Ein Gebäude erzählt Geschichte: Die Kirche St. Joseph als Spiegel einer sich wandelnden Bestattungskultur und als Denkmal rheinischer Baukunst.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler
Stadtgeschichte – Inmitten des Viersener Ortsteils Rintgen erhebt sich ein Bauwerk, das mehr ist als nur eine Kirche. Es ist ein steinerner Chronist der Zeit – durchwirkt von geistlichem Leben, architektonischer Bedeutung und einer beeindruckenden Wandlung vom liturgischen Zentrum zur Stätte der letzten Ruhe. Die Kirche St. Joseph in Viersen hat einen bemerkenswerten Weg hinter sich – einen Weg, der 1879 mit einer großzügigen Spende und dem Wunsch nach einer eigenen Kirche für die wachsende Gemeinde begann und heute als Grabeskirche ein sensibles Zeichen für die Veränderung unserer Abschiedskultur setzt.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1879, als Oberpfarrer Franz Josef Schroeteler von der Pfarrgemeinde St. Remigius zu seinem 50-jährigen Priesterjubiläum 6.000 Mark erhält – ein für damalige Verhältnisse beachtlicher Betrag. Dieses Geschenk war zweckgebunden: Es sollte den Bau einer neuen Kirche im Ortsteil Rintgen ermöglichen. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. 1882 formierte sich ein Bauverein, getragen vom Engagement der Geistlichkeit und tatkräftiger Bürger. Die Vision nahm Form an – zunächst in Plänen und Statuten, dann bald auch in Mauerwerk und Ziegeln.
Am 19. März 1889 erfolgte der erste Spatenstich, am 16. Juni desselben Jahres zog eine endlose Prozession feierlich zur Grundsteinlegung. Zwei Jahre später, am 17. November 1891, wurde das Gotteshaus durch den Kölner Erzbischof, Dr. Philipp Kardinal Krementz, feierlich geweiht. Architekt des neuromanischen Baus war Joseph Kleesattel, dessen Handschrift viele Kirchen am Niederrhein prägt. Die Pfarrkirche St. Joseph wurde bald zum geistlichen Mittelpunkt der Gemeinde. 1895 wurde das Rektorat zur eigenständigen Pfarre erhoben, Heinrich Körfer wurde erster Pfarrer.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist geprägt von Höhen und Tiefen. Neue Glocken erklangen – und wurden in den Weltkriegen wieder eingeschmolzen. Blitzeinschläge führten zu verheerenden Dachbränden, die Innenausstattung veränderte sich im Zuge notwendiger Renovierungen. Mit viel Engagement wurde 1928 das Priesterchor erhöht, Seitenaltäre und ein Altarbild ergänzt, Orgeln gewechselt und Seitenkapellen errichtet. Nach 1945 erhielt die Kirche ein neues Dach, neue Glocken – und im Laufe der Jahrzehnte ein sich stets wandelndes Innenleben.
Jede Epoche schrieb ihre Spuren in das Mauerwerk der Kirche. Die Architektur passte sich immer wieder den liturgischen und praktischen Erfordernissen an – ohne jedoch ihren Charakter zu verlieren.

Die letzte große Wandlung in der langen Geschichte der Kirche St. Joseph steht exemplarisch für den gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Tod und Erinnerung. Die traditionelle Erdbestattung mit Sarg weicht zunehmend der Urnenbestattung – und mit ihr ändert sich auch die Art und Weise, wie Menschen trauern und gedenken möchten. Die klassische Friedhofsatmosphäre verliert für viele an Anziehungskraft. Hier setzt das Konzept der Grabeskirche an: ein geschützter, sakraler Raum, der Trauer, Erinnerung und liturgisches Gedenken vereint.

Im Jahr 2012 wurde St. Joseph offiziell zur Grabeskirche. Es folgten umfangreiche Umbauten – mit großer Sorgfalt für den denkmalgeschützten Bestand. Der Innenraum wurde neu zoniert: Ein separierter Bereich mit Urnenwänden bildet nun den eigentlichen Friedhof, während im Altarraum weiterhin Gottesdienste, Konzerte und Gedenkveranstaltungen stattfinden. Die Grabeskirche schafft einen Ort des Trostes, der Ruhe und der Würde – auch für jene, die sich ein modernes, alternatives Umfeld für ihre letzte Ruhestätte wünschen.
Am 23. Februar 2000 wurde St. Joseph in die Denkmalliste der Stadt Viersen eingetragen. In der offiziellen Beschreibung heißt es, dass die Kirche das Stadtbild auf markante Weise präge und noch heute über weite Teile ihrer originalen Ausstattung verfüge. Besonders hervorgehoben wird die Orgel als seltenes Exemplar ihrer Zeit sowie die reich gestalteten Fenster, die biblische Motive in farbgewaltiger Glasmalerei präsentieren.

Was einst mit einer Jubiläumsspende begann, hat sich über die Jahrzehnte hinweg zu einem festen Bestandteil des Viersener Kulturerbes entwickelt – nicht nur als architektonisches Zeugnis der Vergangenheit, sondern als aktiver Ort der Gegenwart und Zukunft. Die Kirche St. Joseph ist heute mehr denn je ein Raum für die großen Momente des Lebens: für das Gedenken, das Gebet, die Musik – und den Abschied. (sk)





