Verliebt en oser Viersche – Ein närrischer Urknall in der Festhalle

Es war einer dieser Abende, an denen selbst die ehrwürdigen Mauern der Viersener Festhalle zu lächeln schienen. Ein Abend, an dem jede Faser des Raumes bebte, weil die rheinische Lebensfreude sich wie ein warmer Strom durch die Reihen drängte. Die Proklamation des neuen Prinzenpaares der Viersener Narrenherrlichkeit verwandelte gestern Abend das traditionsreiche Gebäude in ein brodelndes Zentrum karnevalistischer Ekstase – und niemand, der dabei war, wird so schnell vergessen, was sich dort ereignete.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker, Martin Häming und Leo Dillikrath

Viersche – Schon lange vor Programmbeginn wehte Tradition, Feierfreude und erwartungsvolles Summen durch das Foyer, als würde Viersen mit einem tiefen Atemzug sagen: „Et jeht widder los!“. Das Motto des Festausschusses Viersener Karneval – „Verliebt en oser Viersche“ – hing wie ein leuchtendes Banner in der Luft.

Und tatsächlich: Wer gestern Abend nicht verliebt war in Viersen, verliebte sich spätestens beim Auszug der letzten Band.
Man hätte meinen können, die Festhalle selbst hätte ihre Türen ganz weit aufgestoßen, um würdig Platz zu machen für den grandiosen Einzug der Gesellschaften und Ex-Prinzen des Festausschusses Viersener Karneval. Kaum erklang das erste musikalische Signal, erhoben sich die Gäste, bildeten eine menschliche Gasse und verwandelten den Raum in einen farbenprächtigen Korridor der Erwartung.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Uniformen blitzten, Standarten schwangen im warmen Licht der Saalscheinwerfer, und der Boden vibrierte unter den Schritten der Karnevalisten. Das klangliche Fundament dazu lieferte die Kapelle Combo Favorit unter der Leitung ihres Kapellmeisters Armin Jakobi. Inmitten dieser Atmosphäre trat Senatspräsident Frank Schiffers ans Mikrofon. Seine Stimme war warm, seine Worte präzise gesetzt, und man merkte, wie sehr ihm dieser Abend am Herzen lag. Doch ganz gesund war er noch nicht – und so reichte er das Mikrofon später weiter, um sich zu schonen (die Redaktion des Rheinischen Spiegels wünscht gute Besserung). Doch die Richtung des Abends war klar: herzlich, menschlich, närrisch – und voller Respekt vor denen, die Viersen und seinen Karneval tragen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann kam der Moment, der alles überstrahlte. Wie eine Welle aus Jubel, Farben und Emotionen rollte der Einzug des Prinzenpaares mit dem Viersener Tambourcorps durch die Menge. Angeführt wurde das Spektakel von der Viersener Prinzengarde und mittendrin: das neue Prinzenpaar der Narrenherrlichkeit Viersen.

Ein Paar, das auf den ersten Blick ausstrahlte, was sich im Motto des Festausschusses widerspiegelt: „Verliebt en oser Viersche“ – und in diesem Fall auch verliebt ineinander, in Tradition, in Kultur und in die jecke Heimat. Der Applaus war ohrenbetäubend, die Stimmung bebte durch alle Körper im Saal, als Bürgermeister Christoph Hopp zur Inthronisation schritt. Mit ruhiger Stimme und festlichem Gestus übertrug er dem Paar die Insignien der Macht. In diesem Moment verwandelte sich Wolfgang zum vollwertigen närrischen Regenten: Wolfgang, der Dritte, ein Vierscher Original. Ein Titel, der nicht nur ehrenvoll klingt, sondern ihm wie auf den Leib geschneidert ist.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Als Wolfgang III. ans Mikrofon trat, hörte die Festhalle tatsächlich einmal richtig zu – doch dazu später mehr. In diesem Moment jedenfalls war die Atmosphäre so konzentriert, dass man eine herabfallende Narrenkappe hätte hören können.
„Ich bin, wie ich bin. Ich bin das Produkt meiner Erziehung“, sagte der Prinz mit jener herrlich rheinischen Mischung aus Bescheidenheit und verschmitzter Selbstironie. Und es war einer dieser Sätze, die sofort im Herzen des Publikums ankamen. Sein Dank galt all jenen Vereinen, in denen er Mitglied ist. Man spürte, wie tief seine Wurzeln im Vereinsleben liegen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Und dann, ganz zum Schluss, zeigte er eine Geste, die sofort die Herzen aller Kellnerinnen und Kellner gewann: Jede Servicekraft erhielt ein Glas Honig – den Honig seiner eigenen Bienen. Auch die männliche Begleitung des Prinzenpaares sorgte schon beim ersten Auftritt für staunende Blicke. Passend zum Beruf des Prinzen traten sie geschlossen im Zimmermanns-Outfit auf. Moment, Auftritt? Tatsächlich brillierte die Begleitung selbst mit einer Showeinlage.

Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Ein Festabend im Rheinland ohne Musik? Unvorstellbar. Ein Prinzenpaar ohne musikalische Begabung? Möglich. Aber nicht in Viersen! Wolfgang III. und Estefania I. bewiesen gleich bei ihrer Proklamation, dass sie nicht nur mit Charme, sondern auch mit Stimme begeistern können. Das Publikum durfte sich gleich auf zwei unterschiedliche Auftritte freuen, denn das närrische Paar präsentierte nicht ein gemeinsames Stück – sondern zwei individuelle Darbietungen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Spätestens an diesem Abend war klar, hier steht ein Duo auf der Bühne, das Herz, Humor und Heimat im Blut trägt. Prinz Wolfgang III. – mit bürgerlichem Namen Wolfgang Scholz, Jahrgang 1955 – ist ein echtes Vierscher Original. Er stammt aus einer alteingesessenen Handwerksfamilie und schon als kleiner Junge war für ihn klar: Holz ist mehr als ein Werkstoff – es ist Leidenschaft. Nach seiner Lehre zum Zimmermann folgten Gesellen- und Meisterprüfung, später die Weiterbildung zum Restaurator im Handwerk. Heute führt er die Familienzimmerei Scholz in dritter Generation – ein Traditionsbetrieb, den bereits Großvater Gustav und Vater Heinz mit aufgebaut haben.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Doch wer Wolfgang kennt, weiß: Er ist nicht nur Handwerker mit Leib und Seele, sondern auch ein Mann des Herzens, des Humors – und des Karnevals. Schon in jungen Jahren zog ihn die Narretei in ihren Bann. Mit 17 Jahren trat er dem JFKV bei, übernahm später Verantwortung im Festausschuss. Ob auf der Bühne als Sänger, als technischer Leiter beim Wagen- und Bühnenbau oder als kreativer Kopf hinter unzähligen Veranstaltungen – Wolfgang war stets dort, wo Herz und Hand gebraucht wurden. Seine handwerklichen Talente nutzt er bis heute für den Karneval: Die liebevoll geschmückten Fassaden der Großen Bruchstraße oder der Rintgerstraße tragen oft seine Handschrift. In der Viersener Karnevalsszene genießt er den Ruf eines Tüftlers, der mit Maßband, Pinsel und Schalk im Nacken den Karneval buchstäblich „aufbaut“.

Über 30 Jahre engagierte er sich zudem im Vorstand der Zimmerer-Innung Mönchengladbach, zuletzt als stellvertretender Obermeister. Für seine Verdienste im Handwerk und im Ehrenamt erhielt er zahlreiche Auszeichnungen – darunter die Ehrennadel in Gold der DLRG und eine Bronze-Ehrung der Handwerkskammer Düsseldorf.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

An seiner Seite regiert Prinzessin Estefania I., im bürgerlichen Leben Stephanie Scholz, geborene Scholz – eine echte Vierscherin durch und durch. Geboren am 28. Juni 1965 im Stadtteil Rahser, wurde ihr die Liebe zum Karneval praktisch in die Wiege gelegt. Ihre Eltern, Manfred und Maria Scholz, waren 1963 das letzte Rahser Prinzenpaar – eine Ehre, an die nun, über 60 Jahre später, ihre Tochter anknüpft.

Nach der Höheren Handelsschule in Dülken zog es Stephanie beruflich in die Logistik. Heute arbeitet sie bei der VP Verpackungs- und Paletten GmbH in Kempen. Doch sobald die Session naht, schlägt ihr Herz im Takt der Trommeln und Fanfaren. Seit vielen Jahren ist sie aktives Mitglied bei den Roahser Jonges, der Großen Viersener Karnevalsgesellschaft und den Rintger Karnevalsfreunden. Ob als Tänzerin in der Fußgruppe, als kreative Ideengeberin oder als fröhlicher Mittelpunkt jeder jecken Runde – Estefania I. ist Karnevalistin mit Leib und Seele.

Neben dem Karneval liebt sie das gesellige Miteinander. Ihr „Stammtisch der 7 Sisters“ trifft sich regelmäßig zu fröhlichen Abenden, bei denen Lachen Pflicht und gute Laune garantiert ist. Wellness-Wochenenden mit den „Aperol Girls“ gehören ebenso dazu wie der legendäre Sparclub im Schattodrom, wo schon manch närrische Idee geboren wurde. Und wer sie kennt, weiß: Estefania erkennt die Qualität eines Abends an der Farbe ihres Aperölchens – immer mit einem Augenzwinkern und einem herzlichen Lachen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Geschichte des Viersener Prinzenpaares ist eine Liebesgeschichte, wie sie der Karneval selbst nicht schöner schreiben könnte. 2009 kreuzten sich die Wege von Wolfgang und Stephanie – und es funkte. Elf Jahre später, im Jahr 2020, gaben sie sich in Bonn das Ja-Wort – aus zwei Jecken wurde ein unschlagbares Team, das privat wie karnevalistisch perfekt harmoniert. Beide teilen nicht nur die Liebe zum Karneval, sondern auch eine Leidenschaft für Oldtimer. Mit ihren klassischen Fahrzeugen reisen sie gern durch Deutschland, immer mit einem Hauch Nostalgie und einem Lächeln im Gesicht. Doch egal, wohin es sie verschlägt – „Zuhause ist für uns Viersche“, sagen sie unisono.

Mit Wolfgang III. und Estefania I. bekommt Viersen ein Prinzenpaar, das authentischer kaum sein könnte. Sie stehen für die Werte, die den rheinischen Karneval seit jeher prägen: Tradition, Gemeinschaft, Lebensfreude und Heimatverbundenheit. Beide sind tief verwurzelt in ihrer Stadt, engagieren sich in Vereinen und leben das, was der Karneval in Viersen ausmacht – Nähe zu den Menschen, Offenheit und Herzlichkeit. Das Motto des Viersener Festausschusses „Verliebt en oser Viersche“, ist für sie mehr als ein Spruch. Es ist ein Bekenntnis.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Nach der musikalischen Präsentation übernahm die Viersener Prinzengarde erneut das Ruder – diesmal auf der Bühne. Mit Solomariechen, mit Präzision, mit jener Tradition, die in Viersen tief verwurzelt ist. Die Tänze waren kraftvoll, elegant und närrisch zugleich. Übrigens: Im späteren Programmverlauf entstand ein kleiner Leerlauf – ein organisatorisches Mini-Fiasko. Doch dieser Saal war in fähigen Händen. Die Prinzengarde sprang kurzerhand ein, überbrückte die Lücke und lieferte einen spontanen, energiegeladenen Zusatzauftritt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

So närrisch der Abend auch war, so sehr musste ein Punkt kritisch angemerkt werden: die Lautstärke im Saal. Redner und Künstler hatten es schwer. Die Unruhe im Publikum war groß, Gespräche zogen sich durch Reihen und Ecken, und manch feiner Gag oder poetischer Moment ging im Stimmengewirr unter. Es war schade – denn die Künstler hatten Herzblut investiert. Umso mehr verdienten jene Applaus, die trotz dieser Kulisse weiter ihre Leistung lieferten.

Als nächster Programmpunkt betraten Klaus Rupprecht – alias „Klaus & Willi“ – und sein vorlauter, kultiger Affe die Bühne. Kaum standen sie im Licht, kippte die Stimmung in Richtung Dauerlachen. Willi, dieser frech-grinsende Bühnenkünstler aus Plüsch, war nicht einfach nur ein Affe, sondern eine „eierlegende Wollmilchsau“ des Humors. Er sang, er plapperte, er kommentierte jede Regung im Publikum – und Klaus agierte mit einer Mischung aus straighter Seriosität und schelmischer Gelassenheit, die dem Duo diesen perfekten Kontrast verleiht.

Es war ein Auftritt voller spontaner Gags, mit Geschichten aus dem Leben, mit Kommentaren zur Politik, mit kleinen verbalen Spitzen, die das Publikum punktgenau trafen. Nicht ohne Grund zählt Klaus Rupprecht zu den meistgebuchten Bauchrednern der Republik. Doch eines ist ebenso klar: Eigentlich ist Willi der Chef. Und so sehr das Publikum gestern lachte – Willi lachte am Ende am lautesten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Hätzblatt enterte im Anschluss die Bühne wie ein musikalischer Wirbelwind und brachte die Festhalle innerhalb weniger Takte zum Kochen. Die Band, seit 1995 eine feste Größe im rheinischen Musikleben, zog mit ihren ersten Akkorden sofort die Tanzfreudigen nach vorne. Mit Reiner Jennißen an Gesang, Trompete und Saxophon, David Venrath am Schlagzeug, Ingo Cremers an Gesang und Gitarre, Christopher Viehausen an Gesang, Keyboards und Quetsch, Uwe van Helden am Bass sowie Marco Winkler an Gitarre, Flitsch, Bass und Gesang präsentierten die Musiker einen kraftvollen Mix, der die Hallenwände erzittern ließ.

Eigene Lieder, kölsche Evergreens, aktuelle Partykracher und gefühlvolle Balladen wechselten sich ab und verwandelten die Festhalle in ein brodelndes Musikmeer. Das Publikum schunkelte, tanzte und sang ausgelassen mit, und spätestens bei „Bliev bei mir“ oder „Kumm jot noh Huss“ pulsierte der ganze Saal im gemeinsamen Rhythmus.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die Dancing Cheers aus Lommersum präsentierten danach eine Show, die selbst das besttrainierte Orga-Team kurz vergessen ließ, dass es eigentlich Stühle und Kehlen schonen wollte. Die fast 50 Tänzerinnen fegten mit Akrobatik, Cheerleading-Elementen, rasanten Positionswechseln und glamourösen Kostümen über die Bühne. Es war eine Show voller Adrenalin, Präzision und tänzerischer Gewaltigkeit. Seit 2007 entwickelt die Gruppe ihre Choreografien weiter – und das war zu sehen. Es war nicht einfach ein Tanz. Es war ein Bildergewitter. Ein Bewegungsfeuerwerk. Eine Show, die das Publikum mit offenem Mund zurückließ.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dann wurde es humorvoll-intellektuell, aber nicht minder lautstark. Stimmenimitator Jörg Hammerschmidt betrat die Bühne – und mit ihm ein gefühltes Dutzend aus Politik, Musik und Showbiz. Über 60 Promis hat er in seiner stimmlichen Werkzeugkiste. Er sprang mit Leichtigkeit und geschliffener Treffsicherheit von Stimme zu Stimme: Bundeskanzlerin, Bundestrainer, Stars aus TV und Musik. Jede Figur, die er auf die Bühne holte, war so punktgenau getroffen, dass man sich unweigerlich fragte, ob nicht doch eine zweite Person auf die Bühne geschlichen war.

Es war ein Spiel mit Identitäten, ein Feuerwerk aus Gags und parodistischer Brillanz. Seine Pointen trafen exakt die Lachmuskeln, und das Publikum war hingerissen von der Dynamik, mit der er Charakter um Charakter auf die Bühne brachte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Nach so viel Stimme folgte wieder geballte Bewegung: Die Wahner Wibbelstetze aus Köln-Porz-Wahn stürmten in ihren blau-weißen Uniformen die Bühne. Die große Gruppe ist bekannt dafür, Bühnen abzureißen – im übertragenen Sinne, aber gestern Abend fast im wörtlichen. Mit Beats, Akrobatik, Hebefiguren und einem Teamgeist, der in jeder Bewegung sichtbar wurde, begeisterten sie die Festhalle.
Es war Tanz, es war Show, es war Köln, es war Porz, es war Rheinland – und es war Viersen, das mitging, mitschunkelte, mitjubelte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Und dann kam der Schlusspunkt. Oder besser: der Schlussknall.
Knallblech, jene 11-köpfige Truppe aus 10 Bläsern und einem DJ, die bereits bei der Proklamation des Süchtelner Dreigestirns in Dülken die Bühne abgerissen hatten, setzte dem Abend die Krone auf. Fette Beats. Massive Brasspower. DJ-Sound, der sich durchs Zwerchfell fraß. Bekannte Hymnen, eigene Beats, verrückte Choreografien. Sie spielten nicht – sie rissen mit. Sie performten nicht – sie explodierten. Der ganze Saal tanzte, der ganze Saal sprang, der ganze Saal war ein Meer aus Glück.
Wer da nicht mitging – Pech gehabt. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming