Noch bevor sich am frühen Samstagvormittag die ersten Besucherinnen und Besucher auf dem Viersener Wochenmarkt einfanden, waren die Damen des ZONTA Clubs Viersen bereits aktiv.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersen – Zwischen Marktständen, Winterjacken und dampfenden Kaffeebechern prägte ein kräftiges Orange das Bild – die Signalfarbe der weltweiten Kampagne „ZONTA SAYS NO to Violence against Women“. Trotz sinkender Temperaturen und grauer Novemberstimmung informierte der ZONTA Club Viersen über ein Thema, das nichts an Dringlichkeit verloren hat: die anhaltende Gewalt gegen Frauen und Mädchen.
Seit 2012 ruft ZONTA International im Umfeld des 25. November, dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, weltweit zu Aktionen auf. In Viersen hat sich daraus längst eine Tradition entwickelt. Bereits im zehnten Jahr gestalten die Zontians dort einen eigenen Informationsstand, an dem sie Gespräche führen, Broschüren verteilen und mit Passanten über Prävention, Hilfsangebote und gesellschaftliche Verantwortung sprechen. Viele Marktbesucher blieben stehen, stellten Fragen, diskutierten über Alltagsgewalt oder über konkrete Situationen, in denen Unterstützung nötig ist.
Besonderer Aufmerksamkeit erfreuten sich die orangefarbenen Rosen, die die Ehrenamtlichen wie in den Vorjahren verteilten. Die leuchtenden Blumen – längst zu einem identitätsstiftenden Symbol der lokalen Aktion geworden – stehen für Hoffnung, Verbundenheit und die Überzeugung, dass Gewalt weder im Privaten noch im öffentlichen Raum tolerierbar ist. Während Kinder neugierig nach den Rosen griffen, nahmen Erwachsene sie oft mit einem ernsten Nicken entgegen, als Erinnerungszeichen oder Anlass zum Weiterdenken.
Im Fokus standen auch in diesem Jahr die alarmierenden Zahlen, die die Aktualität des Themas eindrücklich belegen. In Deutschland tötet im Schnitt alle zwei Tage ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Alle vier Minuten erlebt eine Frau Gewalt in einer Beziehung, alle zwei Stunden kommt es zu sexualisierten Übergriffen. Männer sind in 98,6 Prozent der Vergewaltigungsfälle die Täter. Gewalt tritt dabei nicht nur körperlich auf: Sie reicht von psychischer Manipulation über soziale Kontrolle und finanzielle Einschränkungen bis hin zu digitaler Überwachung und Bedrohung. Es sind Formen, die Frauen aus allen Alters- und Gesellschaftsgruppen treffen.
Der Viersener Club verwies am Marktstand auch auf das rund um die Uhr erreichbare Hilfetelefon unter 116 016. Die Nummer bietet anonym, kostenfrei und barrierearm Unterstützung für Betroffene und für Menschen, die sich Sorgen um Angehörige oder Nachbarn machen. Zugleich ermutigten die Zontians dazu, das „Noa“-Signal – ein international anerkanntes, stummes Handzeichen – zu kennen und zu nutzen, um unauffällig Hilfe zu signalisieren. Hinter jeder Statistik stehe ein konkreter Einzelfall, betonten die Ehrenamtlichen immer wieder in den Gesprächen.
Aktuelle Daten des Bundeskriminalamts verdeutlichen die Tragweite: 171.069 Menschen meldeten im Jahr 2024 Partnerschaftsgewalt, etwa 80 Prozent waren Frauen. 132 Frauen wurden von ihrem Partner oder früheren Partner getötet, fast täglich kam es zu Tötungsversuchen. Die Zahl ausgewiesener frauenfeindlicher Straftaten stieg auf 558 – ein Plus von über 73 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch digitale Gewalt gewinnt weiter an Bedeutung. 18.224 Frauen meldeten 2024 Übergriffe im Netz, ein Anstieg um sechs Prozent. Besonders in Partnerschaften nahmen solche Taten deutlich zu: 4.876 Betroffene wurden Opfer digitaler Kontrolle, Erpressung oder Überwachung – fast elf Prozent mehr als im Vorjahr.
Parallel zu lokalen Aktionen wie in Viersen beteiligen sich bundesweit auch Schulen an den internationalen Kampagnenwochen. Projektarbeiten, Gespräche mit Expertinnen und Experten, Plakate, Ausstellungen oder das Tragen orangefarbener Kleidung sollen Orientierung geben und junge Menschen sensibilisieren. Damit rückt auch der Schulalltag stärker in den Fokus, denn Gewalt beginnt häufig dort, wo Grenzen nicht respektiert oder Abhängigkeiten ausgenutzt werden – sei es im Klassenraum, im Freundeskreis oder in sozialen Netzwerken.
Der Hermann-Hülser-Platz wurde an diesem Samstag so zu einem Ort des gemeinsamen Hinsehens. Die Präsenz der Zontians, die leuchtenden Rosen und die Gespräche mit Marktbesuchern verdeutlichten, dass Engagement, Aufklärung und Solidarität zentrale Bausteine im Kampf gegen Gewalt sind. Die Farbe Orange, weithin sichtbar über dem Platz, stand dabei nicht nur für Protest, sondern vor allem für Mut und die Hoffnung auf Veränderungen, die viele Menschen gemeinsam tragen. (nb)





