Gemeinsam gestalten statt kaputtsparen

Interview mit der Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreise Krefeld-Viersen, Dr. Barbara Schwahn

Krefeld-Viersen – Sinkende Kirchensteuerzuweisungen zwingen Gemeinden und den Kirchenkreis Krefeld-Viersen ab 2026 zu deutlichen Einsparungen. Doch statt bloß den Rotstift anzusetzen, will man gemeinsam neue Wege gehen. Im Interview spricht Superintendentin Dr. Barbara Schwahn über die Stimmung auf der Frühjahrssynode am letzten Samstag, mögliche neue Strukturen der Zukunft – und darüber, was ihr in dieser Zeit Hoffnung macht.

Frau Dr. Schwahn, wie haben Sie die Stimmung auf der Frühjahrssynode erlebt?

Ich hatte den Eindruck, dass alle die Informationen zur aktuellen finanziellen Situation sehr ernsthaft aufgenommen haben. Gleichzeitig ist daraus aber auch so etwas wie eine Aufbruchsstimmung entstanden. Die Haltung war: ‚Wir akzeptieren, dass unsere Ressourcen zurückgehen – und jetzt schauen wir, wie wir als Kirche auch weiterhin wirksam und wahrnehmbar bleiben können.‘

Wegen höherer Umlagesätze sinken ab 2026 die Kirchensteuerzuweisungen um fünf Prozent. Daher war ein Synodenthema „Sparen und Gestalten“. Welche konkreten Einsparziele wurden formuliert?

Wir müssen auf Gemeindeebene in den Jahren 2026 und 2027 Einsparungen in Höhe von 2,3 bis 2,9 Millionen Euro vornehmen. Das entspricht etwa 28 bis 35 Euro pro Gemeindeglied. Dieser Korridor ergibt sich aus der pessimistischsten und der optimistischsten Prognose, die derzeit zugrunde gelegt wird. Die einzelnen Gemeinden können dabei selbst entscheiden, an welcher Stelle innerhalb dieses Rahmens sie sich positionieren.

Aber auch auf Ebene des Kirchenkreises muss der Gürtel enger geschnallt werden – zum Beispiel in der Verwaltung, in unseren Referaten und in den Seelsorgestellen. Hier fehlen in den kommenden beiden Jahren zwischen 470.000 und 600.000 Euro. Darüber hinaus sind im Bereich der Diakonie Einsparungen von etwa 130.000 bis 170.000 Euro allein in diesem Zeitraum notwendig.

Ab dem Jahr 2028 setzt sich diese Entwicklung fort: Dann müssen die Gemeinden zusätzlich jährlich rund 530.000 Euro einsparen – das entspricht etwa 6 bis 6,50 Euro pro Gemeindeglied. Auf der kreiskirchlichen Ebene selbst kommen nochmals etwa 150.000 Euro pro Jahr hinzu.

Um diese Herausforderungen zu bewältigen, führt kein Weg an strukturellen Veränderungen vorbei – vor allem, wenn wir verhindern wollen, dass wir uns buchstäblich kaputtsparen.

„Kaputtsparen“ ist ein gutes Stichwort: Wie kann bei all dem Sparen denn noch Gestalten in den Gemeinden und diakonischen Einrichtungen möglich sein?

Sparen ist eigentlich nicht das richtige Wort – es geht um gezielte Einsparungen mit Blick aufs Ganze. Gestalten wird dann möglich, wenn wir unsere Ressourcen gemeinsam betrachten und planen. Deshalb gibt es den Vorschlag, etwa in Bereichen wie Seniorenarbeit, Jugendarbeit, Kirchenmusik oder Gemeindebüros nicht mehr jede Gemeinde einzeln wirtschaften zu lassen, sondern Personal und Mittel zusammenzuführen. Wenn etwa Mitarbeitende beim Kirchenkreis angestellt sind, könnten auch kleinere Gemeinden weiterhin Angebote machen – durch einen gemeinsamen Personalpool, aus dem alle schöpfen. So entstehen neue Spielräume, trotz knapper Mittel.

Sind denn dazu auf der Synode bereits Entscheidungen getroffen worden?

Was konkrete Strukturen oder eine gemeinsame Personalplanung angeht, sind auf der Synode noch keine Entscheidungen gefallen. Aber wir haben in Arbeitsgruppen sehr intensiv darüber diskutiert, was bei einer solchen Strukturveränderung den Gemeinden wirklich wichtig ist und was unbedingt erhalten bleiben soll.

Ganz klar war der Wunsch der Teilnehmenden: Bei allen Veränderungen darf der persönliche Bezug der hauptamtlich Mitarbeitenden zu den Menschen vor Ort nicht verloren gehen – auch dann nicht, wenn das Personal künftig beim Kirchenkreis angestellt wäre. Jeder Standort braucht ein Gesicht, also eine feste Ansprechperson für einen bestimmten Arbeitsbereich, sei es Seniorenarbeit, Kirchenmusik oder Jugendarbeit. Entscheidungen dazu werden wir voraussichtlich auf der Frühjahrssynode 2026 treffen – dann soll ein entsprechendes Konzept vorliegen.

Impulse dazu kamen am Samstag auch aus dem Kirchenkreis Solingen von Superintendentin Dr. Ilka Werner. Was lässt sich von der „Klingenkirche 2030“ lernen?

Man muss natürlich berücksichtigen, dass der Kirchenkreis Solingen deutlich kleiner ist – etwa so groß wie bei uns allein Krefeld. Die Rahmenbedingungen sind also nicht direkt vergleichbar. Bemerkenswert ist trotzdem, dass sich alle Gemeinden gemeinsam auf den Weg gemacht haben – niemand ist ausgeschert. Sie haben ihre finanziellen und personellen Ressourcen gebündelt und ein zukunftsweisendes Konzept entwickelt, das ihnen ermöglicht, trotz knapper Mittel kirchlich präsent und wirksam zu bleiben. Gerade diese gemeinsame Haltung – nicht jede Gemeinde für sich, sondern alle zusammen – ist ein starkes Signal und ein Impuls, von dem wir lernen können.

Was gibt Ihnen in diesem Veränderungsprozess, in dem sich Ihr Kirchenkreis befindet, persönlich Hoffnung?

Ich freue mich darüber, dass alle Gemeinden in unserem Kirchenkreis in Bewegung sind und bereit, sich auf Veränderungen einzulassen. Überall ist der Wille spürbar, die Zukunft der Kirche aktiv mitzugestalten. Das gibt mir Hoffnung. Stärkend war für mich auch der Gottesdienst zu Beginn unserer Synode. Er stand unter dem Motto des vergangenen Kirchentags: ‚Mutig, stark, beherzt.‘ Dieses Leitwort begleitet mich – und aus ihm schöpfe ich persönliche Zuversicht. Denn ich bin überzeugt: Unser Glaube trägt – und er geht nicht unter. Auch wenn sich die äußeren Strukturen der Kirche wandeln, bleibt das Evangelium bestehen. Es ist unser starkes Fundament. (opm)

Foto: Evangelischer Kirchenkreis Krefeld-Viersen