Dölke ritt auf Steckenpferden in die fünfte Jahreszeit

Wenn das Scheinwerferlicht die ehrwürdigen Ziegel der Dülkener Narrenmühle in warmes Licht taucht und ein kühler Wind durch die Flügel streicht, ist es wieder soweit: Die fünfte Jahreszeit hat die Stadt fest im Griff. Am Dienstagabend, um exakt 19:11 Uhr, verwandelte sich das historische Wahrzeichen wieder zum Startpunkt für die kommenden Monate, in denen die Jecken die Stadt mit dem Stripke regieren.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Leo Dillikrath

Dölke – Die Sonne war längst hinter dem Horizont unter gegangen, als sich die ersten Karnevalisten an der Dülkener Narrenmühle einfanden. Freude über das Wiedersehen mischte sich mit lebendigen Gesprächen. Die unterschiedlichen Ornate verschwammen im Halbdunkel zu einer großen närrischen Familie, die es kaum erwarten konnte die fünfte Jahreszeit einzuläuten.

Es war eine elektrisierende Stimmung, eben ein ganz besonderes Gefühl, begleitet vom fröhlichen Lachen der Kinder, die mit leuchtenden Augen und kleinen Steckenpferden in der Hand den närrischen Einzug der Mitglieder der altehrwürdigen Dülkener Narrenakademie erwarteten. Ein großer Dank galt dabei den Helfern und Unterstützern, allen voran der NEW Netz GmbH, die seit vielen Jahren zuverlässig Licht an der Mühle bereitstellt und damit die närrische Szenerie noch stimmungsvoller machte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Im Zentrum des Geschehens stand aber natürlich traditionell die Dülkener Narrenmühle, die seit Jahrhunderten als Symbol der lokalen Narretei gilt. Die Mühle, so erklärte Rector magnificus Dr. Arie Nabrings in seiner Ansprache, sei mehr als nur ein Bauwerk: „Sie ist Treffpunkt der Narren, Leuchtfeuer der Freude, das schlechte Laune einfach davonbläst.“ In seiner Rede erinnerte er an die historische Bedeutung der Mühle, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im Rheinland und darüber hinaus als Symbol der Narretei gilt. „Sie fand viele Nachfolger. So finden wir die Mühle auf dem Orden der Gesellschaft Tempeleers in Maastricht, auf den Mützen der Mainzer Karnevalisten und in der Überlieferung der Düsseldorfer und Aachener Karnevalsvereine. Überall tauchen die Spuren der Dülkener Mühle auf.

Dülken besaß mit seiner Narrenakademie und Narrenmühle eine Strahlkraft in den gesamten Rhein-Maas-Raum hinein, denn unsere Mühle hat immer gute Laune, weil sie ständig auf dem Sprung ist, wenn der Wind sie dreht – und schlechte Stimmung einfach wegbläst!“, so Dr. Nabrings. „Dieser Wind entfacht das närrische Feuer in den Herzen der Narren jedes Jahr aufs Neue und bringt neue Regenten hervor, die die Flamme närrischen Brauchtums weitertragen. In der Regel reicht die Kraft dazu nur für ein Jahr. Und so müssen wir sie heute verabschieden.“

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Prinzessin Judith I., Bäuerin Andrea I. und Jungfrau Gabi I. hatten in ihrer Regentschaft neue Akzente gesetzt und dem Karneval ein weibliches Gesicht verliehen. „Drei beredte Frauen zu verabschieden, ist ein großes Vergnügen und eine noch größere Herausforderung zugleich“, witzelte der Rector magnificus.

Mit Tränen in den Augen dankten die Regenten den Vereinen, Familie, Freunden und natürlich den Dölker Jecken: „Was für eine Session! Zwischen Glitzer, Konfetti und Dülkner Frohsinn haben wir erlebt, was echte Dülkner Power bedeutet. Wir sagen Danke für jeden Applaus, jedes Lächeln, jede Umarmung und jedes Gloria Tibi Dülken. Unsere Adjutantinnen und unser Adjutant, Fahnenträger und Bonusadjutant – ihr wart unser Orga-Team mit Herz und Humor. Sogar der Wettergott hatte gute Laune: Erst Sonne satt zum Start, und nach einem fantastischen Rosenmontagszug hat er uns den Sonnenuntergang quasi als Zugabe serviert. Diese Session war kein Karneval, sie war ein Märschen in Schwarz, Gelb, Lila und Weiß-mit jeder Menge Herzblut und Lachfalten inklusive.“

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Doch nicht nur die Erwachsenen traten in den Vordergrund: Auch das Kinder-Dreigestirn, bestehend aus Prinz Luke I., Prinzessin Nele I. und Bauer Timo I., verabschiedete sich von ihrem jecken Volk. Die jungen Narren versicherten in humorvoller Manier, dass sie die erlernten Bräuche weitertragen würden. Ihre Auftritte waren geprägt von überschäumender Freude, kindlichem Stolz und einem kleinen Wermutstropfen nach einer wunderbaren vergangenen Session.

Und dann, dann folgte, worauf an diesem Abend jeder Karnevalist gewartet und hingefiebert hatte. Mit den ersten Hammerschlägen an der Tür der Mühle, ein Signal, das seit Generationen den Beginn des Steckenpferdritts markiert, erhob sich der Jubel. Die Jecken galoppierten singend und schunkelnd um die Mühle, begleitet von den Klängen der Musikfreunde Dülken. Über das Kopfsteinpflaster trommelten die Steckenpferde, während Kinder, Erwachsene und Senioren in bunter Mischung gemeinsam mit den Dülkener Vereinen das Brauchtum lebendig hielten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Dr. Nabrings erinnerte in seiner Rede daran, dass der Steckenpferdritt nicht nur eine Tradition, sondern ein Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls sei. „Wer um die Mühle reitet folgt keinem Ziel, sondern dem Wunsch die Gemeinschaft zu feiern und dem Alltag für einen Abend zu entfliehen“, sagte er. Das Publikum lachte, klatschte und sang mit, als er ausführte, dass Dülken mit seiner Narrenakademie und der Narrenmühle weit über die Stadtgrenzen hinaus Strahlkraft besitze. „Die Spuren unserer Mühle finden sich in vielen Karnevalshochburgen, aber die Energie, die hier entsteht, ist einzigartig.“

Der Ritt um die Narrenmühle ist eben mehr als ein Brauch: Er ist ein Manifest des Frohsinns, ein Sinnbild für die Verbindung von Alt und Jung und ein Symbol dafür, dass der Karneval nicht nur gefeiert, sondern mit ganzem Herzen gelebt wird. Vom kleinen Narr bis zum gestandenen Steckenpferdreiter – alle Teilnehmer waren vereint in einem einzigen, galoppierenden Jubel, der seinen Abschluss nach dem Fackelzug durch die Stadt im Dülkener Bürgerhaus fand. Ja, so muss es sein in der närrischen Zeit … darauf rufen wir von ganzem Herzen aus: Gloria tibi Dülken! (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath