Zwischen Kirchturm und Wohnhäusern, versteckt hinter St. Peter in Viersen-Bockert, liegt ein stilles Paradies: eine Streuobstwiese, auf der alte Apfelbäume ihre Zweige tief zum Boden neigen. Manche der knorrigen Riesen tragen seit Jahrzehnten Früchte, die den Herbst prägen. Nun wird dieser vertraute Anblick bald Gesellschaft aus dem Süden Europas bekommen.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Viersen-Bockert – Die Viersener Ortsgruppe des NABU hat beschlossen auf einem Teilstück der gut 2500 Quadratmeter großen Fläche Neuland zu betreten. Dort, wo bisher Apfel, Birne, Quitte und Kirsche den Rhythmus der Jahreszeiten bestimmten, sollen Aprikosen, Nektarinen, Feigen, Granatäpfel und Maulbeeren Wurzeln schlagen.
Die Entscheidung von Günter Wessels, Leiter der NABU-Ortsgruppe Viersen, ist mehr als ein botanisches Abenteuer: Sie ist eine Antwort auf den Wandel des Klimas, der in Viersen längst spürbar geworden ist. Besonders die Apfelsorte Rote Sternrenette, einst ein fester Bestandteil von Martinstüten und Nikolaustellern, zeigt, wie sehr sich die Bedingungen verändert haben. Ihre Ernte hat sich um Wochen nach vorne verschoben, die Qualität der Früchte leidet. Was früher den Winter mit rotem Schimmer begleitete, verschwindet heute oft schon im Frühherbst aus den Körben.

Die NABU-Gruppe will mit dem Experiment prüfen ob mediterrane Arten künftig das heimische Angebot ergänzen können. Dabei bleibt der Charakter der Wiese unberührt: Kein alter Baum wird gefällt, vielmehr soll ein behutsames Miteinander von Tradition und Neuem entstehen. Selbst die Maulbeere hat in Viersen bereits eine historische Spur, denn früher wurden ihre Blätter für die Seidenraupenzucht genutzt.
Unterstützung für das Projekt kommt aus der Nachbarschaft. Ein Anwohner hilft beim Rückschnitt der Bäume und wird auch bei den Neupflanzungen Hand anlegen. Sogar das Heu, das durch regelmäßige Schnitte anfällt, hat bereits einen Abnehmer gefunden – ein Eselhalter aus der Region. Und zwischen den Obstbäumen summen längst die Bienenstöcke eines Imkers, die den Ort zusätzlich beleben.
Die Fläche selbst ist ein Stück Kirchengeschichte, einst Hofland, heute ökologisch wertvoll und von der Pfarrei weiterhin zur Pflege überlassen. Was nach dem Zweiten Weltkrieg als Obstplantage begann, entwickelt sich nun zu einem Zukunftslabor für regionale Landwirtschaft. Ob Zitrone oder Orange sich in den nächsten Jahren hier behaupten können, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass die Obstwiese hinter St. Peter nicht nur ein Hort der Erinnerung, sondern auch ein Versuchsfeld für neue Wege im Zeichen des Klimawandels wird. (cs)





