Es begann wie ein Donnern aus Konfetti: ein Einmarsch, so präzise wie ein Trommelwirbel, ein Blitz aus Rot und Weiß – und die Vierscher Festhalle explodierte in Applaus.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersche – Dieses Jeföhl, was dir sagt: Das wird ein Abend, nach dem man auf dem Weg nach Hause noch lange glücklich pfeifen wird. Dieses Jeföhl … das man einfach nicht beschreiben kann, nach einer Rot-Weißen-Nacht der Karnevalsgesellschaft Fideles Kränzchen Viersen 1950 e. V.

Als Sitzungspräsidenten steuerten Max Koehl und Niels Hüneburg das Spektakel mit routinierter Heiterkeit; ihre Stimmen überbrückten Gassenhauer und Anmoderationen, während das Publikum mit einem Meer aus Fahnen, Hüten und strahlenden Augen antwortete.
Der Einmarsch der Aktivitas war kein bloßer Auftakt — er war ein Tor zur Farbe. Uniformierte Reihen, glitzernde Revers, Mariechen und die traditionellen Orden schufen ein Bühnenbild, das im Scheinwerferlicht pulsierte. Rot und weiß dominierten nicht nur die Garderobe, sie formten die Stimmung: warm, fordernd, freundlich wie ein Umarmungsreigen. Moment, Mariechen, ja, und sogar ganz jeck traditionell.

Als dann das Prinzenpaar einfuhr, entlud sich die Halle. Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania traten auf wie ein königliches Feuerwerk: funkelnde Insignien, majestätische Haltung, und ein Lächeln, das Funken schlug. Ihrem Auftritt folgte Viersener Prinzengarde – ein bekannter Auftritt in der vorangeschrittenen Session und dennoch mitreißend, die Garde verwandelte die Bühne mit ihrer Regimentstochter in ein königliches Ballett, das Tradition atmete und gleichzeitig vor Spielfreude knisterte.

Die Bühne wechselte, die Taktung blieb atemlos — und dann rollte das Schlagzeug der Hitfluencer hinein, so unkompliziert wie ein Augenzwinkern: Plug’n’Play, zwei Strippen, los. Die vier Hamburger Jungs legten los wie eine Live-Hitmaschine: ein Medley folgt dem nächsten, Genregrenzen werden im Fluss übersprungen. Von NDW-Echos über Schlager-Hooks bis zu poppigen Partybrechern — nichts blieb unangetastet. „Wolle mer se erin lasse?“ war Rhetorik; die Antwort war ein einziger kollektiver Schrei und tausend hüpfende Hände. Halbmarathon-Tempo und Vollgas: die Hitfluencer waren der Nukleus der Tanzwut — Bützchen, Tusch, Mitsingfalten. Ein Bühnenvergnügen, das keine Atempause kannte und sogar in zwei Teilen an diesem Abend die Wände zum Beben brachte.

Dann das Männerballett des FKV … die Choreografien sprangen zwischen Slapstick und Hochleistungssport: Drehungen, eine Mini-Komödie in jedem Schritt. „Völlig losgelöst von der Erde, schwebt das Raumschiff völlig schwerelos …“ Gut, weniger ein Raumschiff, dafür mehr die Köbesse. Die Herren zeigten Perfektion in Übertreibung; ihre Kostüme, Kölsche … ne … FKV-Originale, ließen keinen Zweifel daran, dass hier Routine und Mut Hand in Hand gingen. Gelächter brandete auf, als ein sauber getimter Stunt in ein triumphales Finale mündete und die Männer sich verbeugten, schweißglänzend und grinsend.

Die FKV-Sänger taten ebenfalls, was Sänger am besten können: sie rissen die Herzen mit Melodien hin und her. Stimmen, mal rauchig, mal samtig, erzählten von Heimat, Liebe und karnevalistischer Lebenslust. Das „Bickendorfer Büdche“ fand ebenso Platz wie „Hulapalu“. Ihre Lieder trafen den Saal wie Goldregen; Textzeilen wurden spontan mitgesungen, Harmonien ließen Nackenhaare aufstehen, noch ehe die zweite Strophe ansetzte. Zwischen schunkelnden Refrains und leisen Passagen entstanden kleine, intime Momente mitten im Trubel — Augenpaare trafen sich, Hände fanden sich. Neugierig? Zu wenig Details? Verständlich … aber zu viel spoilern ist hier an dieser Stelle nicht, denn am heutigen Abend wird die vereinseigene Show bei der FKV-Galasitzung noch einmal für Jubel sorgen, der hier nicht vorweggenommen werden soll.

Und dann: Hätzblatt. Die Band, die seit 1995 Bühnen im Karneval bespielt, schuf eine Atmosphäre, die zwischen Tränen und Trallala pendelte. Reiner Jennißen setzte seine Gesangslinien – ebenso wie seine Trompete – ein wie Salz in einer kräftigen Suppe, sie schwebten über den Gitarren von Marco Winkler und Ingo Cremers. David Venrath am Schlagzeug trieb die Stücke mit trockenem Puls, Uwe van Helden am Bass und Christopher Viehausen am Keyboard füllten den Raum mit einer Soundwand, die sowohl Mitschunkler als auch Gänsehautbesucher bediente. „Bliev bei mir“ wurde zum emotionalen Kompass, „All dat es Heimat“ zur kollektiven Umarmung; „Knuutsch e!“, „De Mamm“ und „Seemann“ reichten vom Träller-Hit zum Mitgröhlmoment — mal sentimental, mal ausgelassen, stets schnörkellos echt. Hätzblatt ließ keine Stilrichtung aus, aber immer mit Herz: die Reihen auf dem Parkett wurden zu Wellen, die sich gegenseitig hochtrugen.
Im Wechsel heizte DJ Chris das Parkett auf. Der gebürtige Viersener, bekannt aus der Neusser Skihalle und seit 1999 im Game, dirigierte die Menge mit einem Set, das zwischen Après-Ski-Hymnen und Chartgewittern oszillierte. Seinen Signature-Move — einen lüpfigen Übergang von polkaähnlichen Beats zu treibenden Housedrops — setzte er zweimal so effektiv ein, dass die Menge kreischte. Kein Wunder, dass bis spät nach Mitternacht kein Bein still stand.

Die Festhalle war nicht nur Bühne und Publikum — sie war ein Organismus. Paare, die mit nostalgischem Glanz in den Augen sangen; ganze Cliquegruppen, die den Abend als jährliches Ritual zelebrieren. Zwischendurch gab es diese wohltuenden Details eines gelungenen Abends: ein kleiner Dialog zwischen Publikum und Sitzungspräsidenten, ein spontan vertonter Scherz, ein unglaubliches Solo, das die Halle in einen Moment von gänzlicher Stille tauchte — nur um im nächsten Augenblick in tosenden Beifall zu explodieren.
Das Bühnenbild an diesem Abend war mehr als Kulisse; es war Partner der Akteure: aufwändige Requisiten, thematisch getrimmte Lichter, bunte, riesige Hände. Alles atmete das Sessionsmotto „Vierscher Karneval mit Herz und Hand“ — sichtbar an kleinen Gesten, am Einsatz der Ehrenamtlichen, an der Liebe zum Detail in jeder Kostümnaht.
Und über allem schwebte die Geschichte des Fidelen Kränzchens: eine Anekdote, die zugleich Gründungssage und Versprechen war. 1950, untere Süchtelner Straße, Goldhochzeit der Familie Heynen — in der Gaststätte Hoff, dem „Zum Nordpol“, entstand aus einem Knoten aus Lachen, Blumen und einem Quäntchen Schicksal eine Idee. Heinrich Zillekens, Theo Lamers, Peter Drießen und Ferdi Plum standen am Anfang; zusammen mit 14 weiteren Gründern legten sie den Samen, aus dem eine Tradition wuchs, die sieben Dekaden später noch kräftig blüht. Diese Erinnerung, liebevoll und fast wie ein Familienalbum in Worte gefasst, wurde in kleinen Zwischentexten der Moderation aufgeblättert — eine Zeitreise, die heute so nahtlos wirkte wie die Kostüme auf der Bühne.
Als die Rot-Weiße-Nacht ihren Höhepunkt fand, summte die Halle vor Zufriedenheit. Konzertartige Ausbrüche wechselten mit Intimitäten, große Formationen lösten sich in Solo-Glanzlichter auf, und stets blieb der Pulsschlag der Feier: karnevalistische Leidenschaft in jeder Pore. Am heutigen Abend, so das Versprechen, folgt die FKV-Galasitzung — ein weiteres Kapitel in einem Wochenende, das Viersen gleichsam als Narrenfest und Heimatmarkt feierte. (nb)





