Es ist ein alljährlich wiederkehrendes Phänomen – und doch trifft es die Helfer jedes Mal mit voller Wucht: Mit den ersten milden Tagen beginnt am Niederrhein die sogenannte Kittensaison. Für den Verein Notfelle Niederrhein e.V. ist dies die arbeitsintensivste und zugleich emotional herausforderndste Zeit des Jahres. Die ersten Würfe sind bereits gemeldet, die ersten neugeborenen Katzen gesichert – und vielerorts sind die Kapazitäten schon jetzt erschöpft.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler
Kreis Viersen – „Wir kastrieren, was wir können. Wir sichern, was möglich ist“, heißt es aus dem Kreis der Ehrenamtlichen. Doch ohne ausreichend Pflegestellen gerät selbst das engagierteste Netzwerk an seine Grenzen. Zahlreiche Pflegestellen sind derzeit bereits mit trächtigen Katzen belegt. Für die kommenden Wochen zeichnet sich eine Entwicklung ab, die sich seit Jahren verstetigt: steigende Zahlen hilfsbedürftiger Tiere bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen.
Die Anforderungen an neue Pflegestellen sind klar umrissen – und zugleich anspruchsvoll. Ein separates, ruhiges Zimmer mit Tageslicht, mindestens sieben Quadratmeter groß, ist Voraussetzung. Hinzu kommen Zeit, Geduld und die Bereitschaft, sich intensiv mit den Tieren auseinanderzusetzen. Denn die Bedürfnisse sind unterschiedlich: Während sogenannte Flaschenkinder alle zwei bis vier Stunden versorgt werden müssen – auch nachts –, benötigen scheue Jungtiere vor allem eines: behutsame Annäherung und Vertrauen. Trächtige Katzen wiederum brauchen Ruhe, Sicherheit und eine kontinuierliche Beobachtung.
Dabei stehen die Helfer nicht allein. Der Verein übernimmt Tierarztkosten, Impfungen und notwendige Medikamente, organisiert Unterstützung und Austausch im Team und hilft, soweit möglich, bei der Einrichtung der Pflegestellen. Dennoch bleibt die Verantwortung hoch. Regelmäßige Rückmeldungen, die Dokumentation der Entwicklung und die Bereitschaft zu Fahrten zu kooperierenden Tierärzten gehören zum Alltag der Pflegenden.
Im Zentrum steht dabei ein Ziel, das über das einzelne Tier hinausgeht. Im Kreis Viersen leben Schätzungen zufolge rund 10.000 Streunerkatzen. Jede gerettete, versorgte und kastrierte Katze ist ein Schritt, um diesen Kreislauf langfristig zu durchbrechen. Es ist eine Aufgabe, die Ausdauer verlangt – und die oft an die Substanz geht.
Denn so erfüllend die Arbeit ist, so schmerzhaft ist auch der Abschied. Nach sechs bis zwölf Wochen verlassen die aufgepäppelten Tiere ihre Pflegestellen, ziehen in ein neues Zuhause, beginnen ein anderes Leben. „Loslassen können“ – das sei der schwerste Teil, berichten viele Ehrenamtliche. Und zugleich der Moment, der die Mühen rechtfertigt: wenn aus schwachen, kranken oder verängstigten Tieren gesunde, zutrauliche Katzen werden.
Die Kittensaison ist damit nicht nur eine logistische Herausforderung, sondern auch ein Spiegel gesellschaftlicher Verantwortung im Umgang mit Tieren. Der Verein ruft daher eindringlich zur Mithilfe auf. Wer im Kreis Viersen oder der näheren Umgebung lebt und die Voraussetzungen erfüllt, kann Teil dieses Netzwerks werden (Pflegestelle werden) – und konkret dazu beitragen, Leben zu retten. Denn eines ist sicher: Die nächsten Würfe werden nicht auf sich warten lassen. (sk)




