Das Dülkener Clara-Schumann-Gymnasium hat den heutigen Europatag 2026 bereits am gestrigen Freitag begangen und den Blick dabei bewusst auf Litauen gerichtet. In der Aula der Schule verband sich ein musikalisch gerahmter Vormittag mit Geschichtsbewusstsein, Zeitzeugenarbeit und europapolitischer Gegenwart.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath
Viersen-Dülken – Nein, wirklich nicht, es war kein gewöhnlicher Europatag, den das Clara-Schumann-Gymnasium in Dülken am Freitag in seiner Aula beging. Schon kurz nach Beginn lag eine seltene Stille über dem Saal. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Gäste hörten einer Frau zu, die ihre Kindheit im Krieg verloren hatte, und die auch mehr als acht Jahrzehnte später sichtbar mit den Erinnerungen rang. Als Ursula Dorn von Hunger, Angst und den letzten Tagen in Königsberg erzählte, stockte ihre Stimme mehrfach. Immer wieder musste sie innehalten. Im Publikum war kein Geräusch zu hören.
Mit einem historischen Schwerpunkt auf Litauen hatte die Schule den Europatag 2026 bewusst auf den 8. Mai gelegt, jenes Datum, das zugleich für das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa steht. Der Vormittag verband Musik, Erinnerungskultur und politische Bildung zu einer Veranstaltung, die weit über ein schulisches Festprogramm hinausging.

Den Auftakt gestaltete das Schulorchester mit Tschaikowskis „Marsch und Trepak“. Die feierlichen Klänge verliehen der Aula zunächst eine fast klassische Konzertatmosphäre, ehe sich der Charakter der Veranstaltung rasch wandelte. Nach der Begrüßung begann das Zeitzeugengespräch mit Ursula Dorn unter dem Titel „Als Wolfskind in Litauen“ und bereits mit ihren ersten Sätzen zog die heute in der Nähe von Göttingen lebende Autorin den gesamten Raum in ihren Bann.
Dorn schilderte nicht nur historische Ereignisse, sondern sprach in einer Direktheit, die viele Zuhörer tief berührte. Sie berichtete von ihrer Kindheit in Königsberg, von den Bombennächten, vom Hunger und von einer Mutter, die mit fünf Kindern ums tägliche Überleben kämpfte. Ihr Vater war bereits seit 1939 im Krieg und kehrte nie zurück. Laut Suchmeldung des Deutschen Roten Kreuzes starb er am 8. Mai 1946 in einem Kriegsgefangenenlager in Rybinsk in Russland.
Mit brüchiger Stimme las Ursula Dorn aus ihren Erinnerungen vor. Besonders eindringlich wurde ein Abschnitt, in dem sie die letzten Kriegsmonate schilderte: „Es war Krieg, und am Ende waren wir nur noch Kellerkinder und warteten, was noch auf uns zukommt. Meine Mutter konnte uns nichts mehr geben, was Kinder eigentlich brauchen; keine richtige Kleidung, kaum Essen, keine Sicherheit. Wir hatten nur noch Angst.“ Während der Lesung senkte sich eine fast bedrückende Ruhe über die Aula. Viele Schülerinnen und Schüler verfolgten die Worte regungslos.
Die heute 90-jährige Zeitzeugin sprach offen darüber, wie schwer es ihr jahrzehntelang gefallen war, überhaupt über ihre Vergangenheit zu reden. Mehr als sechs Jahrzehnte habe sie geschwiegen. Zu schmerzhaft seien die Erinnerungen gewesen, zu tief die Bilder von Gewalt, Tod und Flucht eingebrannt geblieben. Erst später habe sie begonnen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Dabei wurde deutlich, dass das Schicksal der sogenannten Wolfskinder bis heute vielen Menschen kaum bekannt ist. Als Wolfskinder bezeichnet man Kinder aus dem nördlichen Ostpreußen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Eltern verloren oder von ihren Familien getrennt wurden und ins Baltikum flohen, um dort zu überleben. Viele gelangten nach Litauen, schlugen sich dort alleine durch oder fanden bei Bauern und fremden Familien Unterschlupf. Oft mussten sie ihre Herkunft verbergen, neue Namen annehmen oder sich vollkommen unsichtbar machen, um nicht verfolgt zu werden.

Auch Ursula Dorn gehörte zu diesen Kindern. Nach der sowjetischen Eroberung Königsbergs wurde ihre Familie eingeschlossen und später auf einen Todesmarsch geschickt. Viele Menschen überlebten diesen nicht. Von Hunger und Verzweiflung getrieben, floh sie 1946 schließlich mit einem Güterzug bis nach Kaunas in Litauen. Dort nahm sie ein litauischer Lehrer auf. Wenig später gelang es ihr, ihre Mutter aus Königsberg nachzuholen. Zwei Geschwister jedoch verhungerten in der zerstörten Stadt. Besonders bewegend schilderte Dorn jene Jahre in Litauen, in denen sie und ihre Mutter zeitweise in Wäldern lebten. Immer wieder sei die Angst vor Entdeckung allgegenwärtig gewesen. Mehrfach kämpfte sie sichtbar mit den Tränen.
Die anschließende Fragerunde entwickelte sich zu einem außergewöhnlich offenen Gespräch zwischen Generationen. Die Jugendlichen fragten nach Angst, Hunger, Einsamkeit und danach, wie ein Kind überhaupt mit solchen Erfahrungen weiterleben könne. Dorn beantwortete jede Frage ruhig und ohne Ausweichmanöver. Dabei wurde deutlich, wie sehr sie die Erinnerung bis heute begleitet.
Nach diesem emotionalen ersten Teil übernahm erneut das Schulorchester den musikalischen Übergang. Mit Tschaikowskis „Blumenwalzer“ wurde der zweite Abschnitt des Europatages eingeleitet, der den Blick stärker auf das heutige Litauen und dessen Rolle in Europa richtete. Im Mittelpunkt stand nun Dr. Andreas Hollstein, Honorarkonsul der Republik Litauen und ehemaliger Bürgermeister der Stadt Altena. Erst wenige Wochen zuvor, im März diesen Jahres, war Hollstein offiziell zum Honorarkonsul ernannt worden. In seinem Vortrag spannte er den Bogen von der Geschichte des Baltikums bis zur aktuellen europäischen Situation.

Hollstein sprach nicht nur als politischer Repräsentant, sondern auch mit persönlichem Bezug zum Land. Sein Urgroßvater stamme aus Litauen, Teile seiner Familie lebten bis heute dort. Bereits in den 1990er Jahren habe er zudem an der litauischen Botschaft in Bonn gearbeitet. Dadurch sei über viele Jahre hinweg eine enge Verbindung entstanden. In seinem Vortrag beschrieb Hollstein Litauen als Land mit einer komplexen Geschichte und einem ausgeprägten europäischen Selbstverständnis. Er sprach über die Bedeutung von Freiheit, über die Erfahrungen sowjetischer Besatzung und über die Rolle Litauens innerhalb der Europäischen Union. Gerade vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Entwicklungen sei das Verständnis für die baltischen Staaten wichtiger denn je.
Auch dieser Teil der Veranstaltung mündete in eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum. Die Schülerinnen und Schüler stellten Fragen zur politischen Lage in Osteuropa, zur litauischen Geschichte und zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Litauen. Immer wieder wurde dabei deutlich, wie eng historische Erinnerung und europäische Gegenwart miteinander verbunden sind. Dass Europa für junge Menschen heute auch ganz praktisch erfahrbar wird, zeigte anschließend Sina Mirring mit ihrem Erfahrungsbericht über Erasmus+ in Litauen. Sie schilderte persönliche Begegnungen, kulturelle Unterschiede und gemeinsame europäische Erfahrungen. Nach den schweren historischen Themen des Vormittags setzte dieser Beitrag bewusst einen gegenwartsnahen Akzent und zeigte ein modernes, offenes Litauen innerhalb Europas. Zum Abschluss erklang die Europahymne durch das Schulorchester. Viele blieben noch einige Augenblicke sitzen, nachdem die letzten Töne verklungen waren. Gespräche entstanden zunächst nur leise. Die Eindrücke dieses Vormittags wirkten spürbar nach. (sk)





