Wer heute durch das imposante Hauptportal der Kirche St. Peter schreitet, betritt mehr als nur einen sakralen Raum. Es ist eine Welt aus Geschichte, Geist und Gestaltung – ein spirituelles und architektonisches Gesamtkunstwerk, das im Herzen von Viersen seit über 130 Jahren seine Besucher in ehrfürchtiges Staunen versetzt.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler
Stadtgeschichte/Viersen – Doch der Weg bis zur Weihe dieser neugotischen Basilika war ein steiniger. Ende des 19. Jahrhunderts, als die Bevölkerung in der Viersener Region stark wuchs, regte sich in der Sektion Bockert der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus. Der Bockerter Kirchbauverein wurde 1868 ins Leben gerufen, doch der Widerstand aus der benachbarten Sektion Hoser verzögerte den Fortschritt. Erst nach intensiven Bemühungen konnte am 28. April 1890 der erste Spatenstich gesetzt werden – ein Meilenstein, der den Grundstein für eine neue geistliche Heimat legte.

Entworfen vom Aachener Baumeister van Kann, erhebt sich die dreischiffige Basilika mit Westturm, Querschiff und Chor als beeindruckendes Beispiel neugotischer Sakralarchitektur. Spitzbogenkreuzgewölbe, getragen von vier edlen Marmorsäulen und sechs massiven gemauerten Pfeilern, strukturieren den Raum in eindrucksvoller Klarheit. Sandsteinlisenen mit floralen Kapitellen teilen die verputzten Decken in rhythmische Gewölbefelder.
Der Boden, ursprünglich aus fein gemusterten Steinfliesen, wurde bei der Umgestaltung 1998 durch schlichte graue Gehwegplatten ersetzt – ein bewusster Schritt zur harmonischen Neugliederung. Reste des ursprünglichen Belags lassen sich jedoch noch im Eingangsbereich des Turmes und der heutigen Taufkapelle entdecken – stille Zeugen einer vergangenen Epoche.

Nach der Einweihung durch Erzbischof Klementz am 19. November 1891 folgte 1894 die Erhebung zur Pfarrei. Pfarrer Dr. Lorenz Richen prägte mit Engagement und Weitsicht die frühe Blütezeit der Kirche. Dank zahlreicher Spenden konnten Glocken, Orgel und Altäre angeschafft werden. Der Josefs- und Marienaltar von 1909 sind heute nur noch in ihren figürlichen Hauptwerken erhalten: die „Thronende Madonna mit Kind“ sowie „Josef als Schreiner“ zieren restauriert das Querschiff der Kirche.
1935 brachte eine umfassende Renovierung. Der Düsseldorfer Kirchenmaler Weber gestaltete die Gewölbedecken neu und schuf die heute noch erhaltenen Kreuzwegfresken. Die Bonner Klais-Orgel wurde durch die Firma Fabritius modernisiert – ein Klangkörper, der bis heute die liturgischen Feiern bereichert.
1956 läutete die Zeit des Wandels ein: Hochaltar, Seitenaltäre und Kanzel wurden entfernt, der Altarraum nach Plänen von Hans-Ludwig Carmanns neu gestaltet. Der Taufstein erhielt seine heutige Form, der neue Tabernakel aus belgischem Granit steht nun schlicht und erhaben links vom Altarraum.

Im Geiste der Liturgiereform wurde 1966 der Altarbereich nochmals neu geordnet. Die Kirche öffnete sich dem Licht, dem Wort, der Gemeinde. In den 1970er Jahren folgten weitere Renovierungsmaßnahmen.
Ein entscheidender Wendepunkt kam mit der tiefgreifenden Umgestaltung unter Architekt Gregor Dewey (1998–1999). Ziel war die liturgische Erneuerung und architektonische Harmonisierung bei schmalem Budget. Das Ergebnis ist ein lichtdurchfluteter, kontemplativer Raum, der historische Substanz mit modernem Minimalismus vereint.
Der neugestaltete Altarbereich bildet das Herzstück der Kirche: eine zweistufige Podestfläche aus Muschelkalk, darauf ein schlichter Altarblock – klar, kraftvoll, konzentriert. Der Taufstein, nun im geräumigen Turmraum, erlaubt intime Feierlichkeiten im sakralen Kontext.
Eiche, Stahl, Glas, Beton – unter der Maßgabe sakraler Zurückhaltung fügen sich Materialität und Form in den ehrwürdigen Raum ein. Die neue Scholz-Orgel (2000), eingebettet in eine neugestaltete Empore mit Entwurf von Prof. Hans Döhmen, verbindet akustische Qualität mit architektonischer Eleganz.
Ein weiterer Meilenstein war 2010 die Erneuerung der Fenster in den Seitenschiffen. Dank Spenden und einer Stiftung wurde die brüchige Verglasung durch neue Fenster nach dem Konzept des Künstlers Jürgen Drewer ersetzt. Ihre meditative Farbigkeit mildert das Sonnenlicht und schafft eine stille, fast mystische Atmosphäre im Kirchenraum. Ein in die Fenster integriertes Textfragment aus dem 1. Petrusbrief – „Lasst euch aus lebendigen Steinen zu einem geistigen Haus aufbauen“ – ist nicht vollständig lesbar, lädt jedoch zur stillen Meditation ein.

Heute ist St. Peter nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch ein lebendiges Zentrum des Gemeindelebens innerhalb der Pfarrei St. Remigius. Ob Kindermessen, Konzerte oder Bildungsangebote – der Kirchenraum mit seinen mobilen Sitzmöglichkeiten im Querschiff ist flexibel nutzbar und bleibt dennoch stets würdevoll.
Die „Weihwasserstele“ (2007) und der „Lebensbaum“ im Altarraum, ein Werk des Künstlers Hermann-Josef Gotzen, ergänzen die Ausstattung. Das Altarkreuz von Anatol Herzfeld (2001) – als Leihgabe von Pastor Donie – bildet das spirituelle Zentrum des Raumes. St. Peter ist ein Ort der Wandlung, ein Ort des Erinnerns und der Erneuerung – gebaut aus lebendigen Steinen, getragen von lebendigem Glauben. (sk)




