Wer gestern Morgen die Evangelische Kreuzkirche in Viersen betrat, rieb sich unweigerlich einmal die Augen – und lächelte dann umso breiter. Wo sonst Ruhe, Kerzenschein und nachdenkliche Andacht herrschen, flatterten Konfetti durch das Kirchenschiff, schunkelten Kinder und Erwachsene im Takt kölscher Klänge, und selbst die Orgel schien ein wenig jecker zu atmen als sonst. Karneval und Kirche? In Viersen kein Widerspruch, sondern gelebte Gemeinschaft – laut, bunt und voller Herz.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersche – Unter dem Motto „Mutig und jeck“ hatte die Evangelische Kirche Viersen zum Karnevalsgottesdienst für Groß und Klein in die Kreuzkirche eingeladen. Und gekommen waren sie alle: Familien, Kinder in fantasievollen Kostümen, Senioren mit roten Pappnasen – und natürlich das Viersener Kinderprinzenpaar Caro I. und Moritz I., das mit strahlenden Gesichtern und einem kräftigen „Viersen helau!“ empfangen wurde.

Die ersten Töne, die durch das Kirchenschiff rollten, verrieten sofort: Heute wird gelacht, geschunkelt und nicht nur still verweilt. Ein mitreißender Kölscher Schlager brachte die Herzen in Schwung und verwandelte die Kreuzkirche im Nu in eine fröhliche Festhalle. Als das Kinderprinzenpaar mit seiner Garde einzog — begleitet von dem unverkennbaren Rahser-Büttenmarsch — war unmissverständlich klar: Hier wird Karneval in voller Pracht zelebriert, mit allen Farben, Rhythmen und fröhlichen Geräuschen, die zur fünften Jahreszeit gehören.
Zwischen liturgischen Elementen, schwungvollen Liedern und viel Bewegung entwickelte sich ein Gottesdienst, der nicht belehrte, sondern mitnahm. Gebete wurden mit Händen und Füßen gesprochen, Kinder tanzten, Erwachsene machten mit, und die Botschaft war so einfach wie stark: Gott mag das Leben – auch das laute, fröhliche, ausgelassene.

Im Mittelpunkt stand eine kleine Heldin mit großer Symbolkraft: Mika, die Kirchenmaus. In einer liebevoll erzählten Geschichte wurde sie von einer schüchternen Beobachterin hinter der Orgel zur mutigen Karnevalsmaus, die sich hinaus ins bunte Getümmel wagte. Nicht, weil sie plötzlich keine Angst mehr hatte – sondern weil sie den Mut fand, den ersten Schritt zu machen. Eine Parabel, die besonders den Kindern aus dem Herzen sprach, aber auch bei vielen Erwachsenen sichtbar nachklang.
„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben“, hieß es während der Geschichte, „Mut bedeutet, sich trotzdem zu trauen.“ Und was passt besser zum Karneval als genau das? Sich verkleiden, auf eine Bühne gehen, vor vielen Menschen stehen – all das braucht Mut. Dass dies auch für ein Kinderprinzenpaar gilt, wurde in der anschließenden Befragung von Caro I. und Moritz I. deutlich. Offen und nahbar erzählten sie von Aufregung vor Auftritten, von Lampenfieber und davon, wie schön es ist, wenn der Applaus dann alle Zweifel wegfegt.

Zwischen Altarraum und Kirchenbänken wurde der Gottesdienst immer wieder zur Bewegungsfläche: Stopptanz, Polonaise, Mitmachlieder, Fühlkisten, Fotostationen – und als Höhepunkt die legendäre Konfettikanone … mit Hilfe der Bodenklimaanlage, die das Kirchenschiff endgültig in ein jeckes Farbenmeer verwandelte. Kinder jauchzten, Erwachsene lachten, und selbst die Kirchenmauern schienen das Treiben wohlwollend zu umarmen.
Trotz aller Ausgelassenheit blieb Raum für Besinnung. In den Fürbitten wurde es still. Gedanken an Kinder weltweit, an Traurige und Mutlose, an politische Verantwortungsträger und an den Wunsch nach Frieden fanden ihren Platz – getragen von der leisen Hoffnung, dass Mut nicht nur im Karneval, sondern auch im Alltag wirkt. Mit dem gemeinsamen Vaterunser und dem Lied „Vom Anfang bis zum Ende“ klang der Gottesdienst aus – nicht abrupt, sondern wie ein sanfter Nachhall nach einem großen Fest. Und vielleicht nahm der eine oder die andere etwas Unsichtbares mit nach Hause: ein kleines Stück Mut. Es zeigte sich, wie lebendig Kirche sein kann, wenn sie sich öffnet – für Kinder, für Traditionen, für neue Formen und für das pralle Leben. Oder, um es jeck zu sagen: Wenn selbst die Kirchenmaus tanzt, dann ist Karneval wirklich angekommen. (nb)





