Erinnerung in Spuren – Wie Viersen seiner jüdischen Geschichte ein Gesicht gibt

Mit großer Resonanz ist am gestrigen Samstag im Alten Stadtarchiv in Viersen die Ausstellung „Was geblieben ist“ eröffnet worden. Die Schau widmet sich der Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde der Stadt und führt eindringlich vor Augen, wie tief deren Spuren bis in die Gegenwart reichen – sichtbar im Stadtbild, verborgen im kollektiven Gedächtnis.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming

Viersen – Schon zur Eröffnung füllten zahlreiche Besucher die Räume des Heimatvereins und unterstrichen damit das anhaltende Interesse an einem Kapitel lokaler Geschichte, an das lange Zeit nur fragmentarisch erinnert wurde. Bürgermeister Christoph Hopp hob in seiner Ansprache die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur hervor. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, so betonte er, sei nicht nur Verpflichtung, sondern auch Voraussetzung dafür, historische Zusammenhänge verständlich zu machen und für kommende Generationen zu bewahren.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Im Zentrum der Ausstellung steht die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Viersen seit dem frühen 19. Jahrhundert. Mit großer Sorgfalt hat die Historikerin Beatrix Wolters, die zugleich als Kuratorin verantwortlich zeichnet, Dokumente, Fotografien und Alltagsgegenstände zusammengetragen. Ihr Ansatz folgt keiner rein chronologischen Darstellung, sondern verknüpft historische Entwicklungen mit individuellen Lebensgeschichten. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild jüdischen Lebens, das weit über abstrakte Zahlen und Daten hinausgeht.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei einzelnen Biografien, die exemplarisch für Integration und gesellschaftliche Teilhabe stehen. So erinnert die Ausstellung unter anderem an den Metzger Josef Cleffmann, der nicht nur als angesehener Bürger galt, sondern auch zu den frühen Mitgliedern der Viersener Feuerwehr gehörte. Als Hornist war er dafür zuständig, im Brandfall Alarm zu schlagen; eine Aufgabe von zentraler Bedeutung in einer Zeit ohne moderne Kommunikationsmittel. Ein historischer Feuerwehrhelm, der in der Ausstellung zu sehen ist, verweist auf dieses Engagement und macht die Verbindung zwischen jüdischem Leben und städtischer Gemeinschaft auf anschauliche Weise greifbar.

Die Präsentation versteht sich ausdrücklich nicht als abgeschlossene Darstellung, sondern als Einladung zur Annäherung. Viele der gezeigten Objekte erzählen Geschichten, die erst im Kontext ihre volle Wirkung entfalten: Briefe, die von familiären Bindungen zeugen, Fotografien, die das Alltagsleben dokumentieren, sowie amtliche Schriftstücke, die die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung während der Zeit des Nationalsozialismus sichtbar machen. Gerade in dieser Gegenüberstellung wird deutlich, wie abrupt und radikal die Brüche waren, die das jüdische Leben in Viersen zerstörten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Grundlage der Ausstellung bildet das umfangreiche Werk „Spuren – Eine Zeitreise durch die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde Viersens“, das ebenfalls von Beatrix Wolters erarbeitet wurde. Auf rund 400 Seiten bündelt die Publikation jahrelange Recherchen und vertieft die Themen, die in der Ausstellung angerissen werden. Während die Ausstellung einen sinnlichen Zugang ermöglicht, liefert das Buch die wissenschaftliche Fundierung und eröffnet weiterführende Perspektiven.

Nach den offiziellen Redebeiträgen nutzten die Besucher die Gelegenheit, die Ausstellung eingehend zu erkunden. Dabei entwickelte sich rasch ein lebhafter Austausch, der zeigte, wie sehr das Thema bewegt. Gespräche über persönliche Erinnerungen, familiäre Bezüge und historische Fragen verliehen der Veranstaltung eine besondere Atmosphäre, die über eine bloße Vernissage hinausging. Die Ausstellung wurde so selbst zu einem Ort des Dialogs.

Der Verein für Heimatpflege Viersen, der die Ausstellung ausrichtet, knüpft mit dem Projekt an seine langjährige Arbeit zur Aufarbeitung lokaler Geschichte an. Dass gerade die Geschichte der jüdischen Gemeinde in den Mittelpunkt gerückt wird, ist dabei kein Zufall. Sie steht exemplarisch für die Verflechtungen von Integration, Ausgrenzung und Erinnerung, die viele deutsche Städte prägen.

Zu sehen ist die Ausstellung im Alten Stadtarchiv, Am Alten Gymnasium 4. Regelmäßig geöffnet ist sie sonntags am Nachmittag, 14-16 Uhr, sowie bei Veranstaltungen und Führungen durch die Ausstellung selbst geöffnet. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming