Mehr als ein Jahrhundert Geschichte, geprägt von Fortschritt, Reformwillen und tiefen Abgründen, stand im Mittelpunkt eines Rundgangs über das Gelände der LVR-Klinik in Süchteln. Über 50 Interessierte folgten am Dienstag der Einladung zu einer historischen Spurensuche, die eindrücklich vor Augen führte, wie eng medizinischer Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verwoben sind.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Viersen-Süchteln – Unter dem Titel „Licht und Schatten“ führte Beatrix Wolters die Teilnehmer über das weitläufige Areal im Stadtteil Süchteln. Was heute als modernes Gesundheitszentrum erscheint, war einst Schauplatz grundlegender Umbrüche in der Psychiatrie – und zugleich Ort schwerer Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus.
Die Ursprünge der Einrichtung reichen zurück in die ausgehende Phase des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1897 fasste der Rheinische Provinziallandtag den Beschluss, neue psychiatrische Anstalten zu errichten, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden. Neben Galkhausen fiel die Wahl schließlich auf einen Standort bei Süchteln, nachdem ein ursprünglich geplanter Bauplatz in Krefeld verworfen worden war. Ausschlaggebend waren infrastrukturelle Überlegungen ebenso wie wirtschaftliche Erwartungen an die Region.

Mit der Entscheidung vom 12. Februar 1901 begann die Entwicklung eines Klinikstandorts, der schon bald als fortschrittlich galt. Die 1906 eröffnete Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannistal folgte dem damals modernen Konzept der offenen Behandlung. Das sogenannte Offene-Tür-System sollte den Patientinnen und Patienten nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch ein Mindestmaß an Freiheit ermöglichen. Bereits vor der offiziellen Einweihung waren die Gebäude stark ausgelastet: Schon 1905 wurden erste Patienten aufgenommen, bei Eröffnung waren 612 der 800 Plätze belegt. Die Nachfrage blieb hoch. Erweiterungen führten dazu, dass die Kapazität auf über 1000 Betten anwuchs. Mit der Einrichtung eines Operationssaals im Jahr 1913 wurden auch chirurgische Eingriffe möglich, insbesondere bei epileptischen Erkrankungen. Parallel entwickelte sich die Anstalt zu einem bedeutenden medizinischen Zentrum im Rheinland.
Der Erste Weltkrieg brachte eine erste Zäsur. Teile der Anlage wurden zu einem Lazarett umfunktioniert, in dem bis zu 400 verwundete Soldaten versorgt wurden. In den Jahren danach veränderte sich das Profil der Einrichtung weiter. Die zwischenzeitlich eingerichtete Abteilung für epileptische Kinder wurde 1920 geschlossen. Auf ihrem Gelände entstand bereits ein Jahr später eine orthopädische Spezialklinik für Kinder – ein Projekt, das unmittelbar auf die sozialen und gesundheitlichen Folgen des Krieges reagierte.

Die neue orthopädische Kinderheilanstalt nahm am 1. August 1921 ihren Betrieb auf. Zwei Mädchen aus Köln waren die ersten Patientinnen. Die Einrichtung sollte vor allem Kinder behandeln, die unter den Folgen von Unterernährung, Tuberkulose, Rachitis oder Kinderlähmung litten. Schon wenige Monate nach der Eröffnung waren die Kapazitäten erschöpft. Erweiterungsbauten folgten rasch, darunter zusätzliche Liegehallen, ein eigener Operationssaal sowie Wirtschaftsgebäude.
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Klinik zu einer eigenständigen Institution mit wachsender Bedeutung. Die Zahl der Pflegekräfte stieg kontinuierlich, ebenso die medizinische Ausstattung. Die Betreuung ging dabei über die rein körperliche Behandlung hinaus: Schulunterricht, kulturelle Angebote und sportliche Aktivitäten waren fester Bestandteil des Alltags. Selbst längere Ausflüge wurden organisiert, um den Kindern ein Stück Normalität zu ermöglichen.
Parallel dazu erlebte die psychiatrische Einrichtung Johannistal in den 1920er Jahren eine Phase der Reform. Neue Therapieansätze wie Arbeitstherapie und ambulante Betreuung gewannen an Bedeutung. Beratungsstellen in umliegenden Städten erweiterten das Angebot und ermöglichten erstmals eine stärkere Einbindung der Patienten in ihr soziales Umfeld.
Diese Entwicklung wurde jedoch in den 1930er Jahren jäh unterbrochen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die dunkelste Phase in der Geschichte der Einrichtung. Die wirtschaftlichen und ideologischen Vorgaben des Regimes führten zu drastischen Einschnitten. Personal wurde reduziert, die Belegung stieg massiv an. Die Lebensbedingungen der Patientinnen und Patienten verschlechterten sich spürbar.

Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Politik machte auch vor der Klinik in Süchteln nicht Halt. Ab 1941 wurden zahlreiche Patienten in Tötungsanstalten deportiert. Insgesamt etwa 1500 Menschen wurden von hier aus abtransportiert und ermordet. Besonders erschütternd ist das Schicksal vieler Kinder, die gezielt getötet wurden, unter anderem durch die Verabreichung von Medikamenten. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Situation schwierig. Viele der verbliebenen Patienten litten unter Hunger und Krankheiten, zahlreiche Todesfälle waren die Folge. In den Nachkriegsjahren wurde die Klinik schrittweise neu aufgebaut. Ein Tuberkulose-Krankenhaus entstand, das bis in die 1980er Jahre hinein betrieben wurde.
Ab den 1950er Jahren setzte eine Phase intensiver Bautätigkeit ein. Neue Gebäude, Wohnheime für Personal und Einrichtungen für Beschäftigungstherapie entstanden. Die Patientenzahlen stiegen erneut deutlich an. Gleichzeitig gerieten die Zustände in psychiatrischen Einrichtungen bundesweit zunehmend in die Kritik. Ein entscheidender Wendepunkt war die sogenannte Psychiatrie-Enquête Anfang der 1970er Jahre. Die umfassende Untersuchung der Versorgungssituation führte zu grundlegenden Reformen. Auch in Viersen wurden in der Folge Strukturen verändert, neue Therapieansätze eingeführt und die Lebensbedingungen der Patienten verbessert.
In den Jahrzehnten danach entwickelte sich die Klinik zu einem modernen medizinischen Zentrum. Neben der psychiatrischen Versorgung wurden spezialisierte Bereiche ausgebaut, darunter die Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die forensische Psychiatrie. Auch die orthopädische Klinik am Standort etablierte sich als leistungsfähiges Kompetenzzentrum mit einem breiten Spektrum operativer und konservativer Behandlungen.
Heute werden in der orthopädischen Einrichtung jährlich rund 3000 Patientinnen und Patienten behandelt, ein Großteil davon operativ. Moderne Verfahren wie minimalinvasive Endoprothetik, spezialisierte Gelenkchirurgie und multimodale Schmerztherapien prägen das Angebot. Gleichzeitig bleibt die Geschichte des Ortes präsent – nicht zuletzt durch Führungen wie jene, die nun erneut zahlreiche Besucher anzog. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist dabei ausdrücklich Teil des Selbstverständnisses. Eine eigens von Beatrix Wolters erarbeitete Broschüre widmet sich der Rolle der Klinik während der NS-Zeit und kann von Interessierten erworben werden. (cs)





