Literarisches – Hamster wieder aktiv

„Vorräte anlegen, horten.“ Lösungswort mit acht Buchstaben. „Hamstern“. Hamster sind wieder aktiv. Sie sammeln Futter, verstauen es in ihren Backentaschen und bringen es zum Nest. Vorräte anlegen. Es werde wieder gehamstert, sagt die Verkäuferin. Manche Artikel seien hoch begehrt. Aus sonst unauffälligen werden auffällige Kunden.
Von Peter Josef Dickers

Literarisches – Die Situation kommt mir bekannt vor; obwohl sie lange zurückliegt. Hungerjahre prägten das Leben in unserem Dorf am Ende des Zweiten Weltkriegs. Leute aus der Stadt unternahmen Hamsterfahrten zu uns und boten Bauern und Privatleuten Tauschgeschäfte an. Milch und Butter gegen Schmuck, Kartoffeln gegen Kunstgegenstände.

Güter des täglichen Bedarfs gegen handfestes Hab und Gut. Schwarzhandel hatte Hochkonjunktur. Wenn ich bei einem Bauern, mit dem unsere Familie in verwandtschaftlicher Beziehung stand, um eine Kanne Milch, ein Stück Butter oder um Kartoffeln bettelte, hatte ich Aussicht auf Erfolg, wenn ich im Tausch dafür Zigaretten anbot – Kostbarkeiten, die wir von den amerikanischen Soldaten ergatterten, die sich im Dorf einquartiert hatten. Man wollte nichts dem Zufall überlassen, sondern das eigene Überleben sichern. Jeder für sich, keiner für alle. Im Bahnhof des Dorfs drängten sich „Hamster“, bepackt mit Taschen und Paketen, und warteten auf den Zug zurück in die Stadt.

Foto: pixel2013/Pixabay

Regale werden jetzt teilweise wieder leergekauft aus Sorge, zusätzlich zur nicht bewältigten Corona-Epidemie könnte es wegen des Ukraine-Konfliktes und der Flüchtlingszahlen zu außergewöhnlichen Maßnahmen kommen. Hamstern scheint ein Urtrieb zu sein, zumindest eine verlässliche deutsche Charaktereigenschaft. Menschen fühlen sich verunsichert, wenn auf dem Meinungsmarkt etwas in Bewegung kommt, das nicht aufzuhalten ist. Manche befürchten, dass etwas nicht gutgeht, oder, dass es noch lange so geht, aber nicht gut. Alle dementieren alles und verwickeln sich in Widersprüche.

Die Menschen sind kein regungsloses Wachsfiguren-Kabinett. Erfahrungen aus der Vergangenheit haben Spuren hinterlassen. Sittenwächter, die deswegen die Nase rümpfen, sind fehl am Platz. „Im nächsten Leben werde ich Hamster“, beschrieb jemand seine Zukunftsplanung. „Ich habe dann immer die Backen voll.“ Was soll man dagegen sagen?


Aus: Peter Josef Dickers, Nicht unfehlbar. Geschichten in aufgeregten Zeiten. ISBN: 978-3-7526-3268-2. Norderstedt 2020

Foto: Winkler

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.