Mitten im historischen Zentrum von Cádiz, jener strahlenden Hafenstadt im Süden Andalusiens, öffnet sich ein Platz, der seit Jahrhunderten Zeuge der Geschichte ist: die Plaza de la Candelaria. Umgeben von eleganten Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, gesäumt von Palmen, Orangenbäumen und duftenden Jasminhecken, ist sie heute ein Ort, an dem sich die Seele von Cádiz offenbart – lebendig, frei und tief verwurzelt in ihrer Vergangenheit.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz
Reisen/Magazin – Die Ursprünge dieses Platzes reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Damals stand hier das Kloster der Candelaria, das 1567 errichtet und nach einem Brand 1680 neu aufgebaut wurde. Der Name des Platzes erinnert bis heute an diese religiöse Vergangenheit. Mit dem Abriss des Klosters im Jahr 1873 begann ein neues Kapitel: Der Platz wurde erweitert, umgestaltet und bald zu einem Zentrum bürgerlicher Begegnung. Wo einst Mönche beteten, trafen sich nun Künstler, Intellektuelle und Bürger von Cádiz – ein Wandel, der die Dynamik der Stadt widerspiegelt.

Im späten 19. Jahrhundert diente der Platz zunächst als Standort eines Zirkus und später eines Theaters – Ausdruck jener Zeit, in der Cádiz zum kulturellen Treffpunkt Südspaniens aufstieg. Schließlich wurde die Plaza im Jahr 1884 zu einem offenen Stadtgarten umgestaltet, geschmückt mit Marmorskulpturen, Pflanzen und kunstvollen Laternen.
Das zentrale Monument des Platzes ist heute das imposante Denkmal für Emilio Castelar, geschaffen 1906 vom renommierten Bildhauer Eduardo Barrón. Castelar, einer der herausragendsten Politiker und Redner Spaniens, war eine Schlüsselfigur der Ersten Spanischen Republik. Sein Denkmal, das von symbolischen Figuren umgeben ist, steht für die Ideale von Freiheit, Gerechtigkeit und Bildung – Werte, die auch in der Geschichte von Cádiz tief verwurzelt sind.
Rund um das Denkmal entfaltet sich eine Szene klassischer Schönheit: die Skulpturengruppe „Die vier Jahreszeiten“, ein Meisterwerk aus weißem Marmor, das den Platz in eine kleine Freilichtgalerie verwandelt. Diese Figuren, inspiriert von der römischen Mythologie, spiegeln den ewigen Kreislauf der Natur wider. Flora, Göttin des Frühlings, trägt Blumen und symbolisiert die Wiedergeburt. Ceres, Göttin der Ernte, hält Ähren als Zeichen des Sommers. Der Herbst zeigt sich als junger Mann mit Weintrauben – Sinnbild des Überflusses und der Reife – während der Winter als alter Mann mit Bart und Kapuze die Ruhe und das Ende des Zyklus darstellt.

Die Statuen sind in klassisch-römischen Togen gekleidet und stehen auf schlichten, viereckigen Sockeln, wodurch ihre anmutigen Formen besonders zur Geltung kommen. Nach einer sorgfältigen Restaurierung kehrten sie 2009 auf die Plaza zurück – ein Moment, den die Bewohner von Cádiz mit Stolz und Freude feierten. Ein kleiner Irrtum bei der Aufstellung, der zunächst für Verwirrung sorgte, erwies sich später als unbegründet: Die Skulpturen standen von Anfang an am richtigen Ort.
Heute beginnen Besucher ihren Rundgang meist an der Primavera, der Statue des Frühlings an der Calle Sacramento, und folgen im Uhrzeigersinn Verano, Otoño und Invierno – eine symbolische Reise durch die Jahreszeiten und zugleich durch die Geschichte des Platzes.
Ein weiteres Schmuckstück der Plaza ist der Brunnen aus weißem Marmor, dessen Becken von Fisch- und Löwengesichtern geziert wird. Das leise Plätschern des Wassers mischt sich mit dem Rauschen der Palmen und dem Klang der Stimmen, die über den Platz hallen – eine Melodie, die Cádiz so unverwechselbar macht.
Nicht zu übersehen ist auch das kunstvolle Mosaik, das Punkt 4 der Fermín-Salvochea-Route markiert – einer Route, die dem legendären Bürgermeister von Cádiz gewidmet ist, der sich im 19. Jahrhundert für soziale Gerechtigkeit und die Rechte der Armen einsetzte. Damit verbindet die Plaza de la Candelaria nicht nur Kunst und Architektur, sondern auch das politische und soziale Erbe der Stadt.

Heute ist der Platz einer der beliebtesten Treffpunkte für Einheimische und Besucher gleichermaßen. Morgens duftet es nach frischem Kaffee und gebutterten Magdalenas aus den Cafés unter den Arkaden. Am Nachmittag spenden die Bäume wohltuenden Schatten, während Künstler ihre Staffeleien aufstellen und Musiker leise Melodien erklingen lassen.
Wenn die Sonne untergeht, verwandelt sich die Plaza in eine Bühne des andalusischen Lebens – mit Stimmen, Lachen und dem Glitzern des Lichts auf dem Marmorbrunnen. Die Plaza de la Candelaria ist kein Ort, den man einfach besichtigt – sie ist ein Erlebnis. Hier vereinen sich Jahrhunderte von Geschichte, künstlerische Schönheit und die unverfälschte Lebensfreude von Cádiz. Wer über ihr Kopfsteinpflaster spaziert, spürt den Geist der Stadt – frei, stolz und ewig jung. (cs)




