Frieden braucht Erinnerung: Gedenkstunde zum Volkstrauertag

Am Sonntag erlebte die Totenhalle auf dem Viersener Löh-Friedhof einen jener Momente, in denen Geschichte und Gegenwart spürbar ineinandergriffen. Zum Volkstrauertag hatte der Stadtverband Viersen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zur traditionellen Gedenkstunde eingeladen – ein Zusammenkommen, das weit über ein formales Ritual hinausgeht.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Martin Häming

Viersen – In einer Zeit, in der weltweite Konflikte erneut Schlagzeilen dominieren, wurde am gestrigen Volkstrauertag deutlich, warum gemeinsames Erinnern heute so bedeutsam ist: Es hält die Mahnung wach Frieden nicht für selbstverständlich zu halten. Bei der Teilnahme in der herbstlich kühlen Totenhalle erfüllten die klaren Dudelsackklänge der „White Hackle Pipes and Drums“ unter Leitung von Tobias Hölters den Raum. Ihre melancholisch-eindringliche Musik setzte den Ton für einen Morgen voller Stille, Andacht und innerer Reflexion.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Schon zu Beginn machte Michael Aach, Vorsitzender des Stadtverbandes Viersen-Dülken, deutlich, dass der Volkstrauertag mehr ist als ein Ritual des Gedenkens. In seinen Worten verband sich die Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft mit dem Appell, den Wert eines friedlichen Zusammenlebens nicht als Selbstverständlichkeit zu begreifen. Die Stimmen des Männergesangvereins Liedertafel 1824 Dülken, unter Leitung von Rolf Dollase, verliehen der Veranstaltung einen weiteren, fast zeitlosen Klangrahmen.

Einen besonderen Akzent setzte zudem die diesjährige Gedenkrede des Geschichtslehrers Sebastian Trienekens vom Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium. Trienekens, der mit seinen Schülern bereits die Gedenkstätten Auschwitz und Krakau besucht und dort auch mit einer Holocaust-Überlebenden gesprochen hat, spannte in seiner Rede einen Bogen von den individuellen Schicksalen der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu den Fragestellungen junger Menschen von heute. Er erinnerte daran, dass die historische Erfahrung von Unfreiheit, Krieg und Verfolgung keineswegs fern sei, sondern bis in die Gegenwart wirke.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Im Anschluss setzte sich die Versammlung zu einem stillen Trauermarsch in Bewegung. Angeführt von den Dudelsackspielern, zog der Zug über den Friedhof zum Ehrenmal. Dort nahm Bürgermeister Christoph Hopp, begleitet von seinen Stellvertretern Simone Gartz und Peter Schmitz, die Totenehrung vor. Mit ruhiger, deutlicher Stimme erinnerte er daran, dass das Bewahren von Erinnerung und die Pflege der Erinnerungskultur Aufgabe und Verantwortung aller sei.

Die Kranzniederlegung und das Fahnensenken ließen die Menge in einen Moment vollständiger Stille treten, unterbrochen nur vom Wind, der durch die Fahnen strich. Mit dem gemeinsam gesprochenen „Vater unser“ und der von den Anwesenden getragenen Nationalhymne fand die Gedenkstunde ihren Abschluss – bewusst zurückhaltend, ohne Pathos, aber mit der eindringlichen Erinnerung daran, dass Frieden eine fragile Errungenschaft bleibt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Volkstrauertag geht auf eine Initiative des 1919 gegründeten Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zurück. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg suchte der Volksbund nach einer Form des öffentlichen Gedenkens, die nicht der Verherrlichung militärischer Opfer dienen, sondern Trauer und Besinnung ausdrücken sollte. 1922 fand erstmals eine zentrale Gedenkstunde im Deutschen Reichstag statt. Nach der ideologischen Vereinnahmung durch das NS-Regime, das den Tag zum „Heldengedenktag“ umdeutete, wurde der Volkstrauertag nach 1945 bewusst neu ausgerichtet: weg vom national gefärbten Heldengedenken, hin zu einem Tag des stillen Erinnerns an die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft, Verfolgung und Terror.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Heute gilt der Volkstrauertag als einer der wichtigsten staatlichen Gedenktage in Deutschland. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er die historische Erfahrung zweier Weltkriege in den Blick rückt und zugleich die Verpflichtung formuliert, aus dieser Geschichte Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. In einer Zeit, in der demokratische Normen weltweit unter Druck geraten und bewaffnete Konflikte wieder näher an Europa heranrücken, mahnt der Tag, dass Frieden nicht allein politisch ausgehandelt, sondern gesellschaftlich getragen werden muss. (cs)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming