Parkplätze sind gewöhnlich Orte der Ordnung. Weiße Linien, strenge Regeln, klare Symbole: Hier darf man stehen, dort nicht. Doch noch bis zum 23. August 2025 verwandeln sich einige dieser alltäglichen Flächen im Viersener Stadtgebiet in Bühnen der Fantasie.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Viersen – Verantwortlich dafür ist die Berliner Künstlerin Käthe Wenzel, die im Rahmen des Projekts „Stadtbesetzung“ des Kultursekretariates NRW Gütersloh mit ihrer Aktion „Pikto-Parkplatz“ die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes auf den Kopf stellt.

Auf dem Parkplatz an der Gartenstraße und am Stadthaus (Zufahrt Goetersstraße) warten keine Autos, sondern Visionen: Wenzel besetzt die Stellflächen mit ihren eigenwilligen Figuren, die den strengen Ton des Schilderwaldes humorvoll unterwandern. Es sind Wesen, die aussehen, als seien sie Piktogrammen entsprungen – vertraut und fremd zugleich. Doch anstelle von klaren Anweisungen eröffnen sie Möglichkeiten: Dürfen hier künftig nur noch hybride Mischwesen parken? Muss man beim Skateboarden tatsächlich eine Gasmaske tragen?
Ihre Werke wirken zunächst irritierend. Wer an den überdimensionalen Flaggen vorbeigeht, die Wenzels Piktogramme im Großformat zeigen, bleibt unweigerlich stehen. Ein Augenblick der Verunsicherung entsteht – und genau dieser Moment ist beabsichtigt. Denn Wenzel geht es um die Frage, wie wir mit Zeichen, Symbolen und den starren Regeln unserer Städte umgehen. Ihre Arbeiten sind Einladungen, über das vermeintlich Selbstverständliche neu nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.
Die Künstlerin selbst spricht gern von der „Unterwanderung des Gewohnten“. Ob Schilder, Bezeichnungen oder öffentliche Systeme – Wenzel greift vorhandene Strukturen auf, verfremdet sie und schafft dadurch Zwischenräume für Utopien. „Wo geht realer in gedachten Raum über?“, fragte sie bereits 2015 bei ihrem ersten Aufenthalt in Viersen, als sie mit Stickern im Stadtraum kleine Paralleluniversen eröffnete. Diese Frage klingt auch in ihrer aktuellen Arbeit nach.
Geboren 1972 in Aachen, studierte Käthe Wenzel in Marburg, Florenz und Berlin. Früh beschäftigte sie sich mit Grenzbereichen zwischen Kunst, Medizin und alternativen Gesellschaftsentwürfen. Internationale Ausstellungen führten sie nach New York, wo sie als Fulbright Exchange Scholar an der School of Visual Arts lehrte und das „Cartoonorama-Projekt“ entwickelte. Seit 2016 ist sie Professorin für Ästhetische Praxis an der Europa-Universität Flensburg.

Ihre Kunst versteht sie als dystopische und utopische Fußnote zum Weltgeschehen. Sie zielt auf Teilhabe, Kommunikation und den Bruch mit dem Gewohnten – sei es durch Interviews, Zeichnungen, mechanische Experimente oder Street Art. Ihre Arbeiten finden sich in bedeutenden Museen wie dem Deutschen Technikmuseum Berlin oder dem Mittelrheinmuseum Koblenz.
Mit der Aktion „Pikto-Parkplatz“ wird Viersen in diesen Tagen zum Experimentierfeld. Gerade die alltäglichen Orte, an denen niemand Kunst vermutet, verwandelt Wenzel in Plattformen für neue Gedanken. Dass sie dafür Parkplätze nutzt – Symbole der Mobilität und des Anspruchs auf Raum – ist kein Zufall. Hier, wo sonst Regeln unmissverständlich gelten, öffnet sie Türen in andere Zukünfte.
„Die Figuren spielen mit Humor und Fantasie – aber zugleich stellen sie ernste Fragen nach den gesellschaftlichen Regeln, die wir oft unhinterfragt akzeptieren“, sagt eine Besucherin am Stadthaus. Andere kommen ins Gespräch, diskutieren, lachen, fotografieren. Die irritierenden Piktogramme haben ihr Ziel erreicht: Sie bringen Menschen zusammen und lassen sie ihre Stadt mit anderen Augen sehen.
Ob die Zukunft tatsächlich von freundlichen Hybriden bevölkert ist oder ob das Skateboardfahren mit Gasmaske Pflicht wird, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Noch bis zum 23. August 2025 hält Käthe Wenzel den Spiegel der Fantasie in den Viersener Stadtraum. Und wer sich auf ihre Zeichen einlässt, merkt schnell: Ein Parkplatz kann weit mehr sein als ein Abstellort – er kann zum Ausgangspunkt für neue Welten werden. (cs)





