Literarisches: Latein „befriedigend“

„Gallia est omnis divisa in partes tres.“ „Gallien ist insgesamt in drei Teile aufgeteilt.“ Jan weiß nicht, warum ihn das interessieren soll.
Von Peter Josef Dickers 

Literarisches – Ich versuche bei ihm Ansätze eines Interesses an Cäsars Eroberung Galliens zu wecken, verschweige aber, dass der Pädagoge Johann Bernhard Basedow die alten Sprachen zu Plagegeistern der Jugend erklärte. Meine Geduld mit Jan ist unerschöpflich, Jans Desinteresse ebenso. „Ich kann gehen“, schlage ich vor. „Von mir aus können Sie bleiben.“ Wie lange ich bleiben wolle, möchte er wissen. „Von mir aus können wir aufhören“, gebe ich zurück. „Haben Sie keine Lust?“ Ich bleibe.

Jan hat Latein als Fremdsprache gewählt, weil er Lehrer werden wollte. Daran will er nicht mehr erinnert werden. „Schule“ und „Lehrer“ stehen an der Spitze seiner nach oben offenen Unbeliebtheitsskala. „Sie sind kein richtiger Lehrer“, nimmt er mich in Schutz. Seitdem ich ihm gestand, dass ich mit dem Notendurchschnitt meines Abiturzeugnisses keine Chance hätte, den „numerus clausus“ zu schaffen, bin ich in seiner Achtung gestiegen.
„Warum machen Sie das?“ „Was?“ „Das mit mir.“ Jan scheint meine Frustrationstoleranz zu testen. Diese Seite an ihm kenne ich noch nicht. „Ich an Ihrer Stelle hätte längst Schluss gemacht.“ Ich überhöre das. „Wenn ich das Latinum schaffe, haben Sie einen Orden verdient.“ Er scheint nicht die Hoffnung aufgegeben zu haben, dass es nach diversen Niederlagen einen Sieg für ihn geben könne. Cäsar sei Dank. Im Zeugnis steht hinter „Latein“ das Wort „befriedigend“.

Ich bin kein Nachhilfe-Institut, das in Kurzzeitpflege korrigiert, was im Langzeitmodus nicht gelang. An Jan würden sich Institute aller Art die Zähne ausbeißen. Ich könnte ihn nicht bewegen, das Latein-Buch mit nach Mallorca zu nehmen oder sich während der Ferien Cäsars Gallischen Krieg anzupauken. Jan reagiert nicht auf Kommando-Pädagogik. Ich versuche es mit Gesprächspädagogik. Die ist mühsam und zeitaufwendig.
Nachhilfe ist gefragt, auch als Lebenshilfe. Es gibt dafür aber keinen Orden. (opm)

Foto: Privat

Aus: Aus: P. J. Dickers. Ein bisschen Sehnsucht (vergriffen)

Foto: Winkler

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.