Lichter gegen das Verstummen der Höfe – Als der Niederrhein zu leuchten begann

Die Kälte kroch bereits in die Finger, als sich am frühen Sonntagabend die ersten Menschen an den Straßenrändern versammelten. Dicke Jacken, Wollmützen … bitterer Ernst und ein eindringlicher Appell begleitete ihr Zusammenkommen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker, Leo Dillikrath und Martin Häming

Viersen – Der Atem stand sichtbar in der Luft. Es roch nach feuchtem Asphalt, nach Winter und nach Erwartung. Dann durchbrach ein tiefes, sonores Brummen die Stille zwischen den Feldern von Mackenstein. Ein einzelnes Licht tauchte auf, dann zwei, dann dutzende – und schließlich wuchs aus der Dunkelheit ein leuchtendes Band, das sich langsam, würdevoll und beinahe feierlich in Bewegung setzte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

110 Traktoren, ergänzt durch 15 Lastwagen und drei Pkw, reihten sich an diesem Abend aneinander. Fahrzeug um Fahrzeug, Meter um Meter. Ein Zug, der nicht enden wollte und der sich, so lang wie nie zuvor, seinen Weg durch Dülken und Viersen bahnte. Gemeinsam formten die Landwirte einen der längsten Lichterzüge in Nordrhein-Westfalen. Doch Zahlen allein konnten nicht erfassen, was sich an diesem Abend zwischen Maschinen, Menschen und Lichtern abspielte.

Die Traktoren waren mit unzähligen Lichterketten geschmückt. Warmes Gelb, klares Weiß, vereinzelt Rot und Blau. Sterne funkelten an Frontladern, Tannenbäume ragten aus Anhängern, Engel, Herzen und Schriftzüge glühten im Rhythmus der Motoren. Manche Fahrzeuge waren bis ins kleinste Detail dekoriert, andere bewusst schlicht gehalten. Ausgestattet mit Schildern „Ohne Landwirte geht es nicht“, „Ein Funken Hoffnung für die Landwirtschaft“ oder „Landwirt sucht Zukunft“ war es ein klarer und eindringlicher Appell.

Entlang der Route standen Hunderte, vielleicht Tausende Zuschauer. Familien mit kleinen Kindern, ältere Paare, Jugendliche mit Handys in der Hand. Applaus brandete auf, als die Kolonne vorbeizog, begleitet von Winken, Rufen und dem leisen Klingeln von Fahrradglocken. Kinder zählten die Traktoren laut mit, verloren irgendwann den Überblick und lachten. Viele Augen leuchteten – nicht nur wegen der Lichter.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Was wie ein stimmungsvoller Weihnachtsumzug wirkte, war zugleich ein leiser, eindringlicher Appell. Die Landwirte aus dem Kreis Viersen hatten sich erneut bewusst für diese Form entschieden: sichtbar, friedlich, offen – und doch voller Ernst. „Wir wollen nicht schreien“, sagte ein Landwirt, der am Steuer seines geschmückten Schleppers saß. „Aber wir wollen gesehen werden.“ Seine Stimme ging im Motorengeräusch unter, seine Botschaft nicht.

Denn hinter dem Glanz verbirgt sich eine Realität, die viele Betriebe an ihre Grenzen bringt. Die wirtschaftliche Lage in der Landwirtschaft ist angespannt wie selten zuvor. Die Schere zwischen Erzeugerpreisen und Verbraucherpreisen klafft immer weiter auseinander. Während Lebensmittel im Handel teurer werden, kommen diese Preissteigerungen auf den Höfen kaum an. Milch, Getreide, Kartoffeln, Fleisch oder Gemüse werden häufig zu Preisen abgenommen, die kaum die Produktionskosten decken.

Besonders arbeitsintensive Kulturen geraten zunehmend unter Druck. Obst- und Gemüseanbau erfordern viel Handarbeit, insbesondere in der Ernte. Steigende Löhne, hohe Energiekosten und strengere Auflagen treiben die Kosten in die Höhe. Gleichzeitig konkurrieren heimische Betriebe mit Importware aus Ländern, in denen deutlich niedrigere Lohn- und Sozialstandards gelten und Umweltauflagen weniger streng sind. „Wir sollen immer nachhaltiger produzieren – und das tun wir auch“, erklärte ein Teilnehmer der Lichterfahrt. „Aber wir stehen im Wettbewerb mit Produkten, die diese Standards nicht erfüllen müssen.“

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Hinzu kommt das Gefühl eines strukturellen Ungleichgewichts. Während viele Handwerks- und Industriebetriebe überwiegend im nationalen oder zumindest vergleichbar regulierten europäischen Markt agieren, sieht sich die Landwirtschaft einem globalen Wettbewerb ausgesetzt. Produkte aus Niedriglohnländern gelangen nahezu ungehindert in die Regale. Die langen Transportwege, der hohe CO₂-Ausstoß und die oft unklaren Produktionsbedingungen stehen im deutlichen Widerspruch zu den Klimazielen und zu dem Wunsch vieler Verbraucher nach regionalen, nachhaltig erzeugten Lebensmitteln.

Auch handelspolitische Entwicklungen bereiten den Landwirten Sorgen. Insbesondere die Diskussionen um internationale Handelsabkommen werden kritisch gesehen. Die Befürchtung: weitere Marktöffnungen ohne gleichwertige Standards. Während in anderen Branchen über Resilienz, Versorgungssicherheit und strategische Unabhängigkeit gesprochen wird, fühlen sich viele landwirtschaftliche Betriebe mit ihren Sorgen allein gelassen. „Lebensmittel sind kein beliebiges Gut“, sagte ein Fahrer. „Sie sind Grundlage unserer Gesellschaft.“

Trotz all dieser ernsten Themen war die Atmosphäre entlang der Strecke nicht von Resignation geprägt. Im Gegenteil. Die Lichterfahrt wirkte wie ein kollektives Aufrichten. Viele der teilnehmenden Landwirte hatten Tage, manche sogar Wochen in die Vorbereitung investiert. Nach langen Arbeitstagen auf dem Hof wurden Kabel verlegt, Generatoren installiert, Figuren gebaut. Alles ehrenamtlich, alles zusätzlich zur täglichen Arbeit. „Das hier ist Gemeinschaft“, sagte eine Landwirtin, die mit ihrem Traktor von handgemalten Weihnachtsmotiven geschmückt war. „Alleine wäre das nicht möglich.“

Ein weiterer Adressat des Abends waren ganz bewusst die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Region. Die Botschaft war klar: Wer regional einkauft, unterstützt die Betriebe direkt. Viele Landwirte betonen, dass Produkte ab Hof häufig nicht teurer seien als im Supermarkt – dafür transparenter und mit einem direkten Bezug zum Erzeuger. Zahlreiche Gespräche am Straßenrand zeugten davon, dass diese Botschaft ankam.

Als die Spitze des Zuges schließlich das Bockerter Lichterhaus erreichte, war es längst dunkel. Die Lichter spiegelten sich auf dem Asphalt, Motoren verstummten nach und nach. Es wurde ruhiger, beinahe andächtig. Fahrer stiegen aus, klopften sich auf die Schultern, tauschten kurze Worte. Müdigkeit mischte sich mit Zufriedenheit. „Es war überwältigend“, sagte ein Teilnehmer leise. „So viele Menschen, so viel Zuspruch – das gibt uns Kraft.“

Einer der längsten Lichterzüge Nordrhein-Westfalens endete ohne Bühne, ohne Abschlussrede, ohne Pathos. Zurück blieben Bilder, die sich eingebrannt haben: leuchtende Maschinen im Winter, winkende Kinder, stille Momente zwischen Licht und Dunkelheit. Und ein Abend, der gezeigt hat, dass Landwirtschaft mehr ist als Produktion – sie ist Teil der Region, Teil des Alltags und Teil der Zukunft, über die an diesem Abend zwischen Dülken und Viersen sichtbar verhandelt wurde. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming