Als die Diskussion begann, war Europa an diesem Vormittag im Bischöflichen Albertus-Magnus-Gymnasium längst kein abstraktes Konstrukt mehr. In der Aula ging es um Krieg und Frieden, um Macht und Verantwortung, um die Frage, ob die Europäische Union angesichts wachsender Spannungen endlich entschlossener handeln muss.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath
Viersen-Dülken – Zum EU-Projekttag am vergangenen Montag hatte die Schule Staatssekretär Dr. Urban Mauer eingeladen; und die Schülerinnen und Schüler nutzten die Gelegenheit, um die großen politischen Linien ihrer Zeit mit bemerkenswerter Klarheit und Hartnäckigkeit zu hinterfragen.
Im Mittelpunkt stand eine Podiumsdiskussion, die der Leistungskurs Sozialwissenschaften der Q1 vorbereitet, moderiert und getragen hatte. Schon das zeigte, dass es an diesem Vormittag nicht um Frontalvorträge, sondern um Eigenverantwortung ging. Schülerinnen und Schüler hatten Themen gesetzt, Leitfragen formuliert und die Gesprächsführung übernommen. Beteiligt waren zudem Jugendliche der Einführungsstufe, die nicht nur zuhören, sondern mitdenken, nachhaken und Stellung beziehen konnten. Der Titel der Diskussion ließ von Beginn an wenig Raum für unverbindliche Allgemeinplätze: „Geopolitische Herausforderungen der EU“.

Den Auftakt bildete ein Video, in dem gefragt wurde, wie die Schule Europa erlebt, was die Gemeinschaft für die Jugendlichen bedeute und welche Gedanken ihnen zum Begriff EU einfallen. Aus diesen Eindrücken heraus entwickelte sich die eigentliche Debatte; nah an der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler, aber zugleich weit geöffnet in Richtung internationaler Krisen, politischer Machtfragen und strategischer Entscheidungen. Genau diese Spannung prägte den Vormittag: Europa wurde nicht als abstraktes Projekt verhandelt, sondern als etwas, das in Klassenzimmern beginnt und doch bis in die großen Konflikte der Welt reicht.
Besonders intensiv wurde es, als die Frage nach der Reformfähigkeit der Europäischen Union aufkam. Kann eine Gemeinschaft, die auf Einstimmigkeit baut, noch schnell und entschlossen handeln? Oder lähmt das Vetorecht am Ende genau jene Union, die handlungsfähig sein will? Die Diskussion nahm Fahrt auf, als es um das Prinzip der Einstimmigkeit ging und um die Hürde, die ein Reformvorschlag nur mit Zustimmung aller 27 Mitgliedsstaaten überwinden kann. Dabei wurde auch deutlich, wie groß die Spannungen zwischen den Staaten inzwischen geworden sind. Wenn einzelne Länder wie Ungarn oder Polen mehrheitlich kritische Positionen einnehmen, stellt sich die Frage, ob ein System, das auf Kompromiss und Zustimmung angelegt ist, in zentralen Bereichen wie Rechtsstaatlichkeit und Migration an seine Grenzen stößt. Im Saal lag für einen Moment eine spürbare Schwere, weil die Jugendlichen nicht bei der bloßen Diagnose stehen blieben, sondern die tiefere Frage mitverhandelten, ob Blockade am Ende nicht auch ein Preis der Demokratie ist.
Auch die Rolle der EU in der Außen- und Wirtschaftspolitik sorgte für lebhafte Wortwechsel. Wie soll Europa reagieren, wenn Handelspartner wie die USA unter Präsident Trump mit Zöllen, Drohungen und wirtschaftlichem Druck arbeiten? Wie lässt sich Schutz für europäische Unternehmen schaffen, ohne neue Eskalationen anzustoßen, die letztlich auch Verbraucherinnen und Verbraucher treffen? Die Diskussion blieb dabei nicht im Theoretischen. Es wurde sehr konkret darüber gesprochen, wie sich Handelskonflikte auf Preise, Planungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität auswirken können. Die Schülerinnen und Schüler zeigten dabei, dass sie die Verbindung zwischen globaler Politik und dem Alltag längst verstanden haben; zwischen internationalen Verhandlungen und dem Einkauf im Supermarkt, zwischen diplomatischer Sprache und ganz realen Folgen für Menschen.

Ein weiteres großes Thema war die Sicherheitslage in Europa und die Frage nach der Wehrpflicht. In Deutschland wurde sie 2011 ausgesetzt, und doch ist sie angesichts veränderter Bedrohungslagen und personeller Herausforderungen der Bundeswehr wieder in die öffentliche Debatte zurückgekehrt. Auf einer eingeblendeten Übersicht wurde sichtbar, dass in mehreren europäischen Ländern bereits weiterhin oder erneut Wehrdienstmodelle bestehen. Besonders die Frage, ob die Wehrpflicht in Deutschland in irgendeiner Form zurückkehren sollte, trennte Meinungen. Soll Sicherheit künftig wieder stärker auf staatliche Pflicht setzen? Oder braucht es moderne, freiwillige Modelle, die andere Formen von Verantwortung fördern?
In der Aula wurde nicht nur über Europa gesprochen, sondern Europa wurde als Streitfrage, als Versprechen und als Herausforderung erlebbar. Auch Dr. Urban Mauer nutzte die Gelegenheit, den jungen Menschen Respekt für ihre Haltung und ihre Vorbereitung auszusprechen: „Ich bin beeindruckt vom großen Engagement, mit dem sich die Schülerinnen und Schüler mit komplexen politischen Fragen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Europäischen Union auseinandersetzen. In einer Zeit, in der demokratische Werte sowohl national als auch weltweit unter Druck stehen, ist es entscheidend, dass junge Menschen lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden, unterschiedliche Perspektiven abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen. Genau das habe ich hier am Albertus-Magnus-Gymnasium erlebt. Das war ganz große Klasse!“
Für den Staatssekretär hatte dieser Besuch zudem eine persönliche Note: Dr. Urban Mauer, geboren am 12. Januar 1968 in Mönchengladbach, ist seit dem 30. Juni 2022 Staatssekretär im Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, und ein ehemaliger Schüler des Albertus-Magnus-Gymnasiums in Dülken. (sk)



