Als die ersten warmen Luftzüge über den Remigiusplatz strichen und die Dämmerung sich sanft über Alt-Viersen legte, begann ein Abend, der mehr war als nur ein Kalendertermin: Die „Weiße Mainacht“ zog die Menschen in Scharen ins Herz der Stadt, und verwandelte es in eine vibrierende Bühne unter freiem Himmel.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Martin Häming
Viersen – Nein, sie ist wahrlich kein unscheinbarer Termin im Viersener Veranstaltungskalender, die „Weiße Mainacht“, bei der Gastgeber Edi Tusch auch in diesem Jahr zufrieden seinen Blick von der Bühne aus über den gut gefüllten Remigiusplatz schweifen lassen konnte. Schon früh strömten die Besucher herbei, fast durchweg in Weiß gekleidet. Hemden, Kleider, Blusen … sie leuchteten im Abendlicht und verschmolzen zu einem lebendigen Gesamtbild. Zwischen historischen Fassaden und dem erwartungsvollen Murmeln der Menge lag ein Knistern, das sich bald in Bewegung entladen sollte.

„Alle sind offen, alle haben Lust zu tanzen. Das steckt einfach an“, sagte eine Besucherin lachend, während sie sich mit Freunden durch die Menge schob. Mit den ersten Takten der Band „Chili“ wurde dann aus gespannter Vorfreude pure Energie. Die Musiker verstanden es, den Nerv des Publikums zu treffen. Klassiker und Coverhits reihten sich aneinander. Zwischen den Songs lag kaum Zeit zum Durchatmen. Hände gingen in die Höhe, Stimmen wurden lauter, und der Platz verwandelte sich in ein wogendes Feld aus Bewegung. Die Übergänge übernahm später DJ Chris, der die Energie nahtlos weitertrug. Mit einem feinen Gespür für Rhythmus und Publikum hielt er die Nacht lebendig, ließ die Beats pulsieren und sorgte dafür, dass die Schritte auf dem Pflaster nie stillstanden.
Als später die bekannten Melodien von ABBA oder Tina Turner durch die Lautsprecher klangen, wurde aus Tanzen ein kollektives Erinnern. Es wurde mitgesungen, gelacht, gejubelt; und für einen Moment schien es, als gäbe es außerhalb dieses Platzes keine Welt mehr. „Das ist wie ein großes Klassentreffen“, bemerkte ein Besucher aus dem Rahser augenzwinkernd, während er sein Glas hob.

Ein fester Anlaufpunkt des Abends war die Weinlounge, betrieben von den Georgspfadfindern St. Remigius. Hier wurde angestoßen, erzählt und innegehalten … zumindest für einen kurzen Moment. Während die Stunden vergingen, veränderte sich die Stimmung kaum merklich. Aus der lebhaften Ausgelassenheit der frühen Abendstunden wurde eine dichtere, fast intime Atmosphäre. Gespräche wurden persönlicher, die Musik blieb der verbindende Herzschlag.
Die „Weiße Mainacht“ knüpfte damit übrigens an eine Tradition an, die weit über Viersen hinausreicht. Der Tanz in den Mai, dessen Ursprünge bis zu keltischen Frühlingsfesten wie Beltane zurückgehen, steht seit jeher für Aufbruch und Gemeinschaft. Einst entzündeten Menschen Feuer, um den Winter zu vertreiben und den Sommer willkommen zu heißen. Heute sind es Lichter, Musik und Begegnungen, die diesen Übergang markieren.
Auch der historische Wandel des Brauchs – von heidnischen Ritualen über mittelalterliche Deutungen bis hin zu modernen Festen – schwang an diesem Abend mit, ohne sich aufzudrängen. Stattdessen wurde er lebendig im Hier und Jetzt: im gemeinsamen Tanzen, im Lachen Fremder, im Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Als die Nacht sich ihrem tiefsten Punkt näherte, war von Müdigkeit wenig zu spüren. Noch immer bewegten sich Menschen über den Platz, noch immer klangen Stimmen und Musik durch die Straßen. (cs)





