Ein neues Kapitel für die Region: Die Buchmesse Niederrhein feierte Premiere

Es war an diesem ersten Märzwochenende ein leises, aber deutlich vernehmbares Signal für die Literatur am Niederrhein: Zwischen Tagungsräumen, Bücherstapeln und neugierigen Gesprächen entstand im Best Western Plus Hotel in Brüggen etwas, das viele Besucher bereits nach wenigen Stunden als Beginn einer neuen Tradition bezeichneten.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Brüggen – Am 7. und 8. März öffnete dort erstmals die Buchmesse Niederrhein ihre Türen – organisiert vom Förderverein „Bücherregen vom Niederrhein“. Zwei Tage lang verwandelte sich das Hotel am Westring in einen Treffpunkt für Geschichten, für Begegnungen – und für eine Leidenschaft, die in einer digitalen Zeit immer wieder neu verteidigt werden muss: das Lesen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Schon beim Betreten der Räume fiel auf, dass diese Messe anders war als die großen, oft anonymen Branchenveranstaltungen. Keine überdimensionierten Stände, keine hektischen Hallen, kein Gedränge. Stattdessen eine Atmosphäre, die eher an ein literarisches Wohnzimmer erinnerte. In vier Tagungsräumen und einem zusätzlichen Veranstaltungsraum präsentierten Autorinnen und Autoren ihre Werke – persönlich, nahbar, mit Zeit für Gespräche.

Die Vielfalt der Genres spiegelte dabei die ganze Bandbreite zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur wider. Romane über Liebe standen neben düsteren Thrillern, historische Stoffe neben Fantasywelten. Krimis, Cosycrime, Lyrik – kaum ein literarischer Bereich blieb unvertreten. Besonders bemerkenswert war, dass sich die Messe nicht nur an erwachsene Leser richtete. Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren präsentierten ihre Geschichten für ein jüngeres Publikum und machten damit deutlich, dass Leseförderung nicht erst im Erwachsenenalter beginnt, sondern möglichst früh.

Wer sich an den Tischen umsah, bemerkte schnell: Hier ging es nicht allein um Bücher als Ware. Vielmehr entstand ein Dialog zwischen denen, die schreiben, und jenen, die lesen. Besucher blätterten in frisch signierten Exemplaren, diskutierten über Figurenentwicklungen oder erkundigten sich nach kommenden Projekten. Einige brachten bereits gelesene Bücher mit, um sie von den Autorinnen und Autoren signieren zu lassen. Andere verließen die Räume mit neu entdeckten Titeln unter dem Arm.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Eine besondere Idee zog dabei viele Neugierige an: die sogenannte „Buchbegegnung“. Dieses Format richtete sich vor allem an Autorinnen und Autoren, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen. An mehreren Stehtischen wurden zweistündige Slots angeboten, in denen sie ihre Werke vorstellen konnten – ohne den Aufwand eines klassischen Messestandes. Die Besucher nutzten die Gelegenheit, direkt mit den Schreibenden ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen oder Eindrücke auszutauschen.

Gerade diese Niedrigschwelligkeit machte den Reiz der Veranstaltung aus. Wer sich bislang nur zögernd in die Öffentlichkeit gewagt hatte, fand hier eine Bühne – klein genug, um überschaubar zu bleiben, und doch groß genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Einige Gäste blieben ungewöhnlich lange stehen, hörten aufmerksam zu oder ließen sich einzelne Passagen vorlesen.

Dass eine solche Messe am Niederrhein entstand, war kein Zufall. Hinter der Organisation standen vier Autorinnen, die das literarische Leben in der Region stärker sichtbar machen wollten: Diana Menschig, Felizitas Montforts, Marie Kärsting und Marita Kürschner. Sie hatten die Planung federführend übernommen und mit viel Engagement ein Konzept entwickelt, das bewusst auf Nähe und Austausch setzte. Ihr Ziel war klar formuliert: Das literarische Miteinander am Niederrhein sollte gestärkt, vielfältiger und bekannter werden. Die Premiere der Buchmesse sollte deshalb nicht nur ein einmaliges Ereignis bleiben, sondern den Auftakt zu weiteren literarischen Veranstaltungen bilden.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Dass diese Idee auf Resonanz stieß, zeigte sich nicht nur an den Gesprächen, die an den Tischen geführt wurden, sondern auch an der Atmosphäre in den Fluren. Immer wieder bildeten sich kleine Gruppen von Besuchern, die über Bücher diskutierten oder Empfehlungen austauschten. Manchmal entwickelte sich aus einer zufälligen Begegnung ein längeres Gespräch über Lieblingsautoren, Lesebiografien oder Schreibprozesse.

Solche Momente sind es, die erklären, warum Leseförderung mehr bedeutet als die bloße Vermittlung von Buchstaben. Lesen schafft Räume – im Kopf ebenso wie im gesellschaftlichen Miteinander. Wer liest, taucht in fremde Perspektiven ein, lernt andere Zeiten und Denkweisen kennen. Gerade Kinder und Jugendliche entwickeln durch Geschichten nicht nur sprachliche Fähigkeiten, sondern auch Empathie und Vorstellungskraft. Die Kinderbuchautorinnen und -autoren der Messe machten dies besonders deutlich. Ihre Tische waren oft von jungen Besuchern umringt, die neugierig durch bunt illustrierte Seiten blätterten. Manche hörten aufmerksam zu, wenn aus einem Kapitel vorgelesen wurde. Andere stellten Fragen zu Figuren oder Handlungsorten. In einer Zeit, in der Bildschirme viele Stunden des Alltags bestimmen, gewinnt solche unmittelbare Begegnung mit Literatur besondere Bedeutung. Bücher verlangen Konzentration, Geduld und Fantasie – Eigenschaften, die nicht nur für schulischen Erfolg wichtig sind, sondern auch für ein reflektiertes gesellschaftliches Leben.

Auch deshalb verstehen sich Veranstaltungen wie die Buchmesse Niederrhein als mehr als bloße Verkaufsplattform. Sie sind Orte der kulturellen Begegnung, an denen Literatur sichtbar und erlebbar wird. Dass die Veranstalter dabei auf eine behagliche Umgebung setzten, erwies sich als glückliche Entscheidung. Das Best Western Plus Hotel stellte nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung, sondern unterstützte die Messe auch als Sponsor. Die ruhige Atmosphäre der Tagungsräume trug dazu bei, dass Gespräche ohne Zeitdruck stattfinden konnten.

Viele Besucher nutzten die Gelegenheit, sich mehrere Stunden Zeit zu nehmen. Einige kamen mit konkreten Buchwünschen, andere ließen sich treiben und entdeckten spontan neue Titel. Nicht selten hörte man Sätze wie: „Von dieser Autorin habe ich noch nie gehört – aber das klingt spannend.“ Am Ende des Wochenendes blieb vor allem der Eindruck einer gelungenen Premiere. Die Buchmesse Niederrhein hatte gezeigt, dass Literaturveranstaltungen auch jenseits großer Metropolen ein Publikum finden können – vorausgesetzt, sie setzen auf Nähe, Vielfalt und persönliche Begegnung. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath