Drei Kapitäne, ein Narrenschiff und ein grandioses Jubiläum

Wenn der Wind des Frohsinns durch die Narrenwelt fegt, dann wissen alle: Die fünfte Jahreszeit hat begonnen. Und in diesem Jubiläumsjahr, in dem der Festausschuss Süchtelner Karneval stolze 65 Jahre „jeck und heiter“ feiert, ist alles ein bisschen bunter, lauter und festlicher als sonst.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Dölke/Söetele – Unter dem Motto „65 Jahre jeck und heiter – Süchteln feiert bunt und munter weiter!“ wurde im vollbesetzten, ausverkauften Dülkener Bürgerhaus am Samstagabend Geschichte geschrieben. Denn zum allerersten Mal in der langen Tradition des Süchtelner Karnevals steht kein klassisches Prinzenpaar, sondern ein echtes Dreigestirn auf der Bühne. Nicht in der Irmgardisstadt wurde dieses Novum gefeiert, sondern aufgrund einer kleinen Terminproblematik in Dölke und die Stadt mit dem Stripke nahm die Jecken von hinterm Berg mit offenen Armen und närrischen Herzen auf.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Wenn man das Dülkener Bürgerhaus betrat, hatte man sowieso nicht mehr das Gefühl in Dülken zu sein, sondern war durch ein jeckes Tor prompt zurück nach Soetele gewandert. Gelb und schwarz dominierte im ganzen Saal, selbst das berühmte Hintergrundbanner mit der Süchtelner Szene hatte seinen Weg nach Dülken gefunden.

Detlef Belk und Lara Böhmer eroberten zudem gekonnt auch die Dölker Bühne und hielten das Mikrofon den Abend über fest im Griff, auch wenn zum Ende hin der Zeitplan leicht gesprengt wurde. Egal, da war man sich einig. Und so zeigte sich auch Udo Pöltzig, Vorsitzender des Festausschusses Süchtelner Karneval, beeindruckt und begeistert von dem fantastischen Bild, welches die zahlreichen Jecken im Saal formten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der erste tänzerische Programmpunkt, der gehörte der Süchtelner Webergarde. Präzise Schritte und mitreißende Musik wurden begleitet von zwei besonderen Auszeichnungen, als Sina Otten und Kathrin Hünnekes zu Ehrenmitgliedern des Festausschusses Süchtelner Karneval ernannt wurden.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Als schließlich das neue Dreigestirn seinen feierlichen Einzug hielt, erhoben sich die Jecken im Saal: Jubel, Glitzerregen, Paukenschläge. Die Proklamation war der emotionale Höhepunkt eines Abends, der schon jetzt als historisch gilt … übrigens mit einem neuen Bürgermeister, der die Proklamation so charmant begleitete, als hätte er schon zahlreiche Tollitäten zuvor ins jecke Amt erhoben.

Allerdings waren die neuen Tollitäten nicht die einzige Besonderheit, denn an diesem Abend war die musikalische Begleitung selbst ein Blickfang. Man hätte ja denken können, dass hier alleine das Viersener Tambourcorps aufspielte, ergänzt wurden sie allerdings auch von Teilen des Bettrather Tambourcorps und vom Tambour Corps Duelken 1926.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Die närrische Familie in Süchteln regieren in dieser Session drei Männer, die den Süchtelner Karneval seit Jahren prägen und nun gemeinsam die Segel setzen: Prinz Nicolai Rattay, Jungfrau Thomas „Thomina“ Biastoch und Bauer Uwe van de Venn. Jeder von ihnen bringt seine ganz eigene Geschichte, seine Leidenschaft und seine Farbe in das Dreigestirn ein.

Nicolai Rattay, Fußballer durch und durch, ehemaliger Vorsitzender des Festausschusses und Wirt der Bürgerklause, erfüllt sich mit seiner Prinzenwürde einen Herzenswunsch. Er kennt das Vereinsleben in Süchteln wie kaum ein anderer – auf und neben dem Platz. Mit Humor, Herzlichkeit und Bodenständigkeit verkörpert er den Typus Prinz, der Menschen mitreißt und verbindet.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Thomas Biastoch, die charmante Jungfrau Thomina, ist das glitzernde Gegenstück: Unternehmer, Familienmensch und Karnevalist mit Showtalent. Seine Auftritte zwischen Pumps, Perücke und Pailletten sind schon jetzt legendär. Als Thomina bringt er augenzwinkernden Witz, Charme und Herz auf die Bühne – und zeigt, dass Karneval auch Mut zur Verwandlung bedeutet.

Uwe van de Venn wiederum ist der ruhende Pol des Trios. Als Bauer sorgt er für Erdung und Beständigkeit. Jahrzehntelang hat er sich in der Süchtelner Szene verdient gemacht – ob als Sitzungspräsident, ehemaliger Prinz oder engagierter Handballtrainer beim ASV Süchteln. In seinem Beruf als Schornsteinfegermeister steht er für Tradition und Zuverlässigkeit, Werte, die er auch in sein Amt einbringt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Begleitet wird das Dreigestirn von einer eingeschworenen Mannschaft, die das Narrenschiff mit Leben füllt: Lina Rattay als Begleitmariechen, Daniela Mackes als Prinzenführerin, Christoph Fritsch als Fahrer, dazu Familien und Freunde wie Helmut Schatten, Gregor Mackes, die Familie Erckens und Wolfgang Genenger. Die Ehefrauen Ute Rattay, Heike Biastoch und Nicole Camps-Bungard stehen dabei fest an der Seite ihrer Männer – getreu dem närrischen Motto „Zesamme simmer jeck“.

Gemeinsam wollen sie in dieser Session Brücken bauen, Menschen verbinden und den Süchtelner Karneval noch lebendiger machen. Und weil Frohsinn auch Verantwortung bedeutet, sammelt das Dreigestirn Spenden für den Verein Special-Fly e.V., der mit großem Engagement Behindertensport in Süchteln fördert.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

In ihrer Ansprache machten die drei deutlich, dass es beim Karneval kein „dein“ und „mein“ gibt, sondern dass alle gemeinsam feiern sollen. Zwar könne die Proklamation in diesem Jahr nicht im gewohnten Heimatraum stattfinden, doch das Dreigestirn betonte, dass Nähe im Herzen wichtiger sei als der Ort der Veranstaltung. Ein zentrales Thema der Rede war die Einheit innerhalb der Stadt Viersen. Das Dreigestirn rief eindringlich dazu auf, das Brauchtum als verbindendes Element zu verstehen. Nur gemeinsam könne man den Karneval lebendig halten. Die Stadt forderten sie auf, die Voraussetzungen dafür zu schaffen – insbesondere die Bereitstellung geeigneter Räume und Treffpunkte für die närrische Gemeinschaft.

Auch Süchteln selbst stand im Fokus. Die Tollitäten zeigten sich erfreut über die Umgestaltung der Innenstadt, die künftig heller und einladender wirken soll. Zugleich machten sie deutlich, dass der traditionelle Süchtelner Karnevalszug seinen festen Platz im Ortsbild behalten müsse: „Der Süchtelner Zoch muss durch die Straßen geh’n!“ war der klare Appell. Mit einem Augenzwinkern forderten sie zudem, die Sparkasse möge sich künftig zur Straße hin öffnen, um den Handel im Ortskern zu beleben. Überhaupt wünschen sich die drei mehr Leben und Begegnung in der Stadt – mit bunten Festen, Märkten und Veranstaltungen, die Menschen zusammenbringen und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Ihr Stammlokal, die Bürgerklause, wurde als Ausgangspunkt für viele fröhliche Aktionen und Umzüge genannt. Von dort aus wolle man mit voller Energie und viel Herzblut in die Session starten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Zum Abschluss erinnerte das Dreigestirn daran, dass Gesundheit das höchste Gut sei – damit auch in Zukunft viele unbeschwerte Karnevalszeiten folgen können. Mit einem Augenzwinkern gaben sie allen Gästen mit auf den Weg: Sollte sich mal schlechte Laune breitmachen, solle man einfach ans Dreigestirn denken – und die Freude wiederfinden.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Doch nicht nur das Dreigestirn sorgte im Bürgerhaus für ausgelassene Stimmung. Der Abend war ein wahres Feuerwerk aus Musik, Tanz und rheinischem Humor. Und so eroberte nach der Proklamation und zu Ehren der Tollitäten die Süchtelner Prinzengarde mit den „Süchtelner Höhlenstürmern“, die aus der Prinzengarde entstanden sind, sowie ihrem Solomariechen Laura die Bühne. Gekonnte Sprünge im Takt, Tanzschritte mit denen sie fast zu fliegen schien. Laura hat wieder „eine Schüppe“ auf ihre sonst schon fantastischen Auftritte drauf gelegt und ein zu recht mitreißender Beifall ebneten den Weg frei für Willi & Ernst – jene zwei rheinischen Originale, die seit Jahren in der ZDF-Mädchensitzung für Begeisterung sorgen.

Mit ihrem neuen Programm „Programm Nr. 7 – Verflixt nochemol!“ bringen sie in dieser Session das Publikum zum Toben. Ihr unverwechselbares Zwiegespräch, ihre Spontaneität und ihr liebenswert-schräger Charme sorgten für Lachtränen und Applausstürme. Der Titel ihres neuen Programms ist Programm: „Verflixt nochemol!“ – eine charmante, humorvolle Antwort auf alles, was das Leben so bereithält. „Verflixt nochemol! Ist das wirklich schon unser siebter Abendfüllender Auftritt?“ „Verflixt nochemol! Wat is nur in der Welt los?“ Oder auch: „Verflixt nochemol! Wat sind wir attraktiv!“ – der rheinische Humor der beiden trifft immer mitten ins Herz und sorgt für unzählige Lacher.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Bei ihrem Auftritt verschmolzen Komödie, Slapstick und rheinischer Witz. In diesem Jahr feierten Dirk Zimmer & Markus Kirschbaum übrigens ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Sie erfinden sich nicht neu, sondern setzen konsequent auf das, was sie seit Jahren ausmacht: Theater, rheinische Lebensfreude, musikalische Einlagen, Publikumsnähe und eine ordentliche Portion Charme.

Selbstverständlich hatte auch die Süchtelner Tanzgarde in dieser Session ein neues Motto für ihren grandiosen Auftritt gefunden. Eine Show, für die zu recht lange und intensiv trainiert worden war und die keinen Fuß still stehen ließ. In den Central Park Zoo nach New York mitsamt Freiheitsstatue ging die Reise mit der MSC Süchteln. Da soll noch mal einer sagen, das nicht alle Wege von Süchteln aus in die ganze Welt führen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Musikalisch ging es hochkarätig weiter mit Torben Klein, dem kölschen Mundartsänger, der längst Kultstatus genießt. Sein Repertoire aus gefühlvollen Balladen und mitreißenden Fastelovends-Hits brachte das Publikum zum Mitsingen und Schunkeln. Bereits 2008 stieg er in die kölsche Karnevalsszene ein und verhalf der Formation „Boore“ zu einem beeindruckenden Karriereaufschwung, der sich in steigenden Auftrittszahlen und wachsender Popularität bemerkbar machte. Schon ein Jahr später wurde er von mehreren Top-Bands der Kölner Szene umworben und entschied sich für den Einstieg bei der bekannten Band „Räuber“.

Mit „Dat es Heimat“, der gefeierten Hymne an die Domstadt Köln, gelang Torben Klein als Sänger, Texter und Produzent ein echter Coup: Er landete auf Platz eins der iTunes-Schlager-Charts und bewies damit sein feines Gespür für Hits. Auch mit dem hochdeutschen Discofox-Titel „Wenn ich träum in der Nacht“ zeigte er erneut seine Vielseitigkeit und verwandelte den Song in einen bundesweiten Tanzflächenfüller, für den er sowohl als Produzent, Arrangeur als auch Sänger verantwortlich zeichnete. Ein weiteres Highlight seiner Karriere war der Karnevalshit „Für die Iwigkeit“, den er für die Räuber im Alleingang schrieb. Bereits am Tag der Veröffentlichung wurde der Song vom „Kölner Express“ zum Sessionshit gekürt und begeisterte schnell die Massen. Auf Amazon und iTunes erklomm der Titel die vordersten Chartpositionen, während die luxemburgische Version „Bes aan´d Ewigkeit“ wochenlang die Spitze der Luxemburger Single-Charts dominierte. Die hochdeutsche Adaption „Für die Ewigkeit“ durch Mickie Krause eroberte 2018 die gesamte Republik und selbst die Lieblingsinsel der Deutschen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Auch 2019 setzte Torben Klein seine Erfolgsgeschichte fort: Mit „Immer wenn ich ahn ming Heimat denk“ erzielte er einen weiteren Kassenschlager für die Räuber, der im gesamten Rheinland begeistert gesungen wurde. Im gleichen Jahr startete er seine Solo-Karriere. Ob „Für die Iwigkeit“, „Lääv“ oder „Wunderschön“ – Klein schafft es mühelos, das kölsche Lebensgefühl ins Rampenlicht zu bringen. Seine warmherzige Bühnenpräsenz und sein direkter Draht zum Publikum machten ihn zu einem der emotionalenvielen Höhepunkte des Abends.

Als dann Knallblech die Bühne eroberte, war die Stimmung längst nicht mehr zu bremsen. Zehn Bläser, ein DJ, Beats, die unter die Haut gingen – die Brassband aus Bonn brachte das Bürgerhaus endgültig zum Beben. Fette Rhythmen, tanzende Jecken, eine Party-Explosion der Extraklasse. Mitreißend, laut, energiegeladen – genau so, wie Karneval sein muss. In kürzester Zeit wurde der Saal zu einem brodelnden Tanzmeer, in dem Jung und Alt ausgelassen feierten.

So endete die Proklamation des ersten Süchtelner Dreigestirns mit einem Gefühl von Aufbruch, Zusammenhalt und Stolz. Der Festausschuss Süchtelner Karneval hat mit dieser Premiere ein Zeichen gesetzt: Der Karneval lebt, er entwickelt sich weiter – und bleibt dabei doch tief verwurzelt im Herzen seiner Stadt. Wenn die Jecken nun in die neue Session starten, klingt ein Ruf noch lange nach: Dreemol Soetelsche Muure-Soat! (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming