Früh am Morgen, wenn der Nebel wie ein silbriger Schleier die Täler des Südwestens Baden-Württembergs umarmt, erwacht eine Landschaft, die so viel mehr ist als nur ein Mittelgebirge: der Schwarzwald.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker
Reisen – Mit seinen bis zu 1.493 Metern Höhe über dem Meeresspiegel und einer Fläche von über 6.000 Quadratkilometern erstreckt er sich von den sanften Ufern des Hochrheins bis zum Kraichgau im Norden, eingebettet zwischen Oberrheinischer Tiefebene und der Hügellandschaft des Klettgaus. Wer hier durch die dichten Nadel- und Mischwälder wandert, spürt die jahrtausendealte Geschichte, die sich in den geologischen Schichten, den uralten Gneis- und Granitformationen und den karstigen Karseen wie Mummelsee oder Titisee widerspiegelt.

Im Norden zeigt sich der Schwarzwald als sanfte Hochfläche mit weiten Buntsandsteinplateaus, während im Westen die Landschaft dramatisch in das Rheintal abfällt. Dieses Spannungsfeld zwischen Hochplateau und steil abfallender Talschlucht prägt nicht nur das Bild des Gebirges, sondern auch die Lebensräume von Flora und Fauna. Über 70 Prozent der Fläche sind bewaldet, und die höheren Lagen des Südschwarzwaldes – insbesondere rund um Feldberg, Belchen und Herzogenhorn – wirken wie eine wildromantische Kulisse aus Eiszeit und Gletschermoränen, deren Spuren heute noch in den Mulden und Karseen zu sehen sind.
Die Naturgewalten haben das Land geformt: Hochwasser, Schneemassen und stürmische Winde hinterließen immer wieder ihre Spuren, zuletzt bei den verheerenden Orkanen Vivian, Wiebke und Lothar. Auf kahlen Flächen wachsen heute neue Mischwälder heran, die den ursprünglichen Reichtum des Schwarzwalds langsam wiederherstellen. Die Vegetation wechselt mit den Höhenmetern: Im Norden dominieren endlose Nadelwälder, während im Süden offeneres Wiesentälerland die Landschaft gliedert.
Doch nicht nur die Natur prägt den Schwarzwald. Schon in der Antike wussten Menschen die Region zu nutzen. Unter dem Namen Abnoba Mons verewigten die Kelten die heiligen Wälder, später folgten die Römer, die in Baden-Baden Thermen errichteten und Straßen wie die Kinzigtalstraße anlegten. Mittelalterliche Klöster wie St. Peter, St. Märgen und St. Blasien wurden zu Zentren der Besiedlung, Landwirtschaft und Bergbauaktivität. Silber, Blei, Fluorit und Nickel wurden über Jahrhunderte hinweg abgebaut, und heute erinnern Besucherbergwerke wie Schauinsland oder die Grube Clara in Oberwolfach an diese bewegte Geschichte.

Die Menschen des Schwarzwalds hatten immer einen engen Bezug zu den Wäldern. Über Jahrhunderte floß das Holz über Enz, Kinzig, Murg und Nagold zu Schiffen und Bauwerken in die Niederlande, und die Tannen aus den Höhenlagen erhielten den Spitznamen „Holländer“. Köhler, Glashütten, Pottaschesieder und Uhrmacher prägten die regionale Wirtschaft, während aus den langsam wachsenden Nadelbäumen hochwertige Geigen hergestellt wurden, die bis nach Ungarn, Holland und sogar in Beethovens Hände gelangten.
Der Schwarzwald bietet heute für Besucher eine unvergleichliche Vielfalt: Wanderer durchstreifen das ausgedehnte Netz von Fern- und Themenwegen wie Westweg, Schluchtensteig oder Murgleiter. Radfahrer folgen dem Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Radweg, dem Südschwarzwald-Radweg oder dem Wiesental-Radweg. Wintersportler finden an Feldberg, Todtnau und Hinterzarten hervorragende Pisten und Sprungschanzen, während Familien die idyllischen Seen mit ihren Möglichkeiten für Segeln, Tauchen oder Windsurfen genießen. Die Städte locken mit historischer Architektur, Kurorten und Gastronomie: Baden-Baden, Gengenbach, Freiburg, Baiersbronn – sie alle verbinden Kultur und Naturerlebnis in einzigartiger Weise.
Die geomorphologische und geologische Vielfalt des Schwarzwalds ist ebenso beeindruckend wie seine kulturellen Schätze. Die Hornisgrinde, der Kandel, Belchen und Schauinsland bilden markante Aussichtsberge, während zahlreiche Flüsse wie Enz, Kinzig, Elz, Murg oder Wutach die Landschaft durchziehen und das Wasser für Mühlen, Sägewerke und heutige Pumpspeicherkraftwerke liefern. Der Schluchsee, das Hornbergbecken und weitere Speicherbecken demonstrieren, wie aus Höhenunterschieden und Niederschlagsmengen Strom gewonnen wird, der das Leben im Schwarzwald nachhaltig prägt.
Doch es sind nicht nur Wasser und Berge, die den Schwarzwald auszeichnen, sondern auch seine Museen und Freilichtanlagen: Im Vogtsbauernhof oder im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen lässt sich Geschichte hautnah erleben, während das Glasmuseum in Wolfach 2.000 Jahre Handwerkskunst vermittelt. Wallfahrtsorte, Klöster und barocke Kirchen, darunter das Kloster Alpirsbach oder die Klosterruine Hirsau, erinnern an eine religiöse und kulturelle Vergangenheit, die sich in Stein, Glas und Holz eingeschrieben hat.
Der Schwarzwald lebt also von seiner Dualität: wild und zäh, naturbelassen und von Menschenhand gestaltet, ein Ort, an dem Geschichte, Handwerk, Natur und Freizeit nahtlos ineinandergreifen. Ob auf schneebedeckten Gipfeln, in stillen Tälern oder an glitzernden Seen – die Region bleibt ein Magnet für Entdecker, Sportler, Kulturinteressierte und Naturliebhaber gleichermaßen. (nb)





