Licht flutete die Kirchenwände, ein Ton schnitt durch die Stille, irgendwo raschelte Papier, Menschen rückten näher zusammen – und plötzlich war klar: Das hier ist keine Ausstellung zum Vorbeigehen.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Martin Häming
Viersen – Gestern Abend wurde die Evangelische Kreuzkirche in Viersen zum pulsierenden Schauplatz einer Kunst, die sich jeder Gewohnheit entzog. Einige Stunden lang verwandelte das neu gegründete Künstler-Forum am Turm den Sakralraum an der Hauptstraße in ein vibrierendes Gesamtkunstwerk aus Bildern, Musik, Sprache und Begegnung – interaktiv, emotional und bewusst nah am Publikum.

Viele Besucher blieben stehen, blickten nach oben, ließen den farbig illuminierten Raum auf sich wirken. Die Kreuzkirche zeigte sich verändert: Lichtinstallationen tauchten Wände und Bögen in verschiedene Farben, schufen Zonen der Konzentration und öffneten Räume für das, was folgen sollte. Seit Mai 2025 existiert das Künstler-Forum in der Evangelischen Kirche Viersen unter der Begleitung von Carina Cavallo. Das erste Jahr gemeinsamer Arbeit mündete nun in einer Ausstellung, die nicht als klassische Präsentation gedacht war, sondern als bewusst komponierter Abend.

Sechs Themen bildeten das inhaltliche Rückgrat der Ausstellung: „Vom Dunkel zum Licht“, „Heiße Füße“, „Selbstliebe“, „Chaos“, „Gefühle“ und „Geschafft“. Jedes Thema wurde als eigenständige Darbietung inszeniert – mit Bildender Kunst, literarischen Texten und eigens dafür ausgewählter Live-Musik. Die Kommunikation zwischen Publikum und Künstlern war kein Nebeneffekt, sondern erklärtes Ziel.

Arbeiten, Bilder, Fotografien und Gedanken unter anderem von Brigitte Böckels (Autorin/Erzählerin), Sebastian Janßen (Hobby Fotografie), Anna Jütten (Malerei/Skulpturen), Ulrike Koßmann (Acryl-/Aquarellmalerei) oder Inna Viktorovna (Malerei/3D-Bilder/Gipsfiguren/Schmuck) … bis hin zu Werken aus der Kinderkunstwoche der Evangelischen Kirche Viersen.
Die musikalische Ebene entstand live im Moment. Friedrich Stahl, Elke Mai, Michele Wilms, Ötte Gohres und Hans Peter Kremers – Bandmitglieder der neu geründeten Gruppe „Söund Pfahl“, entstanden aus diesem Künstler-Forum – verbanden ihre Klänge unmittelbar einer eigenen Interpretation verschiedener Coversongs. Musik wurde hier nicht untermalt, sondern reagierte, kommentierte, verstärkte oder widersprach. Mal leise und fragil, mal rhythmisch und raumfüllend entstand eine Klanglandschaft, die sich spürbar durch den Kirchenraum bewegte.

Die besondere Intensität des Abends speiste sich aus der Nähe. Besucher saßen nicht distanziert, sondern mitten im Geschehen. Blicke wanderten zwischen Kunstwerken, Musikern und Sprechenden hin und her. Gespräche entwickelten sich spontan, Gedanken wurden geteilt, Eindrücke abgeglichen. Die Kreuzkirche wurde so zum Darstellungsraum, in dem Zuhören, Betrachten und Mitdenken gleichermaßen gefordert waren. Ein wunderbarer Impuls – selbst für „Kunstmuffel“ – die in der Kreuzkirche frisch an die Fantasiewelten anderer herangeführt wurden.
Mit jedem Themenwechsel veränderte sich die Atmosphäre. Lichtfarben kippten, Impulse nahmen neue Motive auf, Texte öffneten andere Perspektiven. Die Ausstellung folgte keinem linearen Ablauf, sondern einer emotionalen Dramaturgie, die Spannung aufbaute, auflöste und neu formte. Der Kirchenraum trug diese Dynamik sichtbar mit, verstärkte Klänge und ließ Stille wirken. (cs)




