„Russland lieb‘ ich; doch diese Lieb‘ ist seltsam.“ Der Dichter Michail Lermontow gestand das. Liegt es an der verletzbaren russischen Seele, die einen Zugang erschwert? Wie findet man einen Weg zu einer Seele, die keinen stabilen Gemütszustand zu kennen scheint?
Von Peter Josef Dickers
Literarisches – Vielfach wird der russischen Seele eine Neigung zur Schwermut zugeschrieben. Die Geschichte Russlands setzt sich zusammen aus einer Anhäufung von Erschütterungen. Mongolen und Tataren, die Bluttaten Zar Iwans, des Schrecklichen, die Oktoberrevolution, die Leiden des russischen Volks im Zweiten Weltkrieg, dem Vaterländischen Krieg, die Gräueltaten während der Stalin-Ära hinterließen nicht verheilte Wunden.
Die Menschen erlebten, dass Weniges besser und Vieles schlechter wurde in ihrem Land. Sie sahen sich um Hoffnungen betrogen, vermieden es aber, unbequeme Wahrheiten zu formulieren. „Groß ist das heilige, russische Land; aber die Wahrheit hat nirgendwo Platz.“ Eine russische Lebenserfahrung. Die russische Wirklichkeit gleiche einem geordneten Chaos, schrieb Dostojewski. Klären zu wollen, ob und wie Mängel zu beheben sind, bleibe folgenlos. Man wisse um die eigene Ohnmacht. „Der Leidensstrom entspringt der Tiefe des Herzens. Das russische Volk findet Genuss im Leiden.“ Nachzulesen in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“.

Kritiker bezweifeln, dass ein politisches System die Bürger immer noch in ein von oben geschnürtes Korsett zwängen und missliebige Personen eliminieren kann. Dennoch geschieht es. Die Justiz hat z. B. Organisationen Nawalnys als „extremistisch“ eingestuft und verboten. Auch sein Bruder Oleg wurde auf die Fahndungsliste gesetzt. Auf internationale Kritik reagiert man nicht oder weist sie zurück. Trotz seiner Inhaftierung bereut Nawalny seine Rückkehr nach Moskau und die sofortige Verhaftung nicht. Es habe keinen Sinn, in Angst zu leben, auch wenn unklar sei, wann seine Haftzeit ende. Er wolle vor sich selbst ehrlich sein.
Die meisten Menschen nahmen in der Vergangenheit mehr oder weniger alles hin. Die Lage ist, wie sie ist, dachten und denken sie. Stillschweigen ist erwünscht, Kritik wird nicht geduldet. Kritiker werden so fest umarmt, dass sie keine Luft bekommen. Vielleicht will das russische Volk nichts ändern, da es immer so zuging. „Rette sich, wer kann.“ „Schlimmer geht immer.“ Man findet Garanten für das tägliche Überleben, Seiteneingänge und Seitenausgänge, und man stellt fest, wie schön das Leben trotz allem sein kann.
Russen schätzen eine starke Führerfigur, einen „Nawalnik“, den Mann für alle Fälle. Sachkompetenz spielt eine untergeordnete Rolle. So ist der Personenkult um Präsident Putin einzuordnen, den vom Schicksal berufenen und allgegenwärtigen Führer. Eine Putin-kritische Presse existiert nicht. Auf allen Fernseh-Kanälen läuft rund um die Uhr ein auf ihn zugeschnittenes Programm.
In Russland ist vieles anders. Eine grundsätzlich zur Gegenwehr bereite Gesellschaft sucht man vergebens. Auch die russische Sprache kennt das Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Man begnügt sich mit der Aussage „Auch die Sonne hat Flecken.“ Die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden wird, bleibt dennoch bestehen. Das kann dauern. Etwas übereilt erwarten, widerspricht russischer Denkweise. „Wer sich beeilt, wird verlacht.“
Deutschland und Russland blicken auf gemeinsame, über tausendjährige Erfahrungen zurück. Katharina II., deutsche Zarin auf dem russischen Thron, warb für das untere Wolga- und das Schwarzmeer-Gebiet Siedler an. In einem Manifest gestand sie ihnen Vergünstigungen und Rechte zu. Ihrem Ruf folgten Auswanderer aus vielen deutschen Ländern.
Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der ehemalige sowjetische Staatspräsident, besiegelte 1990 bei einem Treffen im Kaukasus mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Genscher die deutsche Einheit. Zur richtigen Zeit wurde am richtigen Ort Wichtiges erreicht.
Wenn man sich Zeit lasse, bekämen die Menschen das, was sie sich wünschen, sagt man in Russland. Davon sind wir momentan leider weit entfernt.

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.
„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.




