besonderes Glanzlicht dieses Altweibers: die Dölker Möhnen feierten ihr 50-jähriges Jubiläum. Karneval ist in Dülken Erinnerungskultur und Zukunftsgeist zugleich.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Alte Markt verwandelte sich in ein Theater unter freiem Himmel. Der Vaterstädtische Verein Dülken hatte ein pralles Programm vorbereitet. Am Abend füllte sich das Bürgerhaus: dort wurde weitergefeiert, bis die Lichter müde wurden. Die Jecken verband nicht nur die Liebe zum Spaß, sondern die Gewissheit, dass Karneval mehr ist als Fest: Es ist Stadtatmosphäre, ein kollektives Innehalten, eine Umarmung in öffentlichen Formen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Wenn man durch das abendliche Dülken schlenderte, war da noch etwas anderes: Stimmen, die nicht verhallten, Melodien, die in den Gassen nachklangen, und Lichter, die wie kleine Laternen der Freude funkelten. Kleine Gruppen zogen weiter, sangen Weisen, die so alt wie neu klangen, und zwischendrin bildeten sich spontane Polonaisen. Der Tag hatte alles, was ein Karnevalstag versprechen kann: Ritual und Spontaneität, Ernst und Witz, Tradition und unbändige Lebensfreude. Die Möhnen und Jecken von Dülken zeigten, wie Gemeinschaft aussieht, wenn sie durch Narretei und Menschlichkeit zugleich genährt wird. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

O Dülken meine Vaterstadt, des Rheinlands Edelstein,
Es preist die Chronik Blatt für Blatt, Dich Stadt der Narretein!
Gleichviel wo fern in fremden Land sich Deine Kinder sehn,
Sie reichen herzlich sich die Hand, wenn sie beisammen stehn.
Und wie in alter Zeit so rufen sie noch heut:

Gloria, Gloria, Gloria Tibi Dülken
Gloria, Gloria, Gloria Tibi Dülken!

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming