In Dülken gibt es so Orte, da merkt man: Hier hat sich mal jemand richtig wat gedacht. Und dann merkt man direkt im nächsten Schritt: Hier hat sich offenbar auch jemand richtig wenig drum gekümmert.
Das Vierscher Versehen – Glosse von Jupp van’t Eck
Dölke – Am „Kesselsturm“ stand mal so ein Ding, das klang schon beim ersten Hören nach Zukunft und Vergangenheit gleichzeitig: ein Archäologisches Fenster. Kein normales Schaufenster, kein bisschen Plastik – nein, ein digitales Hologramm. Weltweit ohne Vorbild, hat man gesagt. Dülken ganz vorne. Fast futuristisch.
Da konnteste quasi in den 30-jährigen Krieg gucken. Stadtmauer, Händler, Nachtwächter, Magd, Schmied – alles als lebendige Szene. Ein bisschen wie Kino, nur ohne Popcorn und mit Geschichte.
Un dat war wahrscheinlich schon der erste Fehler: zu schön, zu besonders, zu gepflegt gedacht.
Denn inzwischen ist davon ungefähr so viel übrig wie von einem frischen Brötchen am Sonntagmorgen in der Bäckertüte: nix. Glas eingeworfen, Scheiben zerstört, Acryl gesplittert – und das „weltweit einzigartige Hologramm“ ist heute eher ein „weltweit nicht mehr vorhanden“. Seit acht Jahren. Acht. Jahre. Dat muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Stattdessen gab es irgendwann mal ein Gemälde. Auch schön gedacht. War wohl so die analoge Notfallstufe: wenn Zukunft kaputt, dann wenigstens Farbe.
Tja… und dann kamen die Eddings.
Figuren beschmiert, Details unkenntlich gemacht, Geschichte übermalt wie ein Schulheft in der letzten Reihe. Und irgendwann steht man da und denkt sich: Wat genau is eigentlich so schwer daran, Dinge einfach mal so zu lassen, wie sie sind?
Das ist ja kein verlassener Hinterhof, sondern ein Ort, der Geschichte erzählen soll. 17. Jahrhundert, Stadtmauer, Nachtwächter, Handwerk, Leben zwischen Mauern – alles sorgfältig rekonstruiert, erklärt, inszeniert. Und was machen wir draus? Eine Mischung aus Vandalismusfläche und Gedächtnislücke.
Un ich sach euch ganz ehrlich: Dat is nicht nur Sachbeschädigung. Dat is auch ein bisschen Kulturvergessenheit in Schmierform.
Denn während irgendwo geplant wird, erklärt und investiert wird, reicht hier offenbar ein Abend, ein Stift oder ein Stein, und aus „Zeitfenster“ wird „Zeit vorbei“.
Und dann wundert man sich irgendwann, warum keiner mehr versteht, wat Dülken eigentlich mal war oder sein wollte.
Vielleicht liegt genau da das Problem: Geschichte ist in Viersen kein Museum hinter Glas – sie steht draußen. Und wenn draußen keiner aufpasst, dann sieht sie irgendwann auch genau so aus: kaputt erklärt, kaputt gemacht, kaputt geschwiegen.
Also, liebe Stadt, liebe Leute, liebe „war nur Spaß“-Fraktion:
Wenn wir schon keine Hologramme retten können, dann vielleicht wenigstens den Respekt davor, dass da mal jemand etwas Besonderes geschaffen hat.
Sonst bleibt vom „Zeitfenster Kesselsturm“ am Ende nur noch eins übrig:
Ein Blick in die Vergangenheit – durch zerbrochenes Glas und beschmierte Erinnerung.
Euer
Jupp van’t Eck





