Mit einem Protestzug durch die Innenstadt und einem anschließenden Informationsprogramm auf dem Sparkassenvorplatz hat der Paritätische Kreis Viersen mit weiteren Organisationen und Vereinen am gestrigen Samstag ein sichtbares Zeichen für die Rechte von Menschen mit Behinderung gesetzt.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker, Leo Dillikrath und Martin Häming
Viersen – Mit Nachdruck haben gestern zahlreiche Menschen in der Viersener Innenstadt für Inklusion, soziale Gerechtigkeit und die Rechte von Menschen mit Behinderung demonstriert. Unter dem Motto „Menschenrechte sind nicht verhandelbar“ zog ein Protestzug vom Rathausmarkt bis zum Sparkassenvorplatz, wo der Paritätische Kreis Viersen gemeinsam mit sozialen Initiativen zu einem öffentlichen Aktionstag mit Musik, Diskussionen und Informationsständen eingeladen hatte. Im Mittelpunkt standen Forderungen nach mehr gesellschaftlicher Teilhabe, Barrierefreiheit und einem klaren Bekenntnis zu Menschenwürde und Solidarität – auch in Zeiten wachsender Sparzwänge.

Die Aktion, die im Rahmen des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung stattfand, verband politischen Anspruch mit öffentlicher Präsenz, Musik und Gesprächen. Der Weg durch die Fußgängerzone war bewusst gewählt: Sichtbarkeit gehörte ebenso zum Konzept wie die inhaltliche Botschaft. Transparente, Plakate und Zurufe machten deutlich, dass es den Organisatoren nicht um symbolische Gesten ging, sondern um eine politische Forderung, die seit Jahren erhoben wird und doch vielerorts unvollständig geblieben ist.
Auf dem Sparkassenvorplatz erwartete die Gäste ein offenes Programm mit Gesprächsrunden, Informationsständen und musikalischen Beiträgen. Schirmherr des Aktionstages war Viersens Bürgermeister Christoph Hopp, der die Veranstaltung begleitete und die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema als wichtiges Signal würdigte. „Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Ein Satz wie ein Ausrufezeichen. Klar, deutlich und eigentlich selbsterklärend. Doch solange wir noch darüber diskutieren müssen, bleibt er eine Aufgabe, die wir noch nicht erfüllt haben“, so Hopp. „Beinahe täglich müssen wir feststellen, dass genaue Gegenteil passiert: In politischen und gesellschaftlichen Debatten wird immer wieder aufs Neue um eben diese Rechte gerungen. Wir alle kennen jemanden, dessen Leben durch Hürden im Alltag ausgebremst wird: Wir kennen das Schulkind, das im Unterricht den Anschluss verliert, weil der Klassenraum nicht inklusiv gestaltet ist. Wir kennen die Fachkraft, die eine Stelle nicht antreten kann, weil der Arbeitsplatz nicht barrierefrei ist. Wir kennen Senioren, die in ihren eigenen vier Wänden isoliert sind, weil der Weg durch das Treppenhaus zu schwer fällt. Solche Einschränkungen machen schmerzhaft deutlich: Teilhabe ist im Alltag immer noch nicht selbstverständlich.“
Vertreterinnen und Vertreter sozialer Initiativen, Engagierte aus dem Aktionskreis „Eine Gesellschaft für alle“ sowie Interessierte nutzten die Möglichkeit um miteinander ins Gespräch zu kommen. Zwischen Informationsmaterialien, Beratungsangeboten und kurzen Wortbeiträgen stand immer wieder dieselbe Frage im Raum: Wie lässt sich Teilhabe im Alltag tatsächlich sichern, statt sie nur programmatisch zu bekennen?
Schließlich fand der gestrige Aktionstag, der von der Aktion Mensch gefördert wurde, in einer Zeit statt, in der die Sorge vor Rückschritten im Sozialbereich auch in Viersen spürbar ist. Der Verweis auf wirtschaftliche Unsicherheiten, knappe kommunale Kassen und politische Debatten über Einsparungen bildete den Hintergrund der Kundgebung. Gerade Menschen mit Behinderung seien von solchen Entwicklungen besonders betroffen. Denn dort, wo Leistungen gekürzt, Zuständigkeiten verschoben oder Projekte vertagt würden, gerieten oft ausgerechnet jene Strukturen unter Druck, die Gleichstellung überhaupt erst möglich machen. Die Kritik richtete sich damit nicht gegen einzelne Entscheidungen allein, sondern gegen eine Tendenz, Inklusion zwar zu bejahen, ihre praktische Umsetzung aber immer wieder zurückzustellen.

Im Mittelpunkt der Kundgebung standen Grundsätze, die für die Beteiligten nicht verhandelbar sein sollten: die Würde des Menschen, die Selbstbestimmung, der Anspruch auf barrierefreien Zugang und die gleichberechtigte Teilnahme am öffentlichen Leben. Mehrfach war auf den Tafeln und Transparenten zu lesen, dass Teilhabe kein Luxus sei, sondern ein Recht. Es ging um konkrete Lebensbedingungen: um Zugänge zu Gebäuden, um Mobilität, um Unterstützung im Alltag, um Mitentscheidung und um den Respekt gegenüber Menschen, deren Belange noch immer zu oft nachrangig behandelt würden.
Die Band Fine sorgte für den musikalischen Rahmen und zwischen den Musikbeiträgen und den Gesprächen an den Infoständen entstand ein Bild, das den Charakter des Tages prägte: öffentlich, zugewandt, streitbar, aber nicht resigniert. Besucherinnen und Besucher informierten sich über bestehende Angebote, über Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements und über die Arbeit verschiedener sozialer Einrichtungen. Andere blieben für kurze Gespräche stehen, lasen die Materialien oder beteiligten sich an den Talkrunden, in denen über Menschenwürde und Barrieren im Alltag gesprochen wurde.
Eine Teilnehmerin aus dem Publikum sagte: „Man merkt oft erst dann, wie viele Barrieren es gibt, wenn man selbst jemanden begleitet oder selbst betroffen ist. Dann wird aus einem abstrakten Thema plötzlich ein ganz praktisches Problem.“ Ein Vertreter einer sozialen Initiative ergänzte: „Inklusion darf nicht an Haushaltslagen hängen. Wer Teilhabe ernst meint, muss sie auch im Alltag ermöglichen … in Schulen, im Nahverkehr, in Ämtern und in der Freizeit.“ Eine weitere Teilnehmerin formulierte es so: „Menschen mit Behinderung brauchen keine Sonderrolle, sondern gleiche Rechte und verlässliche Strukturen. Genau darum geht es heute hier in Viersen.“

Der Protesttag reiht sich in eine bundesweite Bewegung ein, die seit mehr als drei Jahrzehnten am 5. Mai auf die Lage von Menschen mit Behinderung aufmerksam macht. In vielen Städten Deutschlands werden rund um diesen Tag Aktionen durchgeführt, die auf Barrieren, Ausgrenzung und fehlende Teilhabe hinweisen. Auch in Viersen wurde der Protesttag bewusst in den öffentlichen Raum getragen. Zwar seien in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte erreicht worden, etwa im Bewusstsein für Barrierefreiheit und Inklusion. Doch gerade in der praktischen Umsetzung bleibe vieles Stückwerk. Nicht jede Rampe sei nutzbar, nicht jedes Gebäude erreichbar, nicht jede Information verständlich aufbereitet, nicht jeder Weg im Alltag ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Dazu komme, dass Teilhabe auch eine soziale Dimension habe: Wer Unterstützung brauche, müsse sie rechtzeitig und ohne übermäßige Hürden erhalten. Die Forderung nach Selbstbestimmung stand deshalb ebenso im Zentrum wie die nach strukturellen Verbesserungen. Die Botschaften des Tages: „Die Würde aller Menschen ist unantastbar“, „Teilhabe ist ein Menschenrecht“ und „Menschlichkeit hört nicht beim Sparen auf“, bündelten den politischen Kern der Aktion. Sie zielten auf ein Verständnis von Gesellschaft, das Unterschiede nicht glättet, aber Teilhabe unabhängig von körperlichen oder geistigen Voraussetzungen gewährleistet. (nb)





