Was da am Hohen Busch passiert ist, war kein gewöhnlicher Samstag. Es war eine liebevoll inszenierte, musikalisch aufgeladene Rückeroberung der Festivalkultur mit Herz, Witz und kraftvollem Soundgewitter.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming
Viersen – Unter dem wohl charmantesten Festivalnamen der Saison, „Zur Wilden Hilde“, hat sich der Zusammenschluss der DIY-erprobten Crews von Sound of Suburbia und Da ist was im Busch ein kleines Denkmal gesetzt – eines, das nach Asbach-Cola, Patchouli und Schweiß roch und sich verdammt gut anfühlte.

Was hinter dem Festival steckt, ist mehr als bloß ein Zusammenschluss – es ist eine Liebeserklärung an die Subkultur, an verlebte Sofas, durchgespielte Kassetten und an all jene, die sich musikalisch lieber an Kantigem stoßen als an rundgeschliffener Radiotauglichkeit. Die Wilde Hilde, das ist keine Person aus Fleisch und Blut – sondern ein Gefühl. Ein Safe Space mit Eierlikör, Lampenschirmen und Lautstärke. Ein Ort, an dem auch zerschlissene Jeans noch Applaus kriegen. Und genau dieses Gefühl wurde am Samstag auf einer Open-Air-Bühne mit knallharter Wucht und zärtlicher Nostalgie zum Leben erweckt.

Den Anfang machte Conger, ein wuchtiges Stoner-Rock-Monster direkt aus Mönchengladbach. Ihre allererste offizielle Show – und was für ein Einstand! Breitwand-Gitarren, fuzzgetränkt und voller Dampf, ließen den Platz schon früh beben. Der Applaus war warm, die Sonne gnädig, der Bass tief – die perfekte Einstimmung.

Aus Köln angereist, gaben sich Galactic Superlords die Ehre – Hard Rock mit Heavy-Metal-Anleihen und einem Herz für Fantasy-Motive. Sängerin Katharina Heldt trug mit opernhafter Stimme Geschichten von gefallenen Königen und fliegenden Adlern durch den Hohen Busch, während Twin-Guitar-Soli Erinnerungen an Iron Maiden weckten. Schweiß, Pommes und Pathos – was will man mehr?

Brooklyn in Viersen: MakeWar betraten die Bühne und gaben dem Nachmittag eine ordentliche Dosis Emo-Punk mit Melancholie-Drive. Das Trio spielte mit einer Emotionalität, die zugleich roh, ehrlich und ansteckend war. Die Crowd schrie sich die Texte von der Seele – und Jose Prieto schickte ein verschmitztes „Dankeschön“ in den Himmel über NRW.
Die Kieler Ex-Ska-Band ON! – unter Kenner:innen noch als Tequila & the Sunrise Gang bekannt – brachten nicht nur einen neuen Namen, sondern auch ein neues Energielevel mit. Ska, Punk, Reggae – alles drin, alles tanzbar. Bläser zum Verlieben, Hooks zum Mitsingen. Der Platz wurde zum Wohnzimmer-Tanzsaal, der Sound zum Open-Air-Karneval.

Aus London eingeflogen, rissen The Chisel mit ihrer furiosen Mischung aus Oi!, Streetpunk und Hardcore alle Sicherungen raus. Schnell, laut, rotzig – und doch: nie stumpf. Sänger Cal Graham brüllte Geschichten aus dem britischen Arbeiteralltag ins Mikro, während Gitarren wie Presslufthämmer wüteten. Der Pit tobte. Die Hilde grinste.
Ein schicker Gegenentwurf kam mit Buster Shuffle. Londoner Charme, Ska, Indie-Pop, Piano – und Stil. Jet Baker und seine Gentlemen brachten Geschichten aus dem Pub direkt auf die Bühne. Songs über durchzechte Nächte, versoffene Busfahrten und verflossene Liebschaften – dargeboten mit britischem Witz und unwiderstehlicher Tanzbarkeit. Als Höhepunkt dann: Adam Angst. Felix Schönfuss, die Stimme der sarkastischen Gegenwartsbetrachtung, führte seine Band mit geballter Kraft und Präzision durch ein Set, das zwischen Wut, Ironie und Melodie schwankte wie eine Flasche Kirschwasser. Songs wie „Splitter von Granaten“ oder „Twist“ trafen nicht nur musikalisch, sondern auch textlich mitten ins Hirn. Das Publikum sang mit, tanzte, brüllte, fiel sich in die Arme – und verabschiedete die Hilde mit einem emotionalen Knall.

Was bleibt von diesem Samstag ist mehr als nur ein Klingeln in den Ohren. Es ist das Gefühl, dass DIY-Festivalkultur lebt – und wie! Dass Gemeinschaft, Musik und eine ordentliche Portion Kiez-Romantik genau das sind, was der Sommer braucht. Dass es Orte wie die Wilde Hilde geben muss – gemütlich, laut, schräg und voller Liebe. Und dass Festival nicht gleich Kommerz bedeutet, sondern auch Herz, Schweiß und Eierlikör sein kann.

Die Hopfenschalen sind leer, die Stimmen heiser, die Erinnerungen frisch. Die Wilde Hilde? Die kommt wieder. Freut euch auf Runde zwei! Am 31.07. und 01.08.2026 findet die nächste Ausgabe des Zur Wilden Hilde-Festivals am Hohen Busch statt, an zwei Tagen, mit noch mehr Bands, Eierlikörchen und Kiezromantik. Und das Beste: Der Vorverkauf startet bereits. Wer dabei sein will, kann sich eines der limitierten Early-Bird-Tickets für 89€ über Hildes Website sichern. Und vergesst nicht: Zieht eure Lieblingsbuxe an – Hilde liebt euch dafür. (sk)




