Landtagswahl 2022 – „Politik muss Engagement für Aus- und Weiterbildung stärken“

5 Fragen, 5 Antworten. Der Vorsitzende der Unternehmerschaft Niederrhein, Ralf Schwartz, über die große Stärke unseres Bildungssystems, berufliche Perspektiven und eine nachhaltige Kompetenzentwicklung.

NRW – Herr Schwartz, die Unternehmen betonen immer wieder die Wichtigkeit der dualen Ausbildung. Wo liegen hier die Herausforderungen?
Die duale Ausbildung sorgt für exzellent ausgebildete Fachkräfte, die die Wirtschaft dringend braucht. Wichtig ist daher die gemeinsame Arbeit im Ausbildungskonsens NRW – ein bewährtes Format seit 25 Jahren. Und auch wenn sich der Ausbildungsmarkt in den vergangenen Jahren verändert hat: Wir verzeichnen einen Rückgang der Ausbildungsbewerber, eine zunehmende Zahl an unbesetzten Ausbildungsplätzen und noch zu viele Jugendliche ohne Ausbildung.

Was kann die Politik hier tun?
Grundsätzlich sollten die Schüler frühzeitig mit der beruflichen Praxis in Kontakt kommen, z.B. über Orientierungstage oder Praktika. Besonders wichtig ist die Gestaltung des Übergangs von Schule in Ausbildung. Hier müssen die Angebote noch besser gebündelt werden. Wir brauchen endlich eine Datenerfassung, um gezielt Schulabgänger anzusprechen, die noch keine Anschlussoption haben und Begleitung benötigen. Hier darf der Datenschutz nicht länger im Weg stehen. Zudem müssen die Anstrengungen intensiviert werden, Schüler, Eltern, Lehrkräfte von den Chancen einer Ausbildung zu überzeugen – am besten mit „role models“, mit denen sich die jungen Menschen identifizieren können. Auch durch die Pandemie neigen junge Menschen gegenwärtig dazu, länger in der Schullaufbahn zu bleiben. Hier muss auch die Politik deutlich machen, dass die duale Ausbildung auch und gerade jetzt hervorragende Perspektiven bietet.

Ralf Schwartz, Vorsitzender der Unternehmerschaft Niederrhein. Foto: Privat

Immer wieder ist auch die Rede von einer Ausbildungsgarantie oder Umlagefinanzierung. Wie stehen Sie dazu?
Solche Ansätze mögen in der Theorie gut klingen, gehen aber an den tatsächlichen Problemen vorbei und schwächen letztendlich die duale Ausbildung. Es wäre das völlig falsche Signal, dass eine Ausbildung garantiert ist und Anstrengungen daher nicht mehr nötig sind. Statt ideologischer Debatten oder undifferenzierter Schein-Lösungen brauchen wir konkrete und passgenaue Ansätze, damit mehr junge Menschen in eine Ausbildung kommen und freie Plätze nicht unbesetzt bleiben.

Stichwort Ausbildungsfähigkeit: Von den Betrieben gibt es oft Klagen, dass Jugendliche heutzutage vermehrt nicht „ausbildungsfähig“ seien. Wie schätzen Sie das ein?
Wir haben auf der einen Seite tolle, gut vorbereitete Bewerber. Wir haben auf der anderen Seite aber auch Bewerber, die nicht einmal ganz grundsätzliche Voraussetzungen für eine Ausbildung mitbringen. Teilweise kommen aus den Schulen junge Menschen, die keinen Abschluss haben oder denen elementare Kenntnisse für eine Ausbildung fehlen. Für diese braucht es gezielte Unterstützung, idealerweise auch schon präventiv.
Förderangebote wie eine Einstiegsbegleitung in den Beruf müssen verstärkt werden. Maßgeblich ist und bleibt aber eine gute Vorbereitung durch eine hohe Qualität der Schulbildung.

Thema berufliche Weiterbildung: Tun die Unternehmen genug, um ihre Mitarbeiter auf die zunehmende Digitalisierung und Transformation der Wirtschaft vorzubereiten?
Kein Unternehmen kann es sich heute leisten, auf die Weiterentwicklung der Kompetenzen ihrer Beschäftigten zu verzichten. Daher investieren die Unternehmen schon heute viel Geld in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter.
Staatliche Maßnahmen sind nur und dort sinnvoll, wo sie gezielt und differenziert eingesetzt werden. Die Situationen in den Unternehmen sind zu unterschiedlich für eine Förderung nach dem „Gießkannen-Prinzip“. Die Prämisse muss immer sein, dass die Betriebe und Beschäftigten eigenverantwortlich handeln können – denn sie kennen ihre Bedarfe am besten. (opm)