Parfum, Pauken und Prinzenjubel – Wie Viersen 1990 im Duft des Karnevals versank

Es begann nicht mit einer Fanfare, sondern mit einem Satz, der viel zu spät in der Nacht fiel, irgendwo zwischen Geburtstagskuchen, Politikergesprächen und karnevalistischem Überschwang. Und endete Monate später in einer tobenden Festhalle, in der der Jubel noch draußen auf der Straße zu hören war, während Orchideen eingeflogen wurden, Parfum durch die Luft zog und Alt-Viersen seinen Karneval feierte.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Vierscher Stadtgeschichte – Das Jahr 1990 gehörte Leo I. (Dillikrath) und Maria I. – dem duftenden Jubelprinzenpaar der Narrenherrlichkeit Viersen. Ihr Motto: „Wir feiern Feste“. Und genau das tat die Stadt. Mit Hingabe, Lautstärke, Herz und Humor.

Foto: Privat/Leo Dillikrath

Der Weg auf den närrischen Thron begann beiläufig und wurde doch schicksalhaft. Zum 40. Geburtstag hatte Leo Dillikrath rund 150 Gäste ins traditionsreiche Haus Kaiserbad geladen – ein Ort, der einst für Noblesse stand und an diesem Abend zum Schmelztiegel der Viersener Stadtgesellschaft wurde. Karnevalisten, Politiker, Unternehmer – alle waren da, alle feierten, und als es weit nach Mitternacht wurde, fiel bei einem Gespräch jener Satz, der alles verändern sollte: Jetzt nur noch Prinz werden, dann ist es vollbracht. Gelacht wurde, abgewunken auch. Doch Karneval vergisst nichts.

Wochen später, im Juni, klingelte das Telefon. Maria rief an, Leo Dillikrath war auf einem Symposium, der Kopf voller Verhandlungen und Fachgespräche. Er möge doch, wenn es irgendwie gehe, noch ins Muschelhaus Töpp kommen. Wer dort warte, wisse sie selbst nicht. Es wurde spät, sehr spät, als er die Tür öffnete – und dann erklang plötzlich dieses Lied, das jeder Karnevalist kennt und das man nie zufällig hört: „Einmal Prinz zu sein…“. Sprachlosigkeit. Ungläubiges Lachen. Und ein Moment, der alles neu ordnete.

Foto: Privat/Leo Dillikrath

Zu Hause schlief Maria bereits. Es war nach Mitternacht, als sie wach wurde und fragte, ob er bei Töpp gewesen sei. „Ja, Prinzessin“, antwortete er. Und dann sagte er den Satz, der einschlug wie ein Paukenschlag: Du bist jetzt meine Prinzessin. Der Schock saß tief. Keine Bühne, hatte sie gesagt. Zwei Wochen Funkstille folgten, ein Haus voller Spannung. Erst mit dem Eintreffen von Kanzler Leo Tack begann die vorsichtige Annäherung an das Unvermeidliche. Die Vorarbeiten starteten, der Frieden kehrte zurück – und bei der offiziellen Vorstellung durch Bürgermeisterin Maria Hammes wuchs aus Skepsis Zuversicht. Viersen hatte sein Prinzenpaar.

Was dann folgte, war Karneval mit Präzision und Leidenschaft. Eine Proklamation, die als professionell und überwältigend in Erinnerung blieb. Vorher wurden alle Ex-Prinzenpaare zum gemeinsamen Essen eingeladen – kein Pflichttermin, sondern ein bewusstes Zusammenführen, das Nähe schuf und das närrische Umfeld familiär machte. Kostüme entstanden in der Schneiderei, mit mehreren Anproben, viel Geduld und großer Liebe zum Detail. Der Orden: Buchseiten mit Spiegel. Beim Aufklappen die Botschaft: „Ein jeder Narr erkennt sich“. Karneval als Selbstreflexion – und als Lachen über sich selbst.

Foto: Privat/Leo Dillikrath

Begleitet wurde das Prinzenpaar von Familie und Freunden. Die Geschwister und Schwäger waren Teil des Gefolges, am Steuer der Kutsche saß Wilfried Terstappen, Karnevalist aus Überzeugung und Freund aus dem engsten Kreis. Finanzminister wurde Kurt Magolei von den Blau Wette Jonges, jenem
Verein, dem Leo seit Jahren verbunden war – erst als Mitglied, später als Ehrensenator. Kanzler war Leo Tack, Präsident Günter Weinforth. Ein Team, das funktionierte.

Und Prinzessin Maria I.? Sie war schneller auf der Bühne als der Prinz selbst. Während Leo sich im Gehen noch ankleidete, hatte seine Prinzessin längst den Saal erobert. Die Prinzengarde stand bereit, die Abläufe griffen ineinander, und überall lag dieses Gefühl: Das passt.
Die Blau Wette Jonges setzten dem Ganzen die Krone auf. Über Nacht errichteten sie vor der Villa des Prinzenpaares eine monumentale Burgeneinfahrt – ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit, nicht zu übersehen, nicht zu übertreffen. Viersen sah: Hier steht einer der Ihren.
Der Abend der Proklamation wurde zum Rausch. Für Maria ließ Leo eigens Orchideen einfliegen. Als erster „duftender Jubelprinz“ verteilte er keine klassischen Orden allein, sondern Kosmetika – und jede Frau in der Festhalle erhielt eine Flasche Parfum aus den USA. Ein Duft, der sich mit Konfetti, Musik und Emotionen mischte. Der Einmarsch dauerte fast 45 Minuten. Als Leo von der Bürgermeisterin den goldenen Rathausschlüssel erhielt, tobte der Saal.

Foto: Privat/Leo Dillikrath

Das elf Punkte umfassende Programm folgte – politisch, satirisch, karnevalistisch. Punkt Elf ließ die Halle explodieren: die augenzwinkernde Vision, Kaiserstraße und Marienheim abzureißen, Gras zu säen und dem Friedhofsamt zu übergeben, damit sieben Anwohner endlich ihre Ruhe hätten. Die gedachte Gedenktafel: „Hier hat der Karneval ins Gras gebissen.“ Standing Ovations, minutenlang.

Auch der erste Frühschoppen war ein voller Erfolg. Bereits kurz nach 11 Uhr waren das Ordnungsamt und die Polizei vor Ort, da der Andrang enorm war. Sowohl im Saal als auch auf den Gängen konnte man sich nur noch mühsam durchdrücken, weitere Besucher durften nicht mehr eingelassen werden. Es herrschte eine ausgelassene, jubelnde Stimmung – ein wahrer Rausch, bei dem alle dabei sein wollten.

Was kam, war ein Marathon der Freude. Über 100 Einmärsche führten das Prinzenpaar durch Säle, Krankenhäuser, Kirchen, Altenheime. Besonders die Kindergärten blieben unvergessen – funkelnde Augen, kleine Kostüme, ehrliche Begeisterung. Nach dem Saalkarneval begann der Straßenkarneval: Kneipenbesuche, Einkaufstage des Prinzenpaares, Vereinsfeste, private Einladungen. In Süchteln und Dülken wurde gemeinsam gefeiert, Freundschaften gepflegt. Der Sturm, der den Blumenwagen von Prinz Heinz-Willi Rankers und Prinzessin Beate aus Dülken zerstörte, konnte die Stimmung nicht brechen. Die eigene Kutsche blieb vom Regen verschont – erst mit dem Ende des Zuges setzte er ein. Der Jubel war so groß, dass das Wurfmaterial nicht ausreichte.

Dienstag führte der Weg nach Mönchengladbach, Mittwoch folgten Fischessen und Hoppeditz-Beerdigung. Der Hoppeditz im Schlafwandel, mit Kerze, ein kleines Theaterstück voller Emotionen. Tränen flossen, Gelächter auch. Unvergessliche Stunden, die zeigten, warum Karneval mehr ist als Tradition – er ist ein Zustand. Und manchmal genügt ein einziger Satz in einer späten Nacht, um eine ganze Stadt in Feierlaune zu versetzen. (sk)

Foto: Privat/Leo Dillikrath