Es kommt immer häufiger vor, dass Menschen ihren Hund als Familienersatz, Freund oder sogar als „Lebenspartner“ betrachten.
Grundsätzlich ist dagegen auch nichts einzuwenden.
Magazin/Viersen – Solange der Hund als das verstanden und behandelt wird, was er ist – ein Hund – kann aus dieser Beziehung etwas ganz Besonderes entstehen.
Wer meine Rajah kannte, weiß, dass ich sie immer als meine Freundin bezeichnet habe. Sie war stets ganz nah bei mir, und gerade zum Schluss haben wir uns bedingungslos geliebt.
Dieser Hund hat mich durch die dunkelsten Zeiten meines Lebens begleitet – geduldig, verständnisvoll und ohne je zu fordern. Sie hat es ausgehalten, wenn es mir schlecht ging, und war nachsichtig, wenn ich wenig Zeit für sie hatte.
Sie war einfach immer da.
Und jetzt könnt ihr euch sicher denken – zumindest die, die mich kennen – dass das Ganze ein „Aber“ hat.
Ich habe Rajah damals mit neun Wochen ziemlich spontan aus dem Harz geholt.
Natürlich kannte ich Hütehunde – dachte ich zumindest.
Ich hatte mich bis dahin nie wirklich mit den Unterschieden zwischen den einzelnen Hütehundrassen beschäftigt. „Koppelgebrauchshund“, „Hütehund“, „Treibhund“ – das ist doch alles ähnlich, oder?
So dachte ich.
Und dann begann mein langer, oft harter Weg mit einem Hund, der dafür gezüchtet wurde, selbstständig zu arbeiten.
Nicht irgendwo – sondern mit Rindern.
Ein Hund, der in Australien in den Outbacks 1000-kg-Bullen davon überzeugen muss, sich zu bewegen, wenn er das will.
Und genau diesem Hund sollte ich nun erklären, dass es nicht in Ordnung ist, Joggern in die Beine zu zwicken.
Dass ich meinem Pferd sehr wohl selbst sagen kann, wann es schneller gehen soll.
Und dass ich ruhig ein bisschen länger brauchen darf, um meine Laufsachen anzuziehen – ohne deswegen gezwickt zu werden.
Das war eine echte Herausforderung.
Ähnlich anspruchsvoll war es bei meinem Hollandse Herder, der es nicht dulden wollte, dass jemand unser Grundstück betrat, wenn wir nicht dabei waren.
Oder bei meiner Altdeutschen Hütehündin, die in der Pubertät zur echten – und manchmal nicht ungefährlichen – Baustelle wurde.
Warum ich das erzähle?
Was hat das mit dem Thema zu tun?
Ganz einfach:
Habe ich einen menschlichen Freund, ist er für sein Verhalten verantwortlich.
Ich kann ihm Ratschläge geben oder sagen, was ich nicht gut finde – aber am Ende trifft er seine eigenen Entscheidungen.
Verhält sich mein Hund daneben, bin ich allein dafür verantwortlich.
Und ich muss die Konsequenzen tragen.
Was passiert, wenn ich es versäume, ihn zu erziehen – und er verursacht einen Unfall, bei dem Menschen verletzt oder gar getötet werden?
Dann ist es wenig hilfreich, sich darauf rauszureden, dass der Hund halt immer machen durfte, was er wollte.
Und was bleibt dann?
Entweder lebt der Hund künftig dauerhaft an der Leine, weil der Halter nicht in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen – was für mich keine Option wäre.
Oder man gefährdet täglich seine Umwelt – was noch weniger akzeptabel ist.
Da stellt sich mir die Frage:
Warum haben so viele Menschen scheinbar die Fähigkeit verloren, einen Hund klar zu führen?
Auch in der Erziehung unserer Kinder gehört es schließlich dazu, Grenzen zu setzen und manchmal auch Dinge einzufordern, die dem Kind gerade nicht gefallen.
Wer macht schon gern Hausaufgaben?
Wer hilft schon mit Begeisterung im Haushalt?
Manchmal braucht es eben liebevollen, konsequenten Druck – und die Fähigkeit, den auch auszuhalten.
Wer seinen Hund wirklich artgerecht und fair erziehen will, sollte sich an den Methoden orientieren, die Hunde auch untereinander anwenden.
Und siehe da:
Man bekommt einen entspannten Hund, der seine Grenzen kennt und sich sicher fühlt.
Das erleben wir jeden Tag in unserer Arbeit mit den Hunden und ihren Menschen.
Und wir sehen auch immer wieder den Unterschied, den eine klare Führung macht.
Und – um es mal auf den Punkt zu bringen:
Wir Menschen haben den Wolf domestiziert.
Seit über 15.000 Jahren wollten wir einen Begleiter an unserer Seite, der unsere Führung annimmt und nicht ständig eigenständig Entscheidungen trifft.
Wir sind es unseren Hunden schuldig, sie freundlich, aber klar und konsequent zu führen.
Wenn uns das gelingt, werden wir genau der Partner, den unser Hund sich wünscht – und nicht nur das, was wir gerne hätten.
Nach all den Jahren, die ich nun meine kleine Hundeschule führe, weiß ich:
Es ist nicht nur egoistisch, sondern auch unmenschlich, sich nicht auf die Bedürfnisse des Hundes einzulassen – nur um seine eigenen Vorstellungen zu leben.
Sie sind Hunde.
Und sie wollen es auch bleiben.
Herzliche Grüße
Eure Andrea
Andrea Ciplajevs, Gründerin und Inhaberin von ‚Mensch & Hund Schulze‘, wurde 1967 im Eifelstädtchen Monschau geboren. Heute lebt sie in Viersen. Ihre Hundeschule ‚Mensch & Hund‘ gründete sie Ende 2003 in Mönchengladbach-Rasseln – nur wenige Minuten hinter Viersen-Bockert. (opm)





