Kempen: „Grün weg, Sport weg – Wer stoppt diesen Rückschritt?“

Es ist eine jener kommunalpolitischen Auseinandersetzungen, die auf den ersten Blick technisch anmuten – Schulentwicklungsplanung, Sanierungsbedarf, Flächenfragen. Doch was sich derzeit in Kempen abzeichnet, ist nach Ansicht der Initiative Parents for Future – Kreis Viersen weit mehr als eine bauliche Entscheidung. Es gehe um Grundsätzliches: um Klimaschutz, um pädagogische Verantwortung, um Sportinfrastruktur – und um demokratische Beteiligung.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Kempen – In einem ausführlichen Leserbrief warnen die Klimaschützer vor einem „klimapolitischen, pädagogischen und stadtentwicklungspolitischen Rückschritt“. Konkret richtet sich ihre Kritik gegen die geplante Bebauung einer innerstädtischen Freifläche im Umfeld des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums (LvD), die bislang als Schulwald und Sportfläche genutzt wird.

Mit der geplanten Bebauung würde nach Darstellung der Initiative eine der wenigen größeren unversiegelten Flächen im Kempener Innenbereich dauerhaft entfallen. In Zeiten zunehmender Hitzesommer, häufiger Starkregenereignisse und wachsender Flächenversiegelung sei dies kein bloß ästhetischer Verlust, sondern eine klimapolitische Fehlentscheidung.

„Solche Flächen sind keine Reserve für spätere Bebauung, sondern essenzielle Klima- und Aufenthaltsräume“, heißt es in dem Schreiben. Jede zusätzliche Versiegelung verschärfe die Herausforderungen der kommunalen Klimaanpassung – insbesondere in dicht bebauten Stadtgebieten, in denen Hitzeinseln entstehen und Regenwasser kaum versickern könne.

Besonders deutlich äußern sich die Verfasser zur drohenden Beseitigung des sogenannten Schulwaldes am LvD. Schulwälder seien mehr als ein grünes Beiwerk auf dem Schulgelände: Sie fungierten als außerschulischer Lernort, als Rückzugsraum, als CO₂-Speicher und als Ort praktischer Umweltbildung. „Wer Klimaschutz ernsthaft unterrichten will, darf gewachsene Natur- und Lernräume nicht gleichzeitig zerstören“, argumentieren die Parents for Future. Der Widerspruch zwischen Klimabildung im Unterricht und dem Rückbau ökologisch wertvoller Flächen vor der eigenen Schultür sei kaum vermittelbar.

Neben dem ökologischen Aspekt rückt die Initiative die sportliche Infrastruktur in den Mittelpunkt ihrer Kritik. Mit der geplanten Bebauung würde ein schulortnaher Sportplatz entfallen – in unmittelbarer Nähe zu mehreren Schulen gelegen und bislang sowohl für den Schulsport als auch für Vereine genutzt. Die kurzen Wege seien pädagogisch sinnvoll und organisatorisch notwendig. Schon heute, so berichten Lehrkräfte, gebe es Engpässe bei der Nutzung von Sporthallen. Der Bedarf an Sportstätten sei größer als jener an zusätzlichen Klassenräumen. Unter diesen Bedingungen stelle sich die Frage, wie etwa die Anforderungen im Rahmen des Sportabiturs zuverlässig erfüllt werden sollten.

Die politische Entscheidung sei, so heißt es, nur mit knapper Mehrheit gefallen – teils unter Fraktionszwang. Gerade deshalb hätte es aus Sicht der Initiative einer besonders transparenten und ergebnisoffenen Abwägung bedurft. Kritisch verweisen die Parents for Future auch auf ein angestrebtes Bürgerbegehren, das von Verwaltungsseite gestoppt worden sei. Wenn hunderte Bürger protestierten, Vereine Stellung bezögen und Gutachten zum Erhalt rieten, dürften diese Stimmen nicht als Randmeinung behandelt werden.

Die Initiative stellt daher konkrete Fragen: Wurden Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern ausreichend beteiligt? Liegen Stellungnahmen der Sportfachschaften und Schulkonferenzen vor? Und wer trage innerhalb der Verwaltung letztlich die Verantwortung für die Abwägung zwischen Klima-, Bildungs- und Sportbelangen? Im Kern sehen die Parents for Future einen Widerspruch zwischen der Planung und den kommunalen Klimazielen. Ein Neubau auf einer bestehenden Grün- und Sportfläche verursache erhebliche Mengen an CO₂ – durch Beton, Stahl und Energieverbrauch in der Errichtung. Solche Ressourcen dürften nur eingesetzt werden, wenn ein zwingender Bedarf bestehe. Klimagerechte Stadtentwicklung bedeute aus ihrer Sicht etwas anderes: Entsiegelung statt zusätzlicher Versiegelung, Begrünung und Beschattung von Schulhöfen, Erhalt vorhandener Natur- und Sportflächen sowie eine Mehrfachnutzung bestehender Gebäude, bevor neue Flächen in Anspruch genommen würden.

Was in Kempen verhandelt wird, ist damit mehr als eine Frage der Schularchitektur. Es geht um Prioritäten: um die Gewichtung von Klimaschutz, Bildungsqualität, Sportförderung und Flächenmanagement. Und es geht um das Vertrauen in kommunale Entscheidungsprozesse. „Eine zukunftsfähige Stadt zerstört keine Grün- und Sportflächen, wenn kein zwingender Bedarf besteht“, schreiben die Parents for Future. Klimaschutz beginne vor der eigenen Schultür. Ob Rat und Verwaltung die Planung noch einmal grundlegend überprüfen, ist offen. Sicher ist jedoch: Die Auseinandersetzung um Schulwald und Sportplatz hat in Kempen eine Debatte entfacht, die weit über die Grenzen eines Baugrundstücks hinausweist. (sk)