Tulpensonntag in Rintgen – Ein Veedel im Karnevalsfieber

Es begann nicht mit dem ersten Wagen. Es begann mit einem Geräusch. Mit diesem ganz eigenen, kaum erklärbaren Knistern in der Luft, das nur der Fastelovend kennt. Türen standen offen, Fenster waren geschmückt, Stimmen hallten durch die Straßen, irgendwo klirrte eine Flasche, irgendwo lachte jemand zu laut – und dann war klar: Heute ist Rintgen nicht einfach ein Stadtteil von Alt-Viersen. Heute ist Rintgen Bühne, Wohnzimmer, Tanzfläche und Geschichtsbuch zugleich.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Viersche – Gestern Morgen, am Tulpensonntag, erwachte Rintgen im Klang von Musik und Helau-Rufen, als sich der Rintger Veedelszoch in Bewegung setzte und als erster närrischer Lindwurm der gesamten Stadt durch das Veedel zog. Fünzehn Einheiten mitsamt Feuerwehr hatten sich angemeldet. Klein, aber ganz besonders fein. Noch bevor anderswo die großen Züge Form annahmen, zog sich hier bereits eine bunte, lebendige Spur durch das Viertel. Brr, was war es kalt, egal … das Kostüm wurde mit der Zwiebelmethode angezogen und noch eine Schicht passt immer.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Pünktlich hatte sich der Veedelszoch in Bewegung gesetzt, begleitet von zahlreichen Jecken am Straßenrand, die kostümiert, gut gelaunt und bei bester Stimmung den Auftakt des Straßenkarnevals feierten. Bereits zuvor hatten die DJs Chris und Budda mit einem stimmungsvollen Warm-up auf der wiederbelebten Karnevalsbühne an der „Großen Bruchstraße“ für ausgelassene Atmosphäre gesorgt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Erstmals seit acht Jahren war die große Karnevalsbühne zurück an ihrem traditionsreichen Standort im Rintgen. Bis vor acht Jahren hatte sie dort als zentraler Treffpunkt für alle Karnevalisten gedient und die „Große Bruchstraße“ zu einem der Hotspots des Viersener Straßenkarnevals gemacht. Mit der Wiederbelebung dieser Tradition hatten die Rintger Karnevalsfreunde ihr Sessionsmotto „alte Traditionen mit frischen Ideen“ eindrucksvoll umgesetzt und das Veedel erneut in eine große Partyzone verwandelt.

Die Vorbereitungen waren in den vergangenen Wochen auf Hochtouren gelaufen. In enger Abstimmung hatten sich die Verantwortlichen der Rintger Karnevalsfreunde gemeinsam mit DJ Chris (Christian Leyers), DJ Budda (Christoph Jinkertz) sowie den Vorstandsmitgliedern Stefanie Strumpen und Johanna Nawrocki zu einem Ortstermin getroffen, um die Details für das närrische Spektakel zu planen. Das Ergebnis konnte sich sehen und hören lassen: Mit einer Mischung aus „kölschen Tön“, Partyklassikern und mitreißender Moderation sorgten die beiden überregional bekannten DJs für beste Stimmung auf und vor der Bühne.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Auch nach dem Veedelszoch blieb die „Große Bruchstraße“ Anlaufstelle für zahlreiche Jecke, denn später zog der große Tulpensonntagszug ebenfalls an der Bühne vorbei. So verband sich das lokale Brauchtum des Rintger Veedelszochs mit dem großen Finale der Alt-Viersener Karnevalisten zu einem stimmungsvollen Gesamtbild.

Der Rintger Veedelszoch gehört zu den letzten seiner Art: ein echter Schull- und Veedelszoch, verwurzelt, eigenständig, unbeirrt. Während viele kleine Umzüge im Rheinland längst in große, zentrale Paraden aufgegangen sind, hält Rintgen fest – an seinem Rhythmus, seinen Wegen, seinen Menschen. Und genau das war an diesem Sonntag mit jedem Schritt, jedem Wurf Kamelle, jedem Tusch spürbar. Es war dieses selbstverständliche Miteinander, das den Ton angab. Kein anonymer Zuschauerraum, sondern ein Viertel, das sich selbst feierte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Zwischen den Gruppen, Fußtrupps und liebevoll gestalteten Wagen lag Geschichte – nicht als Staubschicht, sondern als lebendige Erinnerung. Denn Karneval wird in Rintgen nicht erst seit gestern gedacht. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts sorgten Viersener Jecken für närrische Schlagzeilen, als um 1906 der legendäre „Krieg zwischen Noppdorf und Oberrahser“ tobte – ein karnevalistisches Kräftemessen, das heute noch Stoff für Anekdoten liefert.

Die Wurzeln des heutigen Zochs reichen jedoch tiefer ins Viertel selbst. 1953, lange bevor Wagenbauhallen und Sicherheitskonzepte zum Karneval gehörten, begann alles mit einer Goldhochzeit. Nachbarn der Rintgerstraße schmückten gemeinsam, feierten gemeinsam, rückten näher zusammen. Aus dieser Gemeinschaft entstand die „Nachbarschaft Rintgerstraße“, angeführt von Fritz Nyssen, Friseur und erster „Bürgermeister“ des Viertels. Treffpunkt war die Gaststätte Kamps Franz – ein Ort, an dem geplant, diskutiert, gelacht und entschieden wurde. Im Sommer marschierte man bei den Umzügen der St. Georg Schützenbruderschaft mit, im Winter wuchs die Idee weiter.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Weil es draußen ruhiger wurde, wurde es im Kopf lauter. Warum nicht etwas Eigenes auf die Beine stellen? Warum nicht Karneval im eigenen Viertel, nach eigenen Regeln? So wurden die Rintger Karnevalsfreunde geboren – mit dem festen Ziel, einen eigenen Zug durch Rintgen zu schicken. Wagen wurden geplant, Aufgaben verteilt, Ideen geboren. Alles nahbar, alles gemeinsam.

Der erste „kleine Zoch“ setzte sich an Tulpensonntag in Bewegung, startete an der Gaststätte Eisheuer, zog über Große Bruchstraße, Königsallee und Poststraße – und manchmal, wenn Wetter und Laune es hergaben, gleich zweimal. Die Nachbarschaft spannte Wäscheleinen über die Straße, Hemden, Laken und Schürzen flatterten über den Köpfen der Jecken. Rintgen war nicht Kulisse, Rintgen war Teil des Spiels.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Diese Haltung hat sich bis heute gehalten. Auch beim diesjährigen Zug zeigte sich: Große Prunkwagen hätten hier keinen Platz – und niemand vermisst sie. Die engen Straßen verlangen Nähe, Blickkontakt, Zurufe. Alles ist auf Augenhöhe. Musik prallt nicht von Hauswänden ab, sie tanzt zwischen ihnen. Helau-Rufe rollen wie Wellen durchs Veedel.

Die Rintger Karnevalsfreunde 1953 e. V. tragen diese Tradition weiter – nicht als Pflicht, sondern als Herzenssache. Mit Organisationstalent, Improvisation und unerschütterlicher Liebe zum Brauchtum verwandeln sie Jahr für Jahr das Viertel in eine Hochburg der guten Laune. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming