Am Alten Nordkanal: Eine Straße auf den Spuren imperialer Visionen

Viersens lebendige Geschichte … Straßen und Plätze erzählen
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Viersen – Die Straße Am Alten Nordkanal im Ortsteil Rahser erzählt eine Geschichte, die bis in die Zeit Napoleons zurückreicht. Sie verbindet die Rahserstraße mit der Oberrahserstraße und folgt dabei der Trasse eines ehrgeizigen Projekts, das einst den Lauf der Geschichte verändern sollte. Der Nordkanal, geplant unter Napoleons Herrschaft während der Kontinentalsperre 1806, sollte eine direkte Wasserstraße schaffen, die es Rheinschiffen ermöglichen würde, über Neuss und Venlo bis nach Antwerpen zu gelangen – und somit die britische Seeblockade zu umgehen.

Doch obwohl die Pläne groß waren, scheiterte das Projekt im Raum Viersen. Im Jahr 1810, als politische Wendungen Napoleons Ambitionen dämpften, wurden die Bauarbeiten eingestellt. Was blieb, war eine brachliegende Trasse, die die Spuren einer gescheiterten imperialen Vision trug.

Erst Jahrzehnte später erwachte das Gebiet zu neuem Leben. Mit der Gründung der „Crefelder-Kreis-Kempener Industrie-Eisenbahn-Gesellschaft“ wurde 1870 eine Eisenbahnstrecke gegründet, die Viersen-Rahser mit dem industriell aufstrebenden Krefelder Verband. Diese Strecke spielte eine wichtige Rolle im regionalen Güterverkehr, bevor sie 1962 aus wirtschaftlichen Gründen ihren Dienst einstellte.

Die Straße Am Alten Nordkanal steht heute als stiller Zeuge dieser historischen Entwicklungen. Sie verknüpft die Vergangenheit mit der Gegenwart, führt durch ein Viertel, das moderne Urbanität mit einem Hauch unvollendeter Geschichte verbindet. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming