Ich sitze nun hier in meinem alten Sessel, meine Hände gebrechlich, die Augen müde und doch lebendig in Gedanken. Es ist merkwürdig, wie sich die Jahre verflüchtigen, aber die Erinnerung an einen einzigen Tag sich so fest in das Herz brennen kann, dass sie heller leuchtet als alle anderen.
Literarisches von Magdalene Walther
Literarisches – Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir von einem Julitag im Jahre 1927 erzählte, einem Sommertag, der mein allererster Ausflug gewesen war. Sie sprach von der Wärme der Sonne, von der Luft im Alten Stadtgarten und vom Lachen meines Vaters, als trüge er den Picknickkorb wie ein Heiligtum. Ich war damals erst wenige Wochen alt, konnte mich natürlich nicht selbst erinnern, aber in den Worten meiner Mutter lebte dieser Tag fort – so lebendig, als hätte ich ihn selbst erlebt.
Der Stadtgarten selbst war eine Oase der Ruhe. Die barocke Ordnung, die der Düsseldorfer Gartenarchitekt schon 1901 angelegt hatte, wirkte in ihrer Symmetrie feierlich: akkurat geschnittene Hecken, schmale Kieswege, die in geometrischen Mustern verliefen, und das Wasserbecken in der Mitte, aus dem drei Löwenköpfe feine Wasserbögen speiten. Meine Mutter sagte immer, dass die Löwen wachen, als würden sie über die Menschen wachen, die den Park betreten, und dass dies ein Ort sei, an dem man die kleinen Wunder des Lebens wahrnehmen könne.
Sie erinnerte sich, dass der Duft der Blüten sie umgab. Die Blätter der Bäume bewegten sich sanft im warmen Sommerwind, und ab und zu drang der Klang eines entfernten Zuges vom Bahnhof herüber. Es war eine Stadt im Wandel. Viersen hatte sich nach dem Krieg gerade von der Inflation erholt; viele Geschäfte waren wieder geöffnet, aber die Menschen spürten das Geld noch immer knapp in der Tasche. Und dennoch – inmitten der wirtschaftlichen Schwierigkeiten – schien der Park ein Ort der Leichtigkeit zu sein, an dem die Stadt für einen Moment ihre Sorgen vergessen konnte.
Meine Mutter sprach mir von den Menschen, die dort vorbeigingen: Damen in langen Kleidern, Hüte tief ins Gesicht gezogen, Herren mit Spazierstöcken, einige junge Männer, die über die neusten Nachrichten aus Berlin diskutierten. „Es war eine Zeit, in der die Welt noch groß und aufregend war, mein Kind“, sagte sie. Ich erinnere mich, dass sie mir erklärte, dass Viersen damals stolz auf seinen Stadtgarten war, auf die Wege, die Beete, das Wasserbecken, auf alles, was Ordnung und Schönheit symbolisierte. „Es war ein Ort, an dem man die Seele baumeln lassen konnte“, sprach sie, „und auch ein Ort, an dem man Neues entdeckte.“
Nicht weit von uns erhob sich das Kriegerdenkmal – die steinerne Mutter, die ihren toten Sohn im Schoß hielt. Meine Mutter erzählte mir später mit einem verschmitzten Lächeln, dass der Sohn ursprünglich nackt dargestellt werden sollte. „Ganz nackt, mein Kind“, sagte sie. „Man kann sich kaum vorstellen, dass sie dies in der feinen Gesellschaft von Viersen zulassen wollten.“ Mein Vater konnte nicht aufhören zu lachen, als er daran dachte, wie die Bürger des Städtchens reagiert hätten. Er lachte so, dass selbst die älteren Damen, die auf einer Bank saßen, sich umdrehten und empört die Stirn runzelten. Meine Mutter konnte ihre leise Heiterkeit kaum verbergen.
Mein Vater holte das Brot, den Käse und den Apfelkuchen aus dem Picknickkorb hervor, und auch die Limonade durfte nicht fehlen – ein ganzer Stolz von ihm. Während er alles vorbereitete, erzählte meine Mutter mir damals – so wie viele Jahre später auch – von den kleinen Ereignissen in Viersen: dass das Postamt gerade neu errichtet wurde, dass der Bahnhof, der früher das Herz des Handels war, nun von der Stadt als Ausgangspunkt für neue Entwicklungen gesehen wurde, und dass überall neue Straßen und Gebäude entstanden. „Die Stadt verändert sich, mein Kind“, sagte sie, „aber der Park bleibt. Hier kann man die Zeit beinahe anhalten.“ Später erzählte mir meine Mutter, dass sie oft innehielt und mich betrachtete wie ich auf der Decke lag und dachte, dass dies der erste Moment war, an dem ich die Welt in ihrer ganzen Schönheit erahnte.
… morgen geht die Geschichte weiter.





